Der Autor am See Manasarovar im Westen Tibets; im Hintergrund der heilige Berg Kailash, an welchem der Brahmaputra, der Sutlej, der Ganges und der Indus entspringen. Höhe etwa 4600 m.
Der Autor am See Manasarovar im Westen Tibets; im Hintergrund der heilige Berg Kailash, an welchem der Brahmaputra, der Sutlej, der Ganges und der Indus entspringen. Höhe etwa 4600 m.

Hindi Chini Bhai Bhai? Chinas Neue Seidenstraße – Indiens Dilemma

Der Autor am See Manasarovar im Westen Tibets; im Hintergrund der heilige Berg Kailash, an welchem der Brahmaputra, der Sutlej, der Ganges und der Indus entspringen. Höhe etwa 4600 m.
Der Autor am See Manasarovar im Westen Tibets; im Hintergrund der heilige Berg Kailash, an welchem der Brahmaputra, der Sutlej, der Ganges und der Indus entspringen. Höhe etwa 4600 m.

China und Indien als Brüder – das sollte in den 1950er Jahren der Slogan Hindi-Chini Bhai Bhai symbolisieren. China versorgte 1951 Indien mit Nahrungsmitteln; die Freundschaft zwischen Nehru und Mao ging so weit, dass Nehru 1954 sogar Reis an die (chinesischen!) Arbeiter verteilen ließ, die eine (chinesische!) Straße durch von Indien beanspruchtes Gebiet bauten! Indien unterstützte den Anspruch Chinas auf einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (der dann von der Republik China, also Taiwan, eingenommen wurde). Nehru hatte in einer heute als naiv bezeichneten Chinapolitik Tibet als chinesisch anerkannt und lange die Chinesen sogar in ihrem Anspruch bestärkt.

Whoever controls the Indian Ocean dominates Asia.
In the 21 st century the destiny of the world will be decided on its water.

Alfred Mahan, 1840-1914, US Navy Admiral (“Clausewitz of the Sea”)
Leh im neu geschaffenen indischen Union Territory Ladakh. Höhe ca. 3500m
Leh im neu geschaffenen indischen Union Territory Ladakh. Höhe ca. 3500m

Kann das heute noch gelten? 2013 verkündete Chinas Präsident und inzwischen nahezu alleiniger Machthaber Xi Jinping die „Neue Seidenstraße Initiative“, in China als „一带一路“, One Belt One Road bekannt. Seither schaut die Welt mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge auf Chinas wirtschaftspolitische Expansion nach Westen. Längst sind die Dimensionen über das hinaus gewachsen, was der deutsche Geograph Freiherr von Richthofen Ende des 19. Jhts. mit „Seidenstraße“ bezeichnete, nämlich eine Ansammlung von Handelswegen zwischen China und Europa. China ist auf dem afrikanischen Kontinent in einem Ausmaß aktiv, das den meisten Europäern nicht bekannt ist, und dies immer auf der Suche nach Rohstoffen. Nicht mehr nur Öl und Gas und Nahrungsmittel, sondern Coltan und Kobalt für unsere Handys und Autobatterien. Auch Südamerika ist längst im Fokus chinesischer Investoren, es gibt drei chinesische Stationen in der Antarktis, Gas wird aus Sibirien bezogen, und der Weltraum (erstmals landete 2019 eine chinesische Sonde auf der Rückseite des Mondes, eine Marsmission ist geplant) ist das nächste Ziel. In dieser Aufzählung fällt vor allem auf, dass zwei Mächte fehlen: Die USA und Indien. Die USA bewusst, da das zunehmende wirtschaftspolitische Gewicht Chinas auf der Weltbühne zu deren Lasten gehen wird (und soll; das erratische Verhalten des amerikanischen Präsidenten kommt den Chinesen sehr gelegen). Wie aber verhält es sich mit Indien?

Aus den zahlreichen Aspekten, unter welchen man diese Fragestellung betrachten kann, sollen hier drei relevante beschrieben werden. Das ist zum einen die hochbrisante Thematik der umstrittenen Grenzziehung im Himalaya und damit verbunden der China-Pakistan-Economic-Corridor (CPEC), der durch Kaschmir führt; dann die Maritime Silk Road, also Chinas Expansion im Indischen Ozean, und schließlich noch die Rolle Myanmars im Rahmen des Bangladesh-China-India-Myanmar Economic Corridor (BCIM).

Die Grenzziehung im Himalaya ist spätestens seit der Unabhängigkeit Indiens (1947) wie auch der Gründung der VR China (1949) strittig. Abgeordnete der tibetischen Theokratie hatten sich 1914 in der Simla Convention mit den britischen Machthabern und einer chinesischen Delegation auf eine Grenze verständigt, die aber nie von allen Seiten ratifiziert wurde; der chinesische Vertreter verließ die Konferenz sogar vorzeitig. Die sog. McMahon-Linie, wie Indien sie als Grenze postuliert und die sich an den natürlichen Wasserscheiden orientierte, wird von der VR China nicht anerkannt. Dies betrifft im Osten den indischen Bundesstaat Arunchal Pradesh, der auf chinesischen Karten als Tibet, also China, dargestellt wird; im Westen ist die Lage noch komplexer, da das von Indien beanspruchte etwa 38.000 qkm große Aksai Chin (tibetisch Ngari, nördlich von Kaschmir gelegen) von China kontrolliert wird. Ein weiterer Teil Kaschmirs, von Pakistan kontrolliert, wurde in einem Umfang von ca. 5000 qkm sogar von Pakistan an China abgetreten. Durch Aksai Chin bauten die Chinesen ihren National Highway 219 von Xinjiang nach Tibet, und hier soll auch der CPEC verlaufen, der Erdöl und –gas direkt vom pakistanischen, aber chinesisch kontrollierten Hafen Gwadar nach Westchina bringen soll, ohne das Nadelöhr Singapur passieren zu müssen.

Die indische Regierung unter Premier Modi nahm dem indisch-kontrollierten Teil Kaschmirs im August 2019 seinen seit der Unabhängigkeit Indiens bestehenden Sonderstatus und restrukturierte die Region in zwei Union Territories, einmal Jammu and Kashmir und einmal Ladakh. Noch (Januar 2020) ist die Situation unklar, aber dass dies massive Auswirkungen auf den CECC haben wird, ist evident. China wird zusätzlich tausende Soldaten in die Region entsenden. Was soll Indien tun? In Tibet und damit China liegt auch der heilige Berg Kailash, der dem mythologischen Mount Meru der Inder entspricht, dem Zentrum der Welt. Dort entspringen die wichtigsten Flüsse Indiens, namentlich der Brahmaputra, der Ganges, der Sutlej und der Indus. China sitzt am Wasserhahn für Pakistan, Indien und Bangladesch mit allen militärischen und wirtschaftspolitischen Implikationen! Ein Krieg um Wasserressourcen im Himalaya ist damit kein unrealistisches Szenario.

Dies ist aber nicht das einzige Dilemma. Im Indischen Ozean haben die Chinesen im Rahmen ihrer maritimen Seidenstraße den Hafen Hambantota auf Sri Lanka auf 99 Jahre geleast, nachdem die Regierung den zum Bau des Hafens gegebenen Kredit nicht bedienen konnte. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um die militärische Relevanz dieses Standortes zu erkennen. Mit der Politik der sogenannten „Shore of pearls“ hatte China schon vor Jahren begonnen, Indien „einzukreisen“; mit Hambantota und Gwadar hat sich China definitiv und fest im Indischen Ozean etabliert. Und die erste überseeische Militärbasis Chinas wurde in Dschibuti, am logistisch brisanten Horn von Afrika errichtet!

2017 besuchte die damalige indische Verteidigungsministerin Nirmala Sitharaman die Andaman and Nicobar Islands (ANI) und feierte Diwali dort. Dies unterstrich die feste Absicht der Regierung Modi, ANI zu entwickeln und dies nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem militärisch. Die Inselgruppe ist plötzlich ein wichtiger Baustein indischer Verteidigungspolitik, war sie auch bis dato ein nahezu vergessener (und in Deutschland ohnehin kaum bekannter) Teil Indiens. Indien baut somit die Reichweite seiner Navy aus und stärkt ebenfalls seine Präsenz in der so ungemein wichtigen Straße von Malacca, durch welche große Teile der weltweiten Ölversorgung (zum Beispiel nach China!) transportiert werden. Für China ist dies „Malacca Dilemma“ ein zentraler Grund, um den „Belt“ (die Landroute) mit der „Road“ (der Seeroute der Seidenstraße), die sich genau in Indien kreuzen, zu verbinden und Gwadar in Pakistan ebenso wie Kyaukpyu in Myanmar zu entwickeln. Indien muss und wird die ANI digital, militärisch, ökonomisch an das Festland anbinden und die Inseln auch untereinander eng vernetzen. Bereits 2016 fanden Gespräche mit Japan statt, um auf den Andamanen Smart Islands zu planen. Indien muss daran interessiert sein, die „Sea lanes of communication (SLOC)” im Indischen Ozean frei (von chinesischem Einfluss) zu halten.

In diesem Zusammenhang steht auch 2015 von China vorgeschlagene Bangladesh-China-India-Myanmar Economic Corridor (BCIM). Ebenfalls um das „Malacca Dilemma“ zu umgehen, wird Myanmar zu einem wichtigen Glied in der Seidenstraßeninitiative Chinas. Der Hafen Kyaukpyu an der Westküste soll per Bahn mit Kunming in China verbunden werden und dann im Rahmen der Multimodalität (Bahn, Straße, Schiff) Bindeglied in der Route nach Kalkutta werden. Myanmar, das sich von chinesischen Investoren geradezu überrannt sieht, versucht soweit möglich Eigenständigkeit zu bewahren und hat einen geplanten Staudammbau (Myitsone-Talsperre) der Chinesen gestoppt.

Indien liegt somit zwischen zwei Atommächten, Pakistan und China, die eng kooperieren und keinesfalls demokratisch agieren. Es sieht daher die USA, hier vor allem den derzeitigen Präsidenten Trump und seinen Handelskonflikt mit China, als Verbündeten an. Auch Japan steht China bekanntlich misstrauisch gegenüber. Damit stehen 3 von 5 relevanten Mitspielern in diesem neuen „Great Game“ in Asien zusammen; was aber wird Russland tun? Aus geopolitischer Sicht wird Russland für Indien eine entscheidende Rolle spielen.

Erneut: Was soll Indien tun? Hindi-Chini Bhai Bhai, Brüder, wohl nicht mehr, dafür gab es zu viele Konflikte und zu viel Misstrauen. China aufgrund des befürchteten Machtzuwachses bekämpfen oder von den Möglichkeiten profitieren, die die marode indische Infrastruktur wie auch die Konnektivität Indiens mit den umgebenen Staaten mit chinesischer Unterstützung ins 21. Jhd. bringen könnten? Vielleicht muss Indien sich gar nicht entscheiden. Vielleicht kann es jeweils projektbezogen agieren; hier eine Straße der Chinesen im Himalaya zu verhindern suchen, dort aber eine Zusammenarbeit über Grenzen hinweg unterstützen. Die Seidenstraßengipfel Beijings weiterhin boykottieren, aber dennoch eine Straße nach Bangladesch und Myanmar bauen. Die Andamanen zu Smart Islands ausbauen, aber sich den Einfluss auf Nepal erhalten. Indien muss strategisch vorgehen, vor allem aber muss es eine Strategie in Bezug auf die chinesische Seidenstraßenpolitik erst einmal entwickeln. Schnell.

Dr. Manuel Vermeer

Dr. Manuel Vermeer

Halb-Inder und Halb-Deutscher, Sinologe, Hochschullehrer, Inhaber der Dr. Vermeer Consult und Krimiautor, unterstützt seit über zwei Jahrzehnten europäische Unternehmen in China und Indien. Er ist national und international als Keynote Speaker zu Politik und Wirtschaft Asiens aktiv. In seinen Krimis beschreibt er u.a. die indisch-chinesische Situation im Himalaya und das Risiko eines Krieges um Wasser dort.

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