Im Herzen von Varanasi
Varanasi, auch Benares oder Kashi genannt, ist die heiligste Stadt des Hinduismus. Fast wäre unsere Reise dorthin ausgefallen. Der Monsun hatte den Ganges so anschwellen lassen, dass die Ghats unter Wasser standen. Unser Hotel, das Brijrama Palace, erreicht man sonst nur über den Fluss. Absagen oder fahren? Es würde ein anderes Varanasi werden, dafür mit weniger Menschen. Das Hotel versprach eine Lösung. Wir fuhren, und ich wusste: An diesen Ort komme ich ohnehin zurück.
Das Auto bringt uns bis an den Rand der Altstadt. Es ist laut und heiß. Weiter geht es nur mit der Rikscha, unsere Koffer bekommen eine eigene, und ich muss darauf vertrauen, dass sie ankommen. Wir schlängeln uns durch die ersten Gassen, haarscharf an anderen vorbei. Alte Läden, Märkte, Kühe, Gerüche, Menschen, die wirken, als seien sie schon immer hier gewesen. Es erinnert an Old Delhi, nur das Licht fällt anders. Dann stößt unsere Rikscha mit einer anderen zusammen, ein Rad bricht. Sofort helfen Passanten, und wir kommen doch an. Im Palast ist es plötzlich still: ein herzlicher Empfang, ein kühles Zimmer zum Runterkommen. Unsere Koffer sind schon vor uns da.

Weil es tagsüber zu heiß ist, gehen wir erst am späten Nachmittag los. Händler verkaufen Obst, Gemüse und Ketten, Motorräder drängen sich bis in die engsten Wege. In einer verwinkelten Ecke fällt mir ein winziger Laden auf: Japa Malas aus Rudraksha-Samen, den „Tränen Shivas“, daneben Ketten aus kleinen Totenköpfen. Der Besitzer winkt mich heran, doch wir sprechen keine gemeinsame Sprache. In den nächsten Tagen kommen wir oft an ihm vorbei.
Am dritten Morgen machen wir eine Walking Tour. Affen springen zwischen den Stromkabeln über die Dächer, Ziegen liegen in den Hauseingängen, und plötzlich steht man vor einem Tempel, eng umbaut von Wohnhäusern. Viele Tempel, erzählt unser Guide, hätten die Bewohner früher vor neuen Herrschern geschützt, indem sie Häuser um sie herum bauten. Das Licht streift die Spitzen. Und trotzdem ist genug Platz für einen heiligen Ort.
Noch vor Sonnenaufgang sind wir am Kashi Vishwanath. Der Tempel mit den goldenen Kuppeln gilt als einer der heiligsten Indiens und ist Shiva geweiht. Er ist der Gott der Auflösung und Erneuerung und einer der drei Götter der Trimurti. Man sagt, die ganze Stadt gehöre Shiva. Eigentlich besucht man zuerst Kal Bhairav, eine furchterregende Form Shivas, Herr über Zeit und Tod und Wächter der Stadt. Wir gehen erst danach zu ihm. Mit Blüten als Opfergabe reihen wir uns in die Schlange ein. Viele kommen von weit her, um sich von ihren Sünden befreien zu lassen. Nach der Verbeugung vor der Gottheit betet ein Priester tantrisch über mir, klopft mir auf den Rücken und bindet mir einen schwarzen Faden um, als Schutz. Dazu ein schwarzer Tilak auf die Stirn und ein Blätterkranz. Auf dem Rückweg füllen sich die Straßen, in meinem Kopf wird es leer.
Am letzten Abend traue ich mich endlich in den Laden. Es dämmert, nur der kleine Raum leuchtet golden, eine Vitrine zur Gasse, dahinter Götterstatuen. Der Besitzer ist die Ruhe selbst, als hätte er uns erwartet. Die Totenkopfketten seien aus echtem Knochen, erklärt er, vermutlich Büffel. Sie gehören zu Kal Bhairav, der den Schädel Brahmas trägt, und erinnern an die Vergänglichkeit des Lebens. Der Familienladen besteht seit über 70 Jahren. Vielleicht hat mich genau das angezogen: In einer Welt, die immer schneller wird, gibt es hier noch Orte, die nicht an Zeit, sondern an Riten gebunden sind. Bevor er mir die Kette gibt, segnet er sie.
Zurück im Hotel sitzen wir auf der Veranda. Der Ganges liegt dunkel und still unter uns, während in den Gassen der Abend tobt. Irgendwo erklingt die Shankha, das Muschelhorn der Ganga Aarti. Chaos und Ruhe, nur eine Häuserreihe voneinander entfernt. Genau das ist Varanasi für mich: ein Ort, an dem man sich für einen Moment von der Zeit abkoppelt.

