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Indien Magazin

Kultur

Rückblick auf das „New Generations – Independent Indian Film Festival“


01.11.2011

(Teil 1) Das kleine, aber wirklich sehr feine „New Generations – Independent Indian Film Festival“ im preisgekrönten Kino Orfeos Erben in Frankfurt/Main zeigte dieses Jahr wieder Highlights aus dem neuen indischen Realismus im Film. Auch die dritte Ausgabe dieses facettenreichen, dreitägigen Festivals unter Leitung von Petra Klaus und Binu Kurian Joseph wurde seinen hohen Ansprüchen gerecht. Teilweise schonungslos, teilweise humorvoll zeigten die Filme Aspekte des Alltags auf dem indischen Subkontinent, die in der Traumwelt Bollywoods so nicht vorkommen.

Eröffnet wurde der Filmreigen mit dem wunderbar tragikomischen Film „West is West“, eine Fortsetzung des Überraschungserfolgs „East is East“ aus dem Jahr 1999. Teil 1 der Komödie – East is East – spielt in Salford, einem verregneten, heruntergekommenen Außenbezirk Manchesters, und zeigt äußerst humorvoll die Konflikte zwischen westlichen und den pakistanisch-muslimischen Traditionen, die der britisch-pakistanischen Familie Khan Probleme bereiten.

In Teil 2 wird der Schauplatz nach Pakistan verlegt. Sajid, der jüngste Sohn der Khans, schwänzt regelmäßig die Schule, weil er als Pakistani von seinen britischen Mitschülern massiv gemobbt wird. Als er auch noch im Kaufhaus klaut, reist Papa Khan mit ihm nach Pakistan, damit er dort die alten Werte kennenlernt. Die Lektion, die er seinem Sohn erteilen wollte, wird Papa George Khan jedoch selbst erteilt: Zum ersten Mal seit 30 Jahren sieht er seine zwei Töchter und Ehefrau Nummer 1 in Pakistan wieder. Zwar hat er während all der Jahre regelmäßig Geld geschickt, doch als Familienvater war er nicht für sie da. In England hat er sich eine neues Leben aufgebaut, eine Britin geheiratet und mit ihr weitere Kinder gezeugt. Die Konfrontation mit seiner pakistanischen Familie, den Nachbarn und früheren Freunden, die nicht verstehen, wie man seine Familie derart im Stich lassen kann, die Ressentiments und die Enttäuschung, die er zu spüren bekommt, lassen ihn an sich und seiner Rechtschaffenheit zweifeln. Immer wieder verzögert er die Abreise.

Als dann noch Ehefrau Nummer 2 aus England anreist, um den monatelang verschwundenen Gatten und ihren Sohn wieder nach Hause zu holen, läuft wirklich alles aus dem Ruder: Die Ehefrauen giften sich an, Sajid, der sich zunächst vehement gegen die Reise nach Pakistan gewehrt hat, hat sich gut akklimatisiert und will nicht mehr zurück nach England und George muss sich entscheiden, wo er hingehört. Am Ende ist die Harmonie dann wieder hergestellt. Bis dahin schlägt der Film jedoch – neben einer Menge witziger Passagen – auch ziemlich ernste Töne an und zeigt auf, wie zerrissen Menschen sind, die ihre Heimat verlassen (müssen), um woanders ihr Glück zu suchen bzw. überhaupt erst einmal ein menschenwürdiges Auskommen zu haben. In der Fremde können die Auswanderer ihre Wurzeln nicht einfach abstreifen, müssen sich ihrer neuen Umgebung aber wenigstens etwas anpassen. Und so werden sie in ihrem Geburtsland sowie in der neuen Heimat immer Fremde bleiben, eine Art Zwitter aus den Resten der alten und Teilen der neuen Kultur.

Obwohl schließlich alle Beteiligten im Reinen mit der Situation scheinen, die Georges Auswanderung nach England mit sich brachte, bleibt trotz der immanenten Komik, die das Zusammenprallen zweier Kulturen mit sich bringt, doch auch ein nachhaltiger Eindruck von dem Dilemma, in dem sich Auswanderer und ihre Familien befinden.

("West is West" soll am 02.02.2012 bei uns in die Kinos kommen.)

Im zweiten Teil des ersten Festivaltags wurde eine bunte Palette an Kurzfilmen aus und über Indien gezeigt. Die Reihe „No Masala – Travelling Indian Short Films“ des Kurators und Filmemachers Bernd Lützeler wird leider eingestellt. In Frankfurt war noch einmal ein „Best of No Masala“ zu sehen. Fehlen durfte in diesem Programm natürlich nicht der Publikumsliebling der letzten Jahre, „With 500 Rupies to Heaven“. Die Macher dieses vergnüglichen Kurzfilms traten mit einem ungewöhnlichen Fahrtziel an Motor-Rikschafahrer in Chennai heran: „We want to go to heaven. How much is it?“ Die Reaktionen der geschäftstüchtigen Rikschafahrer waren verblüffend – von erst einmal losfahren, um dann zu fragen: „Do you know the address?“ bis „We don’t have heaven right now in Chennai, but it’s coming soon.“ Gleich zweimal wurden die Filmemacher zum Strand gebracht – „This is heaven. It’s nice.“ – einmal zu einer Shopping-Mall – „This is heaven. You can get everything here.“ – Und nur ganz wenige gaben zu, sie wüssten nicht, wo „heaven“ sei. Rikscha-Fahrer in Chennai kennen den Weg – auch den Weg in den Himmel.

Neben diesem Highlight wurden aber auch Animationskurzfilme, Musikvideos, ein Dokumentarfilm über Straßenkinder in Bangalore oder Experimentalfilme gezeigt. Ein äußerst breites Spektrum, das sicherlich kontrovers diskutiert werden könnte, aber auf jeden Fall die ungeheure Bandbreite, Kreativität und Experimentierfreudigkeit der indischen Filmschaffenden jenseits von Bollywood dokumentiert. Wirklich schade, dass diese Kurzfilmreihe eingestellt wird. tk

(Die Fortsetzung des Rückblicks auf das New-Generations-Festival finden Sie hier: http://www.indienaktuell.de/magazin/rueckblick-new-generations-independent-indian-film-festival-teil-2-20364/)

Trailer „West is West“: http://westiswest.com/