Rendez-vous International du Carnet de Voyage in Clermont-Ferrand
Die 26. Ausgabe des Rendez-vous International du Carnet de Voyage findet von Freitag bis Sonntag, 13. bis 15. November 2026, im Polydôme in Clermont-Ferrand statt. Organisiert vom IFAV-Verein (Il Faut Aller Voir), ist diese Veranstaltung das weltweit größte Treffen, das sich Reisetagebüchern widmet.
Mit seinem Reise- und Skizzenbuch „Facelifting Kannagi Nagar“ ist der Münchner Architekt und Künstler Rainer Schoder auf dieser Veranstaltung, neben anderen Künstlern, vertreten.
Das Werk entstand auf Basis seiner Reisen nach Südindien (Chennai) zwischen 2024 und 2025. Es dokumentiert zeichnerisch und malerisch die beeindruckenden monumentalen Graffiti- und Street-Art-Kunstwerke im Viertel Kannagi Nagar in Chennai.
Kannagi Nagar war ursprünglich ein von Tsunami-Überlebenden und Umgesiedelten bewohntes, von Armut geprägtes Viertel. Durch ein massives Urban-Art-Projekt wurde es in ein offizielles „Art District“ (Kunstviertel) verwandelt, indem unzählige triste Hausfassaden von nationalen und internationalen Künstlern farbenprächtig bemalt wurden. Dieses optische und soziale Aufwerten des Viertels wird als das namensgebende „Facelifting“ verstanden.
Rainer Schoder ist seit mehr als 30 Jahren als freier Architekt in München tätig und hält seine Reiseeindrücke bevorzugt in gezeichneten Skizzenbüchern fest, wobei sein Fokus stark auf Kulturlandschaften, Architektur und Menschen in Indien liegt. Schoder stellt diese filigranen Reiseberichte und Carnets regelmäßig auf internationalen Festivals für Reiseskizzenbücher aus, in diesem Jahr auf dem Festival in Suze-la-Rousse in Frankreich.
Die riesige „Resettlement Site“ im Süden der indischen Metropole Chennai gilt als eines der bemerkenswertesten Beispiele für die soziale und visuelle Aufwertung eines marginalisierten urbanen Raums durch Kunst. Was im Februar 2020 als Initiative begann, hat das Viertel zu Indiens fünftem offiziellen „Art District“ transformiert.




Kannagi Nagar wurde primär gebaut, um mehr als 80.000 Menschen unterzubringen, die aus informellen Siedlungen der Stadt vertrieben oder nach dem verheerenden Tsunami von 2004 dorthin umgesiedelt wurden. Die Siedlung entwickelte schnell den Ruf eines sozialen Brennpunkts, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität.
Bewohner berichteten regelmäßig, dass ihnen Arbeitsplätze verweigert wurden oder Taxifahrer sich weigerten, das Viertel anzusteuern, sobald der Name Kannagi Nagar fiel. Das Viertel war sozial und geografisch vom restlichen Stadtgefüge Chennais abgeschnitten.
Unter der Leitung der gemeinnützigen Organisation St+art India Foundation, in Zusammenarbeit mit Asian Paints, der Greater Chennai Corporation (GCC) und dem Tamil Nadu Urban Habitat Development Board (TNUHDB), wurden die tristen, gleichförmigen Fassaden der Wohnblöcke in riesige, farbenfrohe Leinwände verwandelt. Mehr als 15 indische und internationale Künstler gestalteten mehr als 40.000 Quadratfuß Wandfläche mit monumentalen Murals (Wandgemälden).
Die Gemälde spiegeln die Identität der Bewohner wider. Sie behandeln Themen wie Migration, die Verbindung der ehemaligen Fischergemeinde zum Meer, das tägliche Leben auf lokalen Märkten und die Stärkung von Frauenrechten. So zeigt beispielsweise ein bekanntes Werk des Künstlers A-Kill das hyperrealistische, strahlende Lächeln zweier lokaler Mädchen.
Die auffälligen Graffiti haben den Diskurs über das Viertel verschoben. Statt Schlagzeilen über Kriminalität zieht das Viertel heute Besucher, Fotografen und sogar Filmteams an. Aus einer einstigen „No-Go-Area“ wurde ein stolzes Freiluftmuseum.
Das Projekt beschränkte sich nicht auf das passive Bemalen von Wänden. Organisationen wie das Aravani Art Project (ein Kollektiv von Transgender-Künstlerinnen) banden die Community aktiv ein. In Workshops für Kinder und Jugendliche wurden kreative Fähigkeiten vermittelt und Räume für sozialen Austausch geschaffen.
Die physische Verschönerung der Fassaden hatte einen direkten Einfluss auf das Verhalten im öffentlichen Raum; das unkontrollierte Urinieren oder Spucken an den Hauswänden ging in den bemalten Bereichen spürbar zurück. Müllplätze und vernachlässigte Freiflächen wurden teilweise in Orte für Feste und sportliche Aktivitäten umgewandelt.
Trotz des unbestreitbaren Erfolgs bei der Reduzierung des sozialen Stigmas bleibt das Projekt in der Stadtplanung nicht unkritisch. Viele Bewohner weisen darauf hin, dass die bunten Farben an den Fassaden die tiefgreifenden strukturellen Probleme im Inneren der Gebäude nicht lösen können. Es mangelt nach wie vor an einer zuverlässigen Trinkwasserversorgung, stabiler sanitärer Infrastruktur und langfristigen Beschäftigungsverhältnissen.
Das Graffiti-Projekt in Kannagi Nagar hat somit erfolgreich bewiesen, dass Kunst die Wahrnehmung eines Armenviertels radikal verändern und das Selbstwertgefühl einer Gemeinschaft stärken kann – es fungiert jedoch eher als Katalysator für Aufmerksamkeit und nicht als Ersatz für notwendige staatliche Infrastrukturinvestitionen.
Das Rendez-vous im Polydôme, Place du 1er mai, 63000 Clermont-Ferrand, ist am Freitag, 13. November 2026, als Tag für die Schulöffentlichkeit von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Am Samstag, 14. November 2026, ist es von 9 bis 19 Uhr und am Sonntag, 15. November 2026, von 9 bis 18 Uhr für die Allgemeinheit geöffnet.

Veranstaltungen
26. Rendez-vous International du Carnet de Voyage
Läuft über mehrere Tage: 13.11.–15.11.