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Aus dem Schatten des Ararat – die Armenier in Indien

Andressen • 29.09.2015 • 4 Min.
INDIENaktuell
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Aus dem Schatten des Ararat – die Armenier in Indien

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Als außergewöhnliche Minderheit fallen einem für Indien zumeist die aus dem alten Persien stammenden zoroastrischen Parsis, mit ihren Türmen des Schweigens ein. Aber es gibt auch eine winzige armenische Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrhunderten in Indien lebt und seine besondere Nische als Wirtschaftselite gefunden hat.

Die Armenier blicken auf eine gut 3.000 Jahre alte bewegte Geschichte zurück. Der heutige Staat Armenien im Kaukasus stellt nur noch einen Bruchteil ihres zeitweiligen Siedlungsgebietes dar, das vom Kaukasus über fast ganz Anatolien bis zum Mittelmeer reichte. Vom 16. bis 19. Jahrhundert siedelten Armenier in ganz Asien und Ostafrika und bildeten kleine Kolonien an allen wichtigen Handelsplätzen. In Indien gab es Armenier in Surat, Agra, Bombay (Mumbai), Madras (Chennai) und Bengalen. Als Händler profitierten sie von den relativ sicheren Verhältnissen im indischen Moghulreich und konnten ihren Platz auch behaupten, als sich die europäischen Kolonialmächte auf dem indischen Subkontinent festsetzten. Dabei kam ihnen zupass, dass sie als Christen immer eine gesonderte Rolle in der indischen Gesellschaft einnahmen. Das Christentum schützte sie auch vor der totalen Ünterwerfung durch die kolonialistischen Europäer.

Am Hof der Moghuln in Agra unter Akbar dem Großen und anderer indischer Herrscher wie den Scindias von Gwalior erlangten Armenier hervorragende Stellungen in der Administration. Sie waren angesehene Bürger, die ihre christliche Religion in eigenen Kirchengemeinden frei ausüben durften.

In den Metropolen des Mogulreiches handelten die Armenier mit Edelsteinen, Seide und Gewürzen. Ihre Handelsnetze reichten über den Nahen Osten bis nach Russland, Istanbul und Europa. Lange war Surat ihr wichtigster Stützpunkt in Indien, wo sie mit Engländern, Niederländern und Portugiesen konkurrierten. Ende des 18. Jahrhunderts verlor Surat seinen Status als westlicher Hafen Indiens an Bombay. Die Armienier folgten dem Handel und siedelten sich darauf hin im britischen Bombay an. 1796 errichteten sie dort die St. Peter's Church in der Meadows Street (heute Nagindas Master Road, Fort, Mumbai). Wo immer sich die Armenier niederließen, bauten sie eine Kirche, die ihr kulturelles und gesellschaftliches Zentrum bildete. Meist lebten die armenischen Familien in unmittelbarer Umgebung ihrer Kirchen, in dem sie den armenisch-christlichen Ritus pflegten.

In Madras (Chennai) gab es bereits im 16. Jahrhundert Armenier und sie blieben auch dort, als sich die Briten Chennai bemächtigten. 1712 erbauten die Armenier die St. Thomas's Church in der Armenian Street. Mitglieder der armenischen Gemeinde wie Petrus Woskan stiegen bis in die Führungsriegen der britischen Administration auf und waren wohlhabende Händler von Textilien, Gewürzen und Edelsteinen. Petrus Woskan gelang es sogar, vom benachbarten indischen Regenten dem Nawab von Arcot Handelsmonopole zu erwirken, was seinen Reichtum noch erheblich steigerte.

Schon vor der Eroberung Bengalens durch die Briten spielten die Armenier dort im Hanel eine wichtige Rolle, die sie auch unter britischer Herrschaft behielten und sogar noch ausbauten. Die Armenier waren Pioniere im Jute-Handel und beim Aufbau der ersten indischen Kohlenminen und Schifffahrtslinien. Damit bewiesen sie, wie gut sie mit dem Wandel in der Moderne zurechtkamen. Ihnen gelang der Umstieg von "einheimischen" Luxusgut-Händlern zu modernen Industriellen. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zählten die Armenier zu den führenden Unternehmern Bengalens. Der Armenier J.C. Galstaun z.B. begründete die Schellack-Industrie und errichtete die erste Schellack-Fabrik in Bengalen. Aus der Crete-Familie entstammten eine Reihe von Kohlenmagnaten und die Apcars waren Reeder. Sir Apcar Alexander Apcar wurde sogar der erste und einzige nicht-britische Präsident der Bengal Chamber of Commerce der Kolonialära.

Heute sind die wenigen Hundert verbliebenen Armenier im Milliardenvolk der Inder nicht mehr auszumachen. Übrig sind nur noch ihre Kirchen und die Erinnerung an längst vergangene Zeiten.  Die Armenier: eines Volk von Weltenbummlern, das überall seine Nische fand.

Sven Andreßen

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