Momentaufnahme von der Konferenz "100 Smart Cities in India" am 31.05.2016. Foto: Sera Cakal

Aufbruch in die Zukunft: 100 Smart Cities in Indien

Bereits zum zweiten Mal veranstaltete Indus Media am 31. Mai 2016 in Berlin eine Konferenz zum Thema „100 Smart Cities in India“. Die Konferenz mit hochrangigen Referenten aus Indien und Deutschland fand im Rahmen der dreitägigen „Metropolitan Solutions 2016“ statt. Die Eröffnungsreden hielten die deutsche Umweltministerin, Dr. Barbara Hendricks, und der indische Minister für Stadtentwicklung, M. Venkaiah Naidu.

Städte als Triebkraft der Wirtschaftsentwicklung

Dr. Sameer Sharma, Minister M. V. Naidu und Ministerin Barbara Hendricks kurz vor Beginn der Konferenz. Foto: Sera Cakal
Dr. Sameer Sharma, Minister M. V. Naidu und Ministerin Barbara Hendricks kurz vor Beginn der Konferenz. Foto: Sera Cakal

In den Städten liegt die Triebkraft der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung. Als ökonomische Zentren und Schnittpunkte menschlichen Zusammenlebens sind sie immer stärker auf intelligente Lösungen für effiziente, vernetzte Strukturen angewiesen, um Problemen wie überlasteten Infrastrukturen, Wohnraummangel, einer unzureichenden Wasser- und Energieversorgung sowie Abfall- und Abwasserentsorgung nachhaltig zu begegnen. Indien gehört zu den Schwellenländern, dessen Wirtschaft immer noch stabile gute Wachstumszahlen aufweist. Um die rasant zunehmende Urbanisierung in nachhaltige Bahnen zu lenken, gab die indische Regierung im April 2015 den Startschuss für ihr „100 Smart Cities“-Programm. An zunächst rund 100 Orten in Indien sollen „intelligente“ Städte entweder völlig neu errichtet oder bestehende Städte effizienter und lebenswerter gestaltet werden. Auf der Konferenz „100 Smart Cities in India“ wurde über den Stand der deutsch-indischen Zusammenarbeit im Bereich Stadtentwicklung und die Umsetzung des „100 Smart Cities“-Programms berichtet sowie über die bevorstehenden Herausforderungen diskutiert.

Hochrangige Redner bei der Konferenz

Dr. Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Foto: Sera Cakal
Dr. Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Foto: Sera Cakal

Dr. Barbara Hendricks, Ministerin für Umwelt, Natur, Bau und Reaktorsicherheit, hob in ihrer Rede das „100 Smart Cities“-Programm der indischen Regierung als wegweisendes Projekt hervor – auch über die Grenzen Indiens hinaus. Indien, Deutschland und die Welt haben alle mit dem gleichen Problem zu kämpfen: Stadtflucht aufgrund der besseren beruflichen Chancen in der Stadt. Doch Städte machen auch Probleme, weil dort viel Energie verbraucht wird und sie ein Herd für Umweltverschmutzung sind. Intelligente Lösungen sind gefragt, um Städte lebenswerter, effizienter und umweltfreundlicher zu machen. Diese Herausforderung ist grenzüberschreitend, weshalb die Bundesregierung Indien bei der Umsetzung ihres Smart-City-Programms unterstützen will.

Minister M. Venkaiah Naidu, Minister für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und urbane Armutsbekämpfung. Foto: Sera Cakal
Minister M. Venkaiah Naidu, Minister für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und urbane Armutsbekämpfung. Foto: Sera Cakal

Der indische Minister für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und urbane Armutsbekämpfung, M. Venkaiah Naidu, lobte die Konferenz als ausgesprochen nützlich und auch der Zeitpunkt der Veranstaltung sei gut gewählt worden. Denn Indien freue sich gerade jetzt auf kompetente Unterstützung aus Deutschland. Er sei als Botschafter seines Landes nach Deutschland gekommen, um klarzustellen, dass sich in Indien ein neues Bewusstsein, eine neue Mentalität und eine neue Entschlossenheit, Umweltprobleme und eine nachhaltige Stadtentwicklung anzugehen, entwickelt haben. Die indischen Städte wachsen rasant und es liege im Interesse seiner Regierung, den Lebensstandard der Menschen in urbanen Zentren zu heben; man solle dort gesünder und in größerer Sicherheit leben können. Er wies darauf hin, dass Indien weltweit derzeit eines der Länder sei, in das es sich lohne zu investieren. Diese Konferenz sei ein großartiges Forum, um zu vermitteln, was indische Städte deutschen Investoren zu bieten hätten.

Dr. Roland Busch, Mitglied der Geschäftsführung der Siemens AG. Foto: Sera Cakal
Dr. Roland Busch, Mitglied der Geschäftsführung der Siemens AG. Foto: Sera Cakal

Auch Dr. Roland Busch, Mitglied der Geschäftsführung der Siemens AG, die Sponsor der Konferenz war, unterstrich, dass Indien sich mit der Zusammenarbeit mit Deutschland auf einem guten Weg in eine nachhaltigere Zukunft befinde. Die Siemens AG ist bereits seit über 150 Jahren in Indien tätig. Siemens arbeite derzeit in einem Konsortium mit indischen Unternehmen zusammen, um für jede der Städte, die sich an dem 100-Smart-Cities-Programm beteiligen, einen individuellen Plan zu arbeiten, wie sie nachhaltiger und lebenswerter gestaltet werden können – keine leichte Aufgabe, denn es gibt keine Patentlösung für alle.

Geschichtliche Betrachtung der Stadtentwicklung in Indien

Ein Kenner der Stadtentwicklung in Indien, Professor Jagan Shah vom National Institute of Urban Affairs, wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es in Indien eigentlich schon vor Tausenden von Jahren gute Kenntnisse über eine gute Stadtplanung gegeben habe. Bereits die Harappan-Zivilisation im Indus-Tal, deren Hochphase zwischen 2600 und 1900 v. Chr. lag, hatte nachweislich komplexe Kenntnisse über Stadtentwicklung. Dieses Wissen wurde auch weiterentwickelt. So zeigen z. B. Jaipur im 18. Jahrhundert oder die Chandi Chowk in Delhi zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine überaus kluge Planung. Doch das rasante Wachstum vieler indischer Städte in den letzten Jahrzehnten hat die Planer förmlich überrannt. Das „100 Smart Cities“-Programm solle Indien nun wieder auf den richtigen Weg bringen. Europa liefere hier viele gute Beispiele, die sich Indien zum Vorbild nehme.

Drei indische Städte zum Stand der Entwicklungen

Für eine Zusammenarbeit mit Deutschland wurden zunächst drei indische Städte ausgewählt: Kochi (Kerala), Coimbatore (Tamil Nadu) und Bhubaneswar (Odisha). Dr. Susanne Lottermoser vom Bundesumweltministerium, die der deutsch-indischen Arbeitsgruppe in Zusammenhang mit der Smart-Cities-Initiative in Indien angehört, sagte, dass eine deutsche Delegation im Frühjahr 2016 die Gelegenheit hatte, die Konzepte der ersten 20 ausgewählten Smart Cities in Indien einzusehen und unter diesen drei Städte auszuwählen, die Deutschland zunächst bei Machbarkeitsstudien zu den geplanten Vorhaben unterstützen wird. Ein wichtiger Partner auf deutscher Seite ist hierbei auch die GIZ.

Vertreter der drei Städte waren für die Konferenz angekündigt, der Repräsentant von Coimbatore schaffte es leider nicht rechtzeitig zur Konferenz. An seiner Stelle berichtete ein Vertreter von Indore (Madhya Pradesh), wie weit die Planungen seiner Kommune inzwischen gediehen seien. Die Repräsentanten machten in ihren Vorträgen deutlich, warum und in welchen Bereichen sich ein Engagement deutscher Unternehmen in ihrem Smart-City-Projekt lohnen könne.

Nachdem die Vertreter der drei indischen zukünftigen Smart Cities ihre Stadt, ihr Konzept und ihre Erwartungen, die sie deutschen Unternehmen gegenüber hegen, erläutert hatten, fasste Dr. Sameer Sharma, Staatssekretär für den Bereich Smart Cities im Ministerium für Stadtentwicklung in Indien, die wichtigste Voraussetzung für eine gelungene Umsetzung der Pläne in einem Satz zusammen: „Wenn man nicht richtig plant, plant man das Scheitern.“

Wege der Umgestaltung zur Smart City

Felix Klauda (links) und ?? Narahari bei der Podiumsdiskussion. Foto: Sera Cakal
Felix Klauda (links) und Parikipandly Narahari bei der Podiumsdiskussion. Foto: Sera Cakal

In einer Podiumsdiskussion am Nachmittag wurde ein wichtiger Punkt angesprochen: Wie soll die Umgestaltung der Städte finanziert werden? Die geplanten Maßnahmen kosten viel Geld und Investoren wollen in der Regel eine Rendite für ihre Investitionen sehen – ein Punkt, der in den Planungen der indischen Smart Cities jedoch nicht vergessen werde, wie die anwesende Repräsentanten aus Indien versicherten. Auf dem Podium saßen die Vertreter der drei indischen Städte – Vineel Krishna, Geschäftsführer von Bhubaneswar Smart City Limited, Amit Meena, Schriftführer der Kochi Municipal Corporation, und Parikipandly Narahari, Bezirkskollektor der Indian Administrative Services sowie Mitglied von Indore Smart City Co. – sowie Felix Klauda, Abteilungsleiter im Bereich Stadtentwicklung und Mobilität Südasien der KfW Entwicklungsbank, die von den 8 Mrd. Euro, die sie jährlich investiert, 1 Mrd. Euro in Indien vergibt. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Hermann Mühleck, Geschäftsführer des German Business Center India von EY. Die Podiumsteilnehmer diskutierten Fragen wie: Wie können Investoren von ihren Investitionen z. B. in Infrastruktur profitieren? Was können die indischen Städte deutschen Investoren als Anreiz bieten? Welche Ideen zu guten Geschäftsmodellen in den angesprochenen Entwicklungsfeldern gibt es bereits?

Intelligente und nachhaltige Stadtentwicklung

Eine intelligente Stadtentwicklung integriert wirtschaftliche und soziale Belange mit dem Bedürfnis nach Umweltschutz. Hier berichteten zwei Referenten aus ihren bzw. den praktischen Erfahrungen ihrer Unternehmen.

Goray. Foto: Sera Cakal
Deepak Goray, Leiter des City Account Management (Südasien) der Siemens AG. Foto: Sera Cakal

Deepak Goray, Leiter des City Account Management (Südasien) der Siemens AG, lieferte aus seiner Erfahrung Beispiele für die Herausforderungen, die bei der Umgestaltung zur Smart City gemeistert werden müssen. Eine wirtschaftlich erfolgreiche Stadt, die gleichzeitig lebenswert ist, braucht z. B. ein U-Bahnsystem, das ständig an wachsende Bedürfnisse angepasst werden muss. Die Städte müssen außerdem unbedingt investorenfreundlich sein. Maßnahmen auf dem Weg zur Smart City sind außerdem nie abgeschlossen; wie beim öffentlichen Nahverkehr müssen sich auch die anderen Bereiche ständig weiterentwickeln. Goray erwähnte ein Beispiel aus den USA, wo ein unzureichendes Stromversorgungsnetz den Niedergang der einst wirtschaftlichen Stadt einläutete. Dies ging so weit, dass sie in Teilen zu einer Geisterstadt verkam, bis sich die Stadtverwaltung entschloss, das Stromnetz zu modernisieren, um wieder Betriebe in die Stadt zu locken, die wiederum Arbeitsplätze schaffen und damit die Lebensqualität der Bürger heben. 15 Jahre hat es gedauert, aber heute hat sich diese Investition einer bankrotten Gemeinde zu einer Erfolgsgeschichte gewandelt.

Damian Wagner, Projektmanager der Morgenstadt Initiative des Fraunhofer IAO, führte ein ähnliches Beispiel an: Die holländische Stadt Eindhoven, einst ein Standort von Philips, erlebte ebenfalls einen wirtschaftlichen Niedergang nach dem Weggang von Philips. Aber die Stadtplaner investierten und schufen modernste Voraussetzungen für junge Start-up-Unternehmen. Heute steht Eindhoven wirtschaftlich wieder gut da.

Unterstützung der indischen Smart Cities aus der Plan- und Bauwirtschaft

Der privatwirtschaftliche Zusammenschluss Indo-German Smart Initiative konzentriert sich auf eine integrative Stadtentwicklung in Indien. Mit ihren multidisziplinären Fähigkeiten und Kenntnissen in Bereichen wie Stadtentwicklung, Architektur und Infrastruktur möchte die Initiative aus gutsituierten indischen und deutschen Unternehmen zusammen mit öffentlichen Institutionen und privaten Forschungsgruppen zur Entwicklung der Smart Cities in Indien beitragen. Zwei Vertreterinnen der Initiative – Dipl.-Ing. Architektin Eva Walter von DGI Bauwerk Gesellschaft von Architekten mbH und Dipl.-Ing. Architektin Margret Böthig von gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, die beide bereits weitreichende Erfahrungen in Indien sammeln konnten – zeigten die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf und präsentierten Beispiele ihrer Planungen.

Professor Pahl-Weber. Foto: Sera Cakal
Professor Elke Pahl-Weber von der TU Berlin. Foto: Sera Cakal

Den Schlussvortrag hielt Professor Elke Pahl-Weber von der TU Berlin, die vor allem nochmals betonte, dass man bei der Planung für die Smart Cities die individuellen Bedürfnisse der Stadt und ihrer Bewohner berücksichtigen müsse und dass die Transformation einer Stadt in eine smarte Stadt immer ein kreativer Prozess sei und daher keine Planung in Stein gemeißelt sein sollte.

Networking im Anschluss an die Konferenz. Foto: Sera Cakal
Networking im Anschluss an die Konferenz. Foto: Sera Cakal

Infos zum Veranstalter: http://indus-media.com/

Weitere Artikel zum Thema:

https://www.indienaktuell.de/magazin/wirtschaft/siemens-bietet-indien-komplettloesungen-fuer-smart-cities-an-667576
https://www.indienaktuell.de/magazin/politik/varanasi-will-eine-smart-city-werden-679159

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