Tamil Nadu

Die 34 Meter hohe Adiyogi Shiva-Büste in Coimbatore (Tamil Nadu) wurde ins Guiness Buch der Rekorde aufgenommen. Foto: Isha Yoga Foundation

Tamil Nadu, der südlichste Bundesstaat Indiens, hat eine Fläche von 130.060 km² und 72.147.030 Einwohner. Reiseführer für Tamil Nadu mit allen Highlights.

Region: Südindien | Hauptstadt: Chennai

Tamil Nadu ist das kulturelle Herzstück Südindiens und Hüter einer dravidischen Zivilisation, die auf über 2.000 Jahre Geschichte zurückblickt. Auf 130.060 km² leben mehr als 72 Millionen Menschen. Tamil, die Sprache des Staates, ist eine der ältesten lebenden Sprachen der Welt mit literarischen Ursprüngen vor 500 v. Chr. – und die Einwohner sind zu Recht stolz darauf.

Mit 38.615 Tempeln besitzt Tamil Nadu mehr Tempel als jeder andere indische Bundesstaat. Viele davon sind nicht nur Gebetsstätten, sondern architektonische Meisterwerke mit gewaltigen Gopurams (Tortürmen), die bis zu 60 m in den Himmel ragen und mit Tausenden bunt bemalter Figuren bedeckt sind. Die 1.076 km lange Küste am Golf von Bengalen ist die zweitlängste aller indischen Staaten.


Tourismus

Tamil Nadu bietet eine einzigartige Mischung aus prächtigen Tempeln, idyllischen Bergstationen, historischen Küstenstädten und einer lebendigen klassischen Kultur, die nirgendwo sonst in dieser Intensität zu erleben ist.

UNESCO-Welterbestätten

Die Monumentengruppe von Mamallapuram (1984) umfasst die Pallava-Felsentempel und den berühmten Shore Temple am Ufer des Golfs von Bengalen – eines der ältesten Steingebäude Südindiens. „Arjunas Buße", ein 27 m breites und 9 m hohes Felsrelief, gilt als größtes Freiluft-Basrelief der Welt.

Die Großen lebenden Chola-Tempel (1987, erweitert 2004) gehören zu den bedeutendsten Sakralbauten Indiens: Der Brihadishvara Temple in Thanjavur ragt mit seinem 66 m hohen Vimana über die Stadt – gekrönt von einem 80 Tonnen schweren Granitblock, der ohne Kran in diese Höhe gebracht wurde. Hinzu kommen der Gangaikondacholapuram-Tempel und der Airavatesvara-Tempel in Darasuram.

Die Nilgiri Mountain Railway (2005), ein UNESCO-Welterbe als Teil der „Mountain Railways of India", schlängelt sich mit ihrer Zahnradbahn von Mettupalayam hinauf nach Ooty – eine der steilsten Strecken Indiens und ein unvergessliches Erlebnis.

Die großen Tempelstädte

Madurai ist Tamil Nadus älteste und faszinierendste Stadt. Der Meenakshi Temple mit seinen 14 bunt bemalten Gopurams ist ein architektonisches Wunder, in dem täglich Tausende Gläubige beten und das abendliche Ritual der Götterehe (Meenakshi und Sundareshwar) zelebriert wird. Die Stadt war Sitz der Pandya-Könige und ein Zentrum der tamilischen Literatur – die legendären Sangam-Akademien tagten hier vor über 2.000 Jahren.

Thanjavur war die Hauptstadt des mächtigen Chola-Reiches, das zeitweise bis nach Südostasien herrschte. Neben dem UNESCO-Tempel ist die Stadt berühmt für ihre Thanjavur-Malerei – goldverzierte Kunstwerke auf Holz – und die Saraswathi Mahal Library, eine der ältesten Bibliotheken Asiens.

Kanchipuram, die „Stadt der tausend Tempel", war einst Hauptstadt der Pallava-Dynastie und beherbergt noch heute über 100 historische Tempel. Mindestens ebenso berühmt ist die Stadt für ihre Seidenweberei – ein Kanchipuram-Sari, handgewebt aus reiner Seide mit Goldfäden, ist das Hochzeitskleid Südindiens schlechthin.

Tiruchirappalli (Trichy) überrascht mit dem Rock Fort, einem 3,8 Milliarden Jahre alten Granitfelsen mitten in der Stadt, von dem man nach 437 Stufen eine atemberaubende Aussicht genießt. Der Ranganathaswamy Temple auf der Flussinsel Srirangam ist mit 63 Hektar der flächenmäßig größte Hindutempel der Welt.

Der Süden und die Küste

Kanniyakumari, der südlichste Punkt des indischen Festlands, ist der einzige Ort, an dem man den Sonnenauf- und -untergang über dem Meer erleben kann – hier treffen Arabisches Meer, Golf von Bengalen und Indischer Ozean aufeinander. Das Vivekananda Rock Memorial und die 40 m hohe Thiruvalluvar-Statue ragen aus dem Meer empor.

Rameswaram ist eine der heiligsten Pilgerstätten des Hinduismus und gehört zu den vier Char Dham. Der Ramanathaswamy Temple besitzt den längsten Tempelkorridor Indiens (1.220 m). Die historische Pamban Bridge, die die Insel mit dem Festland verbindet, war bis 2010 Indiens einzige Meeresbrücke.

Chennai, die Hauptstadt, verbindet Tradition und Moderne: Der Marina Beach ist einer der längsten Stadtstrände der Welt, der Kapaleeshwarar Temple ein Meisterwerk dravidischer Architektur, und Fort St. George erinnert an die britische Kolonialzeit. Chennai ist zudem das Zentrum der tamilischen Filmindustrie (Kollywood), die mehr Filme produziert als Bollywood.

Bergstationen

Ooty (Udhagamandalam), die „Queen of Hill Stations" auf 2.240 m, wurde von den Briten als Sommerresidenz gegründet. Der Botanische Garten, die Teefabriken und die UNESCO-Zahnradbahn sind die Hauptattraktionen. Kodaikanal, die „Princess of Hill Stations", bezaubert mit ihrem sternförmigen See und den Shola-Wäldern. Yercaud und Yelagiri bieten ruhigere Alternativen abseits der Touristenströme.

Naturerlebnisse

Das Anamalai Tiger Reserve schützt Tiger und Elefanten in den Westghats. Der Pichavaram Mangrove Forest ist das weltweit zweitgrößte Mangrovengebiet und lässt sich per Kanu erkunden. Der Gulf of Mannar Marine National Park bewahrt einzigartige Meeresbiodiversität mit Korallenriffen und Dugongs, und das Vedanthangal Bird Sanctuary ist Indiens ältestes Vogelschutzgebiet.


Geschichte

Ab dem 4. Jahrhundert gründeten aufeinanderfolgende Dynastien mächtige Reiche im heutigen Tamil Nadu. Die Pallava-Dynastie (6.–9. Jh.) hinterließ beeindruckende Felsentempel in Mamallapuram und entwickelte die dravidische Tempelarchitektur, die ganz Südindien prägen sollte. Die Chola-Dynastie (9.–13. Jh.) schuf eines der mächtigsten Reiche Südasiens – ihre Flotten beherrschten den Indischen Ozean, und ihr Einfluss reichte bis nach Indonesien und Kambodscha. Die monumentalen Tempel in Thanjavur und Gangaikondacholapuram zeugen von ihrer Macht.

Die Pandya-Dynastie machte Madurai zum Zentrum der tamilischen Literatur und Gelehrsamkeit. Im 17. und 18. Jahrhundert konkurrierten europäische Handelskompanien – Portugiesen, Niederländer, Franzosen und Briten – um die Vorherrschaft an der Koromandelküste. Großbritannien kontrollierte die Region schließlich als „Madras Presidency" bis zur Unabhängigkeit 1947, als Tamil Nadu offiziell als Bundesstaat gegründet wurde.


Klima & Geographie

Tamil Nadu gliedert sich in zwei Landschaftszonen: die östliche Küstenebene am Golf von Bengalen und die hügelige Westregion mit den Westghats, deren Gipfel bis zu 2.440 m erreichen. Der Staat profitiert von zwei Monsunzeiten – ein Vorteil, der die Landwirtschaft begünstigt.

Jahreszeit Monate Temperatur Hinweis
Trockenzeit Januar–Mai 20–40 °C Beste Reisezeit (Küste: Jan–März)
Südwest-Monsun Juni–September 25–35 °C Weniger Regen als an der Westküste
Nordost-Monsun Oktober–Dezember 22–30 °C Hauptregenzeit, Zyklongefahr

In den Bergstationen herrschen deutlich kühlere Temperaturen: Maximal 24 °C im Sommer, bis hinunter auf 3 °C in Winternächten.


Wirtschaft

Tamil Nadu besitzt die fünftgrößte Wirtschaft Indiens und zählt zu den am stärksten industrialisierten Bundesstaaten. Die Textilindustrie ist der wichtigste Sektor – besonders die Baumwollwebereien in Coimbatore und die Seidenproduktion in Kanchipuram. Chennai hat sich als „Detroit Indiens" etabliert: Rund 40 % aller in Indien produzierten Automobile stammen aus der Metropolregion.

Die Landwirtschaft bleibt bedeutend – etwa 45 % der Fläche werden für Reis, Erdnüsse, Mais, Bananen, Mangos und Zuckerrohr genutzt. Die IT-Industrie in Chennai wächst rasant, und der Staat verfügt über bedeutende Bodenschätze wie Granit, Kalkstein und Mineralsande. Tourismus und Informationstechnologie sind die am schnellsten wachsenden Sektoren.


Feste & Veranstaltungen

Pongal (Januar) ist Tamil Nadus wichtigstes Fest – ein viertägiges Erntedankfest, bei dem Reis in neuen Tontöpfen gekocht wird, bis er überschäumt (pongal = „überkochen") – ein Symbol für Überfluss und Wohlstand. Am zweiten Tag, Mattu Pongal, werden die Kühe geschmückt und verehrt. In manchen Regionen findet das umstrittene Jallikattu statt, eine 2.000 Jahre alte Stierbezähmungstradition, die trotz zeitweiliger Verbote leidenschaftlich weiterlebt.

Thaipusam ist ein spektakuläres Murugan-Festival, bei dem Devotees Kavadi-Gestelle auf den Schultern tragen, oft durchbohrt von Haken und Nadeln – ein Akt der Hingabe, der Außenstehende gleichermaßen fasziniert und erschreckt. Karthigai Deepam verwandelt den heiligen Berg Arunachala bei Tiruvannamalai in ein Flammenmeer, und das Natyanjali Dance Festival in Chidambaram vereint die besten Bharatanatyam-Tänzer des Landes vor der Kulisse des Nataraja-Tempels.


Kunst & Kultur

Bharatanatyam, einer der ältesten klassischen Tanzstile der Welt, hat seine Wurzeln in den Tempeln Tamil Nadus. Die komplexe Verbindung aus Rhythmus, Ausdruck und Mythologie wird bis heute in Chennai gepflegt, das als Zentrum des klassischen Tanzes gilt. Die Carnatic-Musik, die südindische klassische Musiktradition, erreicht ihren Höhepunkt jedes Jahr im Dezember/Januar bei der Chennai Music Season – dem größten Klassik-Festival der Welt.

Die Chola-Bronzen – Statuen von Göttern und Tänzern, die im Wachsausschmelzverfahren gegossen wurden – gehören zu den bedeutendsten Kunstwerken Indiens. Die berühmteste Darstellung, der tanzende Shiva Nataraja, stammt aus der Chola-Zeit und ist heute das Logo des CERN. Kolam, die tägliche Bodenzeichnung aus Reismehl vor dem Hauseingang, ist eine stille Kunstform, die jeden Morgen neu geschaffen und abends wieder ausgelöscht wird.


Küche

Die Küche Tamil Nadus ist vegetarisch geprägt und eine der vielfältigsten Indiens. Idli (gedämpfte Reiskuchen) und Dosa (knusprige Pfannkuchen aus fermentiertem Reis- und Linsenteig) mit Sambar (würzige Linsensuppe) und Chutneys bilden das Standardfrühstück, das inzwischen ganz Indien erobert hat. Rasam, eine pfeffrige Brühe aus Tamarinde und Tomaten, wird sowohl als Suppe als auch als Verdauungshilfe getrunken.

Die Chettinad-Küche aus der gleichnamigen Region ist berühmt für ihre Schärfe und ihren Einsatz exotischer Gewürze – Kalpasi (Steinblume) und Marathi Mokku (getrocknete Blütenknospen) finden sich in keiner anderen indischen Regionalküche. Serviert wird traditionell auf Bananenblättern, und der legendäre Filter Coffee – stark, süß und mit aufgeschäumter Milch – ist so etwas wie die Nationalreligion Tamil Nadus.


Anreise

Tamil Nadu ist hervorragend angebunden. Der Chennai International Airport (MAA) ist einer der größten Flughäfen Südindiens mit zahlreichen internationalen Verbindungen. Weitere Flughäfen gibt es in Madurai (IXM), Tiruchirappalli (TRZ) und Coimbatore (CJB). Das Bahnnetz ist ausgezeichnet ausgebaut – besonders empfehlenswert ist die UNESCO-Nilgiri Mountain Railway von Mettupalayam nach Ooty. National Highways verbinden alle wichtigen Städte, und Chennai ist der Endpunkt des Grand Trunk Road-Korridors.


Städte


Sehenswürdigkeiten


Wissenswertes

Tamil Nadu überrascht mit erstaunlichen Superlativen: Die 38.615 Tempel sind mehr als in jedem anderen indischen Staat – und viele davon sind keine Museen, sondern pulsierende Zentren des täglichen Lebens. Tamil ist nicht nur eine der ältesten lebenden Sprachen, sondern auch die erste indische Sprache, die den Status „Classical Language" erhielt. Die 2.000 Jahre alte Jallikattu-Tradition hat sogar eine Verfassungsänderung überlebt – so stark ist die Bindung der Tamilen an ihre Kultur. Und der Pichavaram Mangrove Forest, das zweitgrößte Mangrovengebiet der Welt, ist eine stille Gegenwelt zu den geschäftigen Tempelstädten – ein Labyrinth aus Wasserstraßen und Wurzeln, das man nur per Kanu erkunden kann.