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Amritsar Sikhismus

Zwischen Geschichte und Gegenwart: Der goldene Tempel in Amritsar

editor • 06.05.2019 • 3 • 9 Min.
Goldener Tempel
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Goldener Tempel
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Zwischen Geschichte und Gegenwart: Der goldene Tempel in Amritsar

|

Er ist ein Wallfahrtsort für Inder und ausländische Touristen. Tausende pilgern jeden Tag zum Harmandir Sahib, dem goldenen Tempel von Amritsar. Nackte Füße gleiten über weißen Mamor, Sikhs baden in dem heiligen Wasser des Tempelbeckens und Besucher schießen begeistert ihre Fotos vor dem golden-glänzenden Gebäude in dessen Zentrum. Verschiedenste Menschen speisen zusammen in den Hallen des Langar, der größten Freiküche der Welt. Der goldene Tempel ist Sinnbild interreligiöser Offenheit und gleichzeitig Ort zahlreicher gewalttätiger Auseinandersetzungen.

Eine Oase der Ruhe

Einen Moment der Ruhe sollte man sich gönnen, sich einfach in den Schatten der weißen Galerien auf den kühlen Mamor setzen und durchatmen. Indien kann hektisch sein, überfüllt mit Autos und mit Menschen. Trotz der vielen Menschen, Pilger wie Touristen, bildet der Harmandir Sahib doch eine Oase der Ruhe. Musik und Verse, welche schon seit Jahrhunderten rezitiert werden, erfüllen die Luft und schlucken den Lärm der Außenwelt. Nur ab und zu dringt metallisches Klappern herüber. In jeder Ecke des Tempels wird von freiwilligen Helfern Wasser ausgeschenkt und Geschirr gespült.

Die Menschen, welche im Uhrzeigersinn das riesige, quadratische Becken umrunden, sind vielseitig und verschieden. Da ist der alte Greis auf dem Krückstock, mit blauem Turban und langem Rauschelbart, welcher beim Anblick des Tempels auf die Knie geht und sich verbeugt; die jungen Mädchen, welche mit knallrotem Lippenstift und moderner Kleidung ihre Selfies vor dem goldenen Allerheiligsten der Sikhs schießen; und eine Menge Familien. Sie tragen behelfsmäßige Kopfbedeckungen, aus Respekt zu den heiligen Schriften im Inneren des Gebäudes.

Viele Gäste sind Hindus oder Christen und gelegentlich finden sich auch Muslime unter ihnen wieder. Während einige Sikhs ihr heiliges Bad im Becken des Tempels nehmen, staunen die restlichen Besucher über die eindrucksvolle Architektur, die Sauberkeit und die unglaubliche Organisation des Tempelalltags, welcher so viel zu bieten hat. Alles ohne Eintritt, mit freier Verpflegung und vor allem dem Gefühl, willkommen zu sein. Kaum würde man glauben, dass es an diesem Ort vor nicht allzu langer Zeit zu so viel Leid und Blutvergießen gekommen ist. Tatsächlich war der Tempel Schauplatz einer Militäroperation, welche schließlich auch das tödliche Attentat auf die berühmte indische Premierministerin Indira Gandhi zur Folge hatte.

Vor dem Eingang des Allerheiligsten stehen Gläubige wie Touristen Schlange. (Foto: Nils Heininger)
Vor dem Eingang des Allerheiligsten stehen Gläubige wie Touristen Schlange. (Foto: Nils Heininger)

Zwischen Miteinander und Gegeneinander

Dabei wurde der Tempel einst als Zeichen der Offenheit und des Miteinanders gebaut. Zunächst gab es nur einen kleinen Weiher, welcher von den frühen Sikhs erworben wurde. Der vierte spirituelle Führer der Sikhs, Guru Ram Das, baute aus dem Weiher ein großes Becken. Dieses sollte als Zentrum der Sikh-Bewegung gelten. Zu dieser Zeit gab es die Stadt Amritsar noch nicht, das Land war kaum besiedelt. Doch mehr Menschen ließen sich an dem Ort nieder und es bildete sich das Städtchen Ramdaspur, die Stadt des Ram Das. Im Jahre 1581 kam dann der Tempel der Sikhs, der Gurudwara, was wörtlich das „Tor zum Guru“ bedeutet, dazu. Er wurde unterhalb der restlichen Stadt gebaut, um Demut zu zeigen.

Der Ort bekam weiteren Zulauf, der Tempelkomplex war zu allen vier Seiten offen, um alle Menschen einzuladen. Doch die Offenheit und das Interesse der Menschen wurden den Sikhs zum Verhängnis. Die muslimischen Moghul-Herrscher fühlten sich durch die wachsende Bewegung bedroht. Im Jahr 1606 nahmen sie den damaligen Guru Arjan gefangen und hängten ihn. Dies war der Start einer langen Phase der Gewalt. Im gesamten 17. Jahrhundert gab es immer wieder Übergriffe auf dem Tempel: Das Becken wurde mal mit Abfällen, mal mit toten Tieren, mal mit Sand gefüllt und besudelt. Auch zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen und Zerstörungen. Doch der Tempel wurde immer wieder aufgebaut und erweitert.

Seine heutige Gestalt bekam der Gurudwara im Jahre 1830. Das Gebäude aus Marmor und Kupfer wurde in den Pool gebaut und schließlich mit Gold überzogen. Heute strahlt er den Besuchern in dieser Form noch immer imposant entgegen. Die Stadt um den Tempel heißt heute nicht mehr Ramdaspur, die Stadt des vierten Gurus. Der Name Amritsar verweist stattdessen auf den „Nektarsee“ – dem Becken, in welchem ein Bad so viel Wert sein soll wie 68 andere Pilgerreisen. Trotz der Umbenennung ist der Geist der frühen Gurus noch immer präsent und allgegenwärtig. Die Verse der Musik, welche einen Großteil des Tages durch den Tempel klingen, stammen zum Teil aus den Anfangszeiten des Sikhismus. Auch das Konzept der Offenheit wird heute noch gelebt und symbolisiert. Der Tempel wurde zwar weitreichend ausgebaut und von den Gebäuden des Komplexes eingerahmt. Doch das Grundprinzip bleibt gleich: An allen vier Seiten des Beckens gibt es einen Zugang zum Inneren.

Khalistan und das Attentat auf Indira Gandhi

Diese offene Symbolik mag jedoch auch davon ablenken, dass es neben all der Offenheit auch zur Abgrenzung gekommen ist. In den 1980ern wurde die Idee eines Sikh-Staates populär. Vor allem im indischen Punjab, wo 57,7% der Bevölkerung der Sikh-Gemeinschaft angehörten, bekam die Unabhängigkeitsbewegung großen Zulauf. Ein neuer Staat, Khalistan, sollte zwischen dem muslimischen Pakistan und dem größtenteils hinduistischen Staat Indien entstehen. Die indische Regierung beobachtete die Bewegung mit Argwohn. Als die Lage schließlich zu bedrohlich wurde, entschied Premierministerin Indira Gandhi 1984 die Bewegung zu zerschlagen.

Im Juni des Jahres stürmten indische Truppen den Tempelkomplex mit dem Ziel, Jarnail Sing Bhindranwale, den Führer der Khalistan-Bewegung, zu töten und seine Anhängerschaft zu vertreiben. Die Operation Blue Star, dauerte eine ganze Woche, die Kämpfe forderten hunderte von Toten, unter ihnen auch der Separatist Bhindranwale. Zusätzlich kam es zu Auseinandersetzungen mit Widerständlern im gesamten Punjab.

Neben den Kämpfen in der Bevölkerung hatte Operation Blue Star noch weitreichende Folgen. Im Oktober 1984 wurde Indira Gandhi von ihren Sikh-Leibwächtern durch ein Attentat getötet. Trotz ihrer Religionszugehörigkeit habe Gandhi sie zuvor nicht entlassen wollen, da sie in Indien einen Staat für alle Menschen sehe. Dies wurde ihr jedoch zum Verhängnis und wieder kam es zu Gewaltausbrüchen, bei welchen Tausende von Sikhs ihr Leben ließen.

Symbolik der Offenheit

Auch wenn es heute wieder friedlich am goldenen Tempel zugeht, werden die Attentäter Indira Gandhis dort doch als Märtyrer gefeiert. Die Khalistan-Bewegung hat jedoch ihren Wind aus den Segeln verloren und so merken Besucher am goldenen Tempel im Alltag nichts mehr von den Spannungen. Heute begrüßen und helfen den Besuchern an jeder Ecke freundliche Sikhs, ausgestattet mit edlem Gewand, Turban und Lanze. Das Gepäck und die eigenen Schuhe kann man dank freiwilliger Unterstützung in sichere Verwahrung geben und ausländische Gäste können umsonst in den Gästezimmern des Gurudwara übernachten. Man fühlt sich willkommen, an diesem Ort.

Die größte Freiküche der Welt

Am beeindruckendsten ist jedoch vielleicht das Langar. Das Gebäude vor dem Südost-Eingang ist ein riesiger Speisesaal auf mehreren Ebenen. An Hochtagen werden hier über 100 000 Menschen pro Tag mit Essen versorgt. Zwar ist die Mahlzeit beschränkt auf einfaches, vegetarisches Essen: Meistens Linsen, Milchreis, gemischtes Gemüse und Roti, indisches Brot. Es ist mehr als empfehlenswert, sich zu den Menschen aller Geschlechter, Herkünfte und Religionen auf den Boden zu setzen und zusammen zu speisen.

Alle Menschen sind eingeladen mitzuhelfen, wie hier beim Gemüse schälen und schneiden. (Foto: Nils Heininger)
Alle Menschen sind eingeladen mitzuhelfen, wie hier beim Gemüse schälen und schneiden. (Foto: Nils Heininger)

Die Symbolik der Offenheit überträgt sich auch auf die Organisation der Arbeit. Alle Menschen sind eingeladen bei den Essensvorbereitungen zu helfen. Zwar findet das eigentliche Kochen in gigantischen Schüsseln über großen Feuern statt. Doch Tonnen von Zwiebeln müssen geschält, tausende Erbsen gepuhlt und haufenweise Tomaten geschnitten werden. Überall sitzen Familien und Freunde zusammen und unterstützen die Arbeit. Auch das Geschirr wird von Freiwilligen gesammelt und gespült. Für die Sikhs ist der Freiwilligendienst im Gurudwara eine wichtige Tugend. Die Speisen und finanziellen Mittel kommen als Spenden aus dem In- und Ausland.

Integration oder Abgrenzung?

Neben der atemberaubenden Schönheit des modernen Tempelkomplexes wirkt der Ort so auf ganz eigene Weise integrativ. Er ist der heiligste Ort der Sikh-Gemeinde, aber dennoch kann jeder Mensch teilhaben und sogar teilwerden. Teil einer Bewegung, die vielleicht in der Zukunft wegweisend sein kann als ein Symbol der Zusammenarbeit und Toleranz. Auch in Zeiten der zunehmenden politischen Spaltung der Gesellschaft. Es bleibt zu hoffen, dass das positive Gefühl, mit welchem die Besucher den Tempel verlassen nicht nur eine Fassade bleibt. Einen Besuch ist der Tempel in jedem Fall wert. Sei es nur für das Gefühl der Möglichkeit aus einem Ort der Gewalt und der Spaltung etwas Größeres zu schaffen.

Infos zu Anreise und Unterkunft:

Nach Amritsar fahren viele Busse und Bahnen. Von Delhi ist Amritsar täglich innerhalb von sechs bis acht Stunden erreichbar. Aus Chandigarh, der Hauptstadt des Punjabs, fahren mehrmals täglich Busse nach Amritsar. Die Fahrtzeit beträgt ca. vier Stunden. Auch Bahnfahrten sind möglich. Rückfahrten können leicht an den zahlreichen Reisebüros in der Tempelgegend gebucht werden. Vom Bahnhof oder Busbahnhof aus sind es nur zehn Minuten mit der Auto-Rikscha bis zum Tempelbereich.

Für hartgesottene Rucksacktouristen ist die Übernachtung im Shri Guru Ram Gebäude gegenüber des Südost-Eingangs des Tempels kostenfrei möglich. An speziellen Feiertagen oder in der wärmeren Saison zwischen Februar und Mai kann es dort jedoch auch gelegentlich überfüllt sein. Ansonsten bietet die Gegend um den Tempel zahlreiche Hotels und Gästehäuser jeglicher Preiskategorien an. Auch für das Souvenir-Shopping, ist die Gegend um den Tempel gut ausgebaut. In einer autofreien Zone im Nordosten des Tempels bieten zahlreiche Läden Andenken und Kleidung feil.

Infos zum Verhalten vor Ort:

Zwar ist der Harmandir Sahib offen für alle Besucher, jedoch gilt es, sich an einige Regeln zu halten. Auf dem weitläufigen Gebiet rund um den Tempel ist das Rauchen und der Verzehr von Alkohol nicht gerne gesehen. Im Tempelkomplex ist beides komplett untersagt. Frauen sollten sich nicht allzu freizügig Bekleiden und jeder Besucher, der den Tempelkomplex betreten will, muss den Kopf bedecken. Hierfür stehen an den Eingängen Kopftücher zur freien Verfügung. Es ist nicht notwendig, diese von den Straßenhändlern zu erwerben.

Gelegentlich kommt es zu Taschenkontrollen vor dem Tempel. Hier wird vor allem darauf geachtet, dass kein Alkohol oder Tabakwaren mit in den Tempel genommen werden. Auch Stative für die Kamera sind verboten. Außerdem ist das Fotografieren von badenden Menschen, sowie generelles Fotografieren zu bestimmten Zeiten untersagt. Im Zweifel und bei weiteren Fragen stehen überall hilfsbereite Wächter und Organisatoren zur Verfügung. Diese sprechen meist Englisch und helfen den Gästen gerne weiter.

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