Anshuman Sharma aus Himachal Pradesh erzählt, wie er seine Stimme fand
Anshuman Sharma hat Ingenieurwesen studiert und danach in einem IT-Unternehmen gearbeitet. 2023 kündigte er, um sich ganz der Musik zu widmen. Heute tritt der 26-Jährige aus einem Dorf in Himachal Pradesh als unabhängiger Sänger auf, singt auf Hindi und auf Englisch und bezahlt Produzent und Gitarristen für seine Aufnahmen selbst. In Bir hat ihn Robin Leo Hoffmann für seinen Videopodcast Still Human getroffen. Die siebte Folge ist am Samstag, 10. Oktober 2026, auf YouTube erschienen. Sie ist englischsprachig und dauert knapp 54 Minuten.
Kennengelernt haben sich die beiden in einem Künstlercafé in Bir. Sharma sprach Hoffmann an, weil er den großen Mann für einen Australier hielt. Hoffmann kommt aus Deutschland und stellt sich in der Folge als Schauspieler und Filmemacher vor. Für das Gespräch setzten sie sich bei Sharma zu Hause zusammen, während seine Mutter kochte. Schließlich beendet einsetzender Regen die Aufnahme.
Bekannt wurde Sharma in der Corona-Zeit. Damals stellte er alle zwei, drei Tage Videos auf Instagram, oft zusammen mit seiner Mutter, die ebenfalls singt. Ein gemeinsames Cover verbreitete sich stark, und es meldeten sich ein Label aus Mumbai und eine Managementfirma. Er sei jung und naiv gewesen und habe als Junge vom Dorf nicht verstanden, was das bedeute, sagt Sharma. Geantwortet habe er erst zwei Jahre später, heute bereue er das.
Ingenieur habe er nie werden wollen, erzählt er. Schon im zweiten Semester wollte er seinem Vater am Telefon sagen, dass er das Studium nicht fortsetzen möchte. Doch der Vater rief von sich aus an und fragte nur, ob er ihm Geld schicken solle, damit der Sohn am Abend auswärts essen gehen könne. Das habe ihn so gerührt, dass er weiterstudierte, schließlich habe er alles seinen Eltern zu verdanken. Er schloss das Studium ab, von dem er wegen der Pandemie nur zwei der vier Jahre vor Ort erlebte, und fand eine Stelle in einem IT-Unternehmen.
Den Wendepunkt beschreibt Sharma als einen Abend während der Pandemie. Bis dahin habe er nur aus dem Hals gesungen und versucht, die hohen Töne seiner Vorbilder Zayn Malik, Bruno Mars und Michael Jackson zu erreichen. An jenem Abend habe er plötzlich aus dem Zwerchfell gesungen, mit Bruststimme und Resonanz. Er sei selbst überrascht gewesen, habe seiner Mutter gesagt, dass er seine Stimme gefunden habe, und geweint. Deshalb habe er die Musik zum Beruf gemacht.
Ob er seither gezweifelt habe, fragt Hoffmann. Jeden Tag, antwortet Sharma lachend. Neben harter Arbeit gehöre auch Glück dazu. Seine Eltern sagten ihm bis heute, er solle wieder eine feste Stelle annehmen. In seinem Dorf gelte ein Alter von 28 oder 29 Jahren als das richtige zum Heiraten, und er kämpfe noch. Trotzdem unterstützten ihn die Eltern, auch weil seine Mutter als Sängerin die Mühen kenne. Wenn sie ihm den Stress ansehen, helfen sie gelegentlich auch mit Geld aus.
Er sei sehr schüchtern, sagt Sharma. Bei Auftritten bringe er kaum ein Wort heraus, das müsse er noch lernen. Halt gibt ihm das Schreiben. Seine Gedanken tippt er ins Handy, liest sie am nächsten Morgen wieder und lernt so nach eigenen Worten, seine Gefühle besser im Griff zu haben. Angefangen zu schreiben habe er aus Liebe. Sein erster veröffentlichter Song handle vom Leben und hadere mit Gott, gerade arbeite er an einem Lied über Liebeskummer. Der erste Song habe auf allen Streamingplattformen zusammen mehr als eine Million Aufrufe erreicht, ohne dass er ihn beworben habe.
Seine größte Ablenkung sei die eigene Komfortzone, sagt Sharma, in seinem Heimatort fühle er sich sehr wohl. Dagegen helfe nur, beschäftigt zu bleiben, zu schreiben und neue Musiker kennenzulernen. Selbst die Freiheit des Künstlerlebens empfinde er als Ablenkung, man müsse sich auch Grenzen setzen. Diesen Gedanken greift der englische Titel der Folge auf. Von seiner Mutter habe er gelernt, nicht schlecht über sich zu reden, weil Saraswati zuhöre, die hinduistische Göttin der Musik und des Lernens. Seither sage er sich, dass er Glück habe.
Still Human ist ein unabhängiger Videopodcast, den Hoffmann auf Reisen in aller Welt aufzeichnet. Links zu Sharmas Musik stehen in der Beschreibung des Videos.