Kali ka Tibba liegt hoch auf einem Berg. Der Tempel kann zu Fuß oder mit dem Auto erreicht werden.

Fürstlich entspannen

Verschnaufpause gefälligst? Frische Luft und Ruhe sind Dinge, nach denen sich Touristen in Indien auf der Rundreise oft sehnen. Wie wäre es mit einem kleinen Geheimtipp in den Bergen, wohin sich einst die Prinzen Indiens zurückzogen?

Zugegeben, vom ehemaligen Prunk der Zeiten der Maharadschas blättert an vielen Stellen der Putz ab. Wer jedoch das kleine Dörfchen Chail besucht, wird schnell verstehen, warum sich hier einst die indischen Fürsten niedergelassen haben. Eine blühende Natur mit weiten Ausblicken und der gelassene Alltag laden zum Verweilen ein. So stellt man sich das Leben in den Bergen vor. Etwa 45 km entfernt von Shimla, der Hauptstadt des Bundesstaats Himachal Pradesh, ticken die Uhren anders. Chail ist ein Geheimtipp für all diejenigen, die ein oder zwei ruhige Tage für sich haben wollen.

Wenn Fürsten verbannt werden

Chail ist der einstige Sommersitz der Maharadschas von Patiala, einem ehemaligen Fürstenstaat im östlichen Punjab. Der heutige Bundesstaat Himachal Pradesh ist ein ausgezeichneter Ort, um der Hitze des Flachlandes zu entkommen. Das wussten auch schon die damaligen Herrscher. Zunächst residierten sie nach Belieben in Shimla, der heutigen Hauptstadt des Bundesstaates. Doch eines Tages führte ein Zwist zur Verbannung der Fürsten aus Shimla.

Der Legende nach, soll der Maharadscha Bhupinder Singh von Patiala mit der Tochter des britischen Befehlshabers Lord Kitchener angebandelt haben. Bhupinder Singh war bereits mehrfach verheiratet  und für sein extravagantes Leben bekannt. Als die Tochter des britischen Lords mit ihm durchbrennen wollte, flogen die beiden auf. Die Folge: Verbannung für die Fürsten. Der „Scandal Point“, ein berühmter Platz in Shimla, verweist noch heute auf den Skandal. Ob sich die Geschichte jedoch wirklich so ereignet hat, ist fraglich. Fest steht, dass die Maharadschas sich um das Jahr 1900 ihre alternative Sommerresidenz in Chail einrichteten.

Ein ruhiges Bergdorf

Die ehemalige Residenz Chail Palace ist heute eine Sehenswürdigkeit für indische und ausländische Touristen. Außerdem bietet es Zimmer zur Übernachtung in verschiedenen Preisklassen an. Ein Rückzugsort, jedoch abgelegen vom Schuss und nicht jedermanns Geschmack. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch auch einige Hotels und Ressorts rund um das kleine Dorf, dem eigentliche Zentrum Chails, angesiedelt. Trotzdem bleibt es hier ruhig und überschaubar.

Das eigentliche Dörfchen Chail wirkt etwas heruntergekommen. Die Menschen sind jedoch offen und freundlich.
Das eigentliche Dörfchen Chail wirkt etwas heruntergekommen. Die Menschen sind jedoch offen und freundlich.

Es gibt kleine Souvenir Shops, einige Restaurants und Hotels verschiedener Preisklassen. Auch in privaten Unterkünften, sogenannten „Homestays“ kann man sich für sehr wenig Geld einmieten. Die Restaurants des Ortes sind hauptsächlich auf den indischen Geschmack ausgerichtet. Besucher mit empfindlichem Magen sollten eher in den Hotels nach passendem Essen fragen. Generell sind die Menschen in dem Dorf sehr hilfsbereit, die meisten sprechen auch Englisch.

Das Leben in den Bergen kennenlernen

Das Leben in Chail ist alles andere als gehetzt und die Menschen sind oft aufgeschlossen für ein kleines Gespräch. Wer den Kontakt und einen Plausch sucht, dem sei ans Herz gelegt, den lokalen Sikh-Tempel, den Gurudwara Sahib, aufzusuchen. Etwas oberhalb des Dorfes, wird er von einer netten Familie instandgehalten, welche Besucher herzlich willkommen heißt. Die Einladung auf einen Tee ist hier nicht ausgeschlossen. Das Gebäude selbst ist auch sehenswert. Gebaut im Jahre 1907, erinnert es von außen eher an eine kleine Kirche, als an einen Tempel der Sikhs.

Von hier aus kann auch ein Spaziergang durch die hügeligen Wälder gestartet werden. Von den kleinen Lichtungen und Erhöhungen der Gegend kann man bis zu den benachbarten Städten Solan und Shimla sehen. An den vielen sonnigen Tagen im Frühjahr lassen sich sogar leicht die schneebedeckten Spitzen des höheren Himalayas erblicken, während Languren und Rhesusaffen durch die Baumwipfel huschen.

Darf’s noch etwas friedvoller sein?

Neben den kleinen Erkundungen der Umgebung auf eigene Faust, gibt es jedoch ein touristisches Highlight, welches sich niemand entgehen lassen sollte. Der Kali ka Tibba, ein Tempel der Göttin Kali, thront auf einem Berggipfel mit Ausblick über die gesamte Region. Kali, wortwörtlich „die Schwarze“, ist eine wichtige Figur im Hinduismus. Sie steht für Zerstörung, aber auch Schöpfung. Meist wird sie furchterregend dargestellt: Die Zunge weit herausgestreckt, mit Totenköpfen um den Hals, hält sie Dreizack, Säbel und andere Symbole der Zerstörung in der Hand.

Der Kali-Tempel ist nicht nur schön anzusehen, auch die Aussicht ist beeindruckend
Der Kali-Tempel ist nicht nur schön anzusehen, auch die Aussicht ist beeindruckend

Der ihr gewidmete Tempel könnte jedoch keinen größeren Kontrast dazu darstellen. Ganz in Weiß gehalten, verströmt er eine allumfassende Ruhe. Der Marmor schmeichelt den nackten Füßen und die strahlende Sonne wärmt den Körper und Geist von allen Seiten. Vom Dorf in Chail aus ist der Tempel auch zu Fuß innerhalb von zwei Stunden erreichbar. Für einen Tagesausflug in die Gegend sollte ein Besuch des Tempels in jedem Fall eingeplant sein.

Extravaganz und Bescheidenheit

Der verbannte Maharadscha Bhupinder war für seinen prunkvollen Lebensstil bekannt. Er gilt sogar als der erste Inder, welcher ein privates Flugzeug besessen hat. Vor allem aber liebte er es, sich mit Anderen im Polo und Cricket zu messen. So ist es kein Wunder, dass sich in der Nähe von Chail auf einer Höhe von ca. 2280 Metern über dem Meeresspiegel auch der höchste Cricket-Platz der Welt befindet. Während der Platz heute nur selten bespielt wird, bietet er dennoch einen weiten Ausblick, der einen Abstecher wert ist.

Ebenfalls interessant ist der Tempel Siddh Baba ka Mandir. Der Hindutempel ist nicht wirklich spektakulär, aber er ist Sitz des hinduistischen Gelehrten, welcher maßgeblich an der Erbauung der Tempel der Gegend beteiligt war. Mit etwas Glück findet man den spirituellen Führer meditierend in einer Hütte neben dem Tempel. Von innen verschlägt es einem hier im wahrsten Sinne des Wortes den Atem. Die Schüler Siddh Babas unterhalten in der Hütte seit vielen Jahrzehnten ein Feuer, welches seine Spuren an den schwarzen, vor Ruß glänzenden Wänden und der Decke hinterlassen hat. Nur wer gebückt läuft, kann hier noch atmen und mit etwas Glück dem Mann mit den Meter-langen Dreadlocks begegnen. Anklopfen lohnt sich!

Beste Reisezeit

Chail kann nahezu das ganze Jahr über bereist werden. Während es zu leichten Regenfällen in der Monsunzeit zwischen Juni und September kommt, ist das Wetter den Rest des Jahres über relativ sonnig und klar. Im Winter kann es zu Schneefällen kommen. Zwischen Dezember und Februar ist es in Chail relativ kalt. Die meisten Hotels sind zwar nicht mit einer regulären Heizung ausgestattet, aber die Decken in den Betten halten sehr warm. Dennoch sind die kalten Monate nichts für Menschen, die viel Komfort suchen. Sonnige, nicht zu heiße Tage mit klarem Himmel sind vor allem von März bis Anfang Juni und im September zu erwarten.

Anreise

Da Chail weder groß, noch sehr bekannt ist, kann die Anreise etwas umständlich sein. Von Delhi aus lassen sich beispielsweise Busse nach Chail buchen. Wer keine Probleme mit wilden Fahrten hat, kann auch mit den öffentlichen Bussen in das Bergdorf gelangen. Hierfür fährt man zunächst von Chandigarh aus mit dem Bus nach Kandaghat. Von dort aus wechselt man in den Bus nach Chail. Der letzte Bus von Kandaghat nach Chail fährt um 18:00. Die Fahrtzeit von Chandigarh nach Chail beträgt ca. 5 Stunden. Von Delhi aus sind es 8-10 Stunden. Bei entsprechendem Budget lohnt es sich auch, einen privaten Fahrer zu organisieren. So bleibt man flexibel und unabhängig.

Anreise im Weltkulturerbe

Es ist auch möglich von Kalka (Bahnhof nähe Chandigarh) über eine historische Bahnstrecke anzureisen. Die Strecke zwischen Kalka und Shimla ermöglicht über 96 km und über 1400 Höhenmeter einen Blick über die prächtige Berglandschaft des unteren Himalayas. Nicht umsonst zählt die Strecke mit den 102 Tunneln zum UNESCO Weltkulturerbe. An den Stationen Solan und Kandaghat ist es möglich, auf die öffentlichen Busse zu wechseln. Ebenfalls kann man bis nach Shimla fahren und von dort einen Fahrer engagieren.

Kommentar verfassen

Scroll to Top