Home - Magazin - Gesellschaft - Geschichten über Indien: Die Kunst der deutschen Medien schlechte Stimmung zu verbreiten

Geschichten über Indien: Die Kunst der deutschen Medien schlechte Stimmung zu verbreiten

Wir lesen Indien und denken Vergewaltigung. Die großen Zeitungshäuser unseres Landes sind an dieser limitierten Assoziation nicht schuldlos. Zweifellos erfüllen uns die tragischen Vergewaltigungsvorfälle in Indien mit tiefer Bestürzung, insbesondere auch der brutalen Umstände wegen. Doch Butter bei die Fische, die Medienlandschaft um Spiegel & Co. informiert in einer erstaunlichen Oberflächlichkeit und Einseitigkeit über die Taten, als handele es sich um ein aktuelles Trendthema aus dem Boulevardjournalismus.

Der Spiegel titelt diese Woche: “Gruppenvergewaltigung in Indien: Peiniger ließen ihr Opfer nicht ins Krankenhaus“. Sieht man mal von der Notwendigkeit ab, über dieses Ereignis zu informieren, so bleibt am Ende des Tages ein hochgradig polemischer Beitrag mit szenischen Elementen und vagen Quellenangaben, in dem der Autor das Opfer mit dem Satz „Ich konnte nicht zählen, wie oft” zu Wort kommen lässt. Die Bilder im Beitrag unterstützen nur den polemischen Charakter und führen den ohnehin schon stark emotionalisierten Leser noch näher an das Geschehen heran. Hier der Dorfrat, da der Tatort – Seien Sie hautnah dabei! – könnte die Bildunterschrift heißen. In gleicher Manier berichtet Die Welt über  neueste Vergewaltigungsdelikte in Indien: “Vergewaltigt, weil sie nachts aufs Klo gehen“, so die  Autorin in der übergroßen, fettgedruckten Überschrift. In dem subjektiv gefärbten Beitrag glaubt sie zu  wissen, dass sexuelle Gewalt in Indien „allgegenwärtig“ ist. Was dann folgt sind  Verallgemeinerungen, Superlative und in der Tat Unwahrheiten. Schließlich kommt ein Experte zu  Wort, der die Lösung kennt: Sanitäre Einrichtungen.

Ist denn deutscher Journalismus nicht mehr der Wahrheit verpflichtet? Es sollte doch im Interesse der Medienredakteure sein, Informationen über die Vergewaltigungsfälle nicht losgelöst von den indischen Gesellschaftsstrukturen zu betrachten. Denn wenn die deutschen Medien das täten,  wüssten auch ihre Leser, dass fehlende Toiletten in Indien nicht das Problem sind.

Ein Kommentar von Nadin Gramms

Auch Interessant:

ANDHERI HILFE

Prominente Bonner werden Botschafter und Partner der ANDHERI HILFE

Mit einer öffentlichkeitswirksamen Auftaktveranstaltung startete die Bonner ANDHERI HILFE am Montag in ihr 50stes Jubiläumsjahr. …

2 comments

  1. Ulrike vom Bambooblog

    Ich bin der Meinung, dass die Missstände in Indien ganz laut und wenn#s so sein soll auch polemisch angeprangert werden müssen! Die Menschen, dabei besonders die Frauen, benötigen unsere Unterstützung. Die Verhältnisse in Indien sind viel schlimmer als man sich das hier überhaupt vorstellen kann. Dazu empfehle ich das Buch “Indiens verdrängte Wahrheit” von Georg BLume und Christoph Hein. Die beiden Autoren sind erfahrene Journalisten, die Indien sehr gut kennen. Meine Rezension zu dem Buch findet Ihr hier: http://wp.me/p3K8cK-uN
    Schöne Reisebeschreibungen und tolle Fotos von den wunderschönen Palästen und Moscheen Indiens findet man überall. Deshalb sollte man so oft es geht auch auf die “verdrängte Wahrheit” Indiens hinweisen.
    Und richtig: Fehlende Toilette sind nicht das Problem.

  2. Mit diesen dramatischen Berichten, die nur Ängste fördern und Touristen davon abhalten nach Indien yu reisen wird die Situation der Frauen aber ganz bestimmt nicht besser. Meiner Meinung eher im Gegenteil, das Land verarmt noch mehr und wieder sind die Mädchen und Frauen die dummen.
    In Tailand wird schon immer mehr vergewaltigt, wenn auch oft gegen Bezahlung und vor allm mit mehr Todesfolgen, davon schreiben die nichts und von den vielen Vergewaltigungen hier in Deutschland (lt Polizeistatistik wohl alle 68 Minuten!!!) erst recht nicht.
    Das soll wichtige Aufklärung sein?

Schreibe einen Kommentar