Im Mitauli-Tempel. © Foto: Dr. Hiltrud Rüstau
Im Mitauli-Tempel. © Foto: Dr. Hiltrud Rüstau

Zwei Yogini-Tempel in Madhya Pradesh

Die Struktur eines Yogini-Tempels weicht völlig von der eines üblichen indischen Tempels ab, dessen Mittelpunkt die meist quadratische Cella mit dem Bild der Hauptgottheit des Tempels darstellt und über der sich der Tempelturm erhebt.

Zur Cella gelangt man durch einen schmalen Korridor, nachdem man die Eingangshalle durchschritten hat. Yogini-Tempel haben dagegen weder eine Cella noch einen Tempelturm. Ein meist kreisförmiger überdachter und erhöhter Kolonnadengang – der Yogini-Tempel in Khajuraho hat als einziger eine rechteckige Umfassungsmauer – umschließt einen offenen Innenhof, in den eine oder mehrere einfache Türen hineinführen. In den Nischen des Kolonnadenganges – meist sind es 64, es können aber auch 81 oder 42 sein – befinden sich Skulpturen weiblicher Gestalten, meist schöne, junge graziöse Frauen mit sinnlicher Ausstrahlung. Bekleidet mit Rock und Gürtel und reich geschmückt haben sie oft einen Tier- oder Vogelkopf. Einige dieser Frauengestalten sind jedoch extrem abgemagert, manche haben einen Totenschädel bzw. einen abgeschlagenen Kopf oder ein Messer in der Hand. Mitunter befindet sich in der Mitte des offenen Hofes ein kleiner Tempel, in dem Shiva verehrt wird, oder es gibt eine besonders schön verzierte Nische im Kolonnadengang für ihn.

Diese Tempel befinden sich in Gegenden, die früher schwer erreichbar waren, z. B. auf Bergen und an Orten, die bis in die jüngste Vergangenheit als unheimlich galten. Darum sind die Ruinen der Yogini-Tempel oft erst in jüngerer Zeit entdeckt worden. Weder in der Kunstgeschichte noch in der Religionsgeschichte Indiens fanden sie bislang die ihnen gebührende Würdigung, obwohl sie gerade für das Verständnis der Erotik in der hinduistischen Tempelkunst sehr wichtig sind.

Die Yoginis, die in hier verehrt werden, sind als Göttinnen und Begleiterinnen der großen Göttin zu verstehen. Ihre Wurzeln sind in der frühen Verehrung weiblicher Wesen als Mutter Erde bzw. als Dorfgöttin zu suchen, deren Kult zunächst in der patriarchalischen Gesellschaft in der Phase der Herausbildung des Hinduismus gänzlich zurückgedrängt wurde, aber im Volkskult fort lebte. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeit wurde er jedoch wiederbelebt und fand allmählich Eingang in die religiösen Vorstellungen des Hinduismus. In diesen Prozess gehört der Yogini-Kult, der etwa in der Zeit zwischen 600 und 850 n. Chr. Aufnahme in den Hauptstrom des Hinduismus fand und in der Zeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert besonders populär war. Durch die Zusammenstellung als Gruppe konnten die verschiedenen lokalen Dorfgöttinnen in den hinduistischen Glauben aufgenommen werden, interpretiert als Begleiterinnen oder Aspekte der großen Göttin, der Devi.

Oft steht Shiva im Mittelpunkt der Yogini-Verehrung, was auf die enge Verflechtung von Yogini-Kult und Tantrismus bzw. Shaktismus mit deren Vorstellung von der untrennbaren Einheit von männlichem und weiblichem Prinzip hindeutet. Da diese weiblichen Gottheiten nicht nur mit Fruchtbarkeit, sondern auch mit physischer Stärke verbunden waren, wurden sie mit der Bildung mittelalterlicher Fürstenstaaten oft zu dynastischen Gottheiten. Kleinere und größere Fürsten, ewig im Kampf mit den Nachbarn, errichteten die ersten Tempel für die Yoginis, wobei in der Regel der Kreis, das Mandala des shaktistisch-tantristischen Rituals, beibehalten wurde.

Spuren des Yogini-Kultes findet man in ganz Indien, besonders aber im Norden von Orissa über Zentralindien bis an die Grenze zu Rajasthan und eben auch in Madhya Pradesh. So gibt es in Bheraghat, etwa 20 km von Jabalpur entfernt, einen Yogini-Tempel, der einen Besuch lohnt. Er wird als Chaunsath (64)-Yogini- oder Gauri-Shankar-Tempel bezeichnet. Beides ist nicht korrekt, denn es sind 81 Yoginis, die hier verehrt werden, nicht 64, und es handelt sich auch nicht um einen Tempel, in dessen Mittelpunkt die Einheit von Shankara (Shiva) und Gauri, seiner Gattin, steht.

Eine lange Treppe führt zum Tempel hinauf, der hoch über der Narmada liegt. Mit seinem Durchmesser von 370 m ist es der größte Yogini-Tempel. Er wurde Ende des 10. Jahrhunderts erbaut. Der eigentliche Gauri-Shankar-Tempel steht nicht im Zentrum des Hofes und wurde 200 Jahre nach dem Yogini-Tempel errichtet. Die Statuen in den Nischen des Kolonnadenganges sind leider alle beschädigt und zum Teil bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Fehlende Statuen wurden durch Fundstücke aus anderen Tempeln ersetzt. Die Yoginis sitzen auf einem Thron, was ihre göttliche Position andeutet und sind etwas über Lebensgröße hoch. Sie stellen würdige und ernsthafte, reife, vollbusige Schöne mit schweren Brüsten und breiten Hüften dar. Ein dünner Rock reicht bis zu den Füßen und sie tragen reichen Schmuck. Jede der Yoginis – sofern noch erhalten – trägt einen Heiligenschein und hat vier bis 18 Arme. Um den Thron gruppieren sich Begleitfiguren. Im Gegensatz zur schönen Körperlichkeit der Yoginis stehen die oft furchterregenden Gesichter der Begleitfiguren und Elemente, die mit dem Totenkult in Beziehung stehen. Eine Yogini hat offensichtlich einen Menschen als Reittier, und die 18-armige Yogini Chandika steht mit dem rechtem Fuß auf einer liegenden männlichen Gestalt. Sie trägt eine Kette aus Totenköpfen.

Ein weiterer Yogini-Tempel in Madhya Pradesh ist der Mitauli-Tempel, 40 km von Gwalior entfernt und fälschlicherweise als Shiva-Tempel bezeichnet. Hier ist das Land weitestgehend flach, umso bemerkenswerter ist der Anblick des auf der Kuppe eines einzelnen Berges gelegenen Rundbaus. Auch hier führt eine steile Treppe zum Tempel hinauf. Von den 65 durch Pilaster gebildeten Nischen zeichnet sich eine durch eine außergewöhnlich verzierte Türgestaltung aus. Möglicherweise stand hier die Statue der Devi. Keine der Yogini-Figuren ist erhalten geblieben, stattdessen hat man in alle Nischen schmucklose Lingams ohne Yonis gestellt, woher die falsche Deutung des Tempels als shivaistisch rührt. In der Mitte des Hofes befindet sich, ebenso erhöht wie der Kolonnadengang, ein großer runder Pavillon mit zwei konzentrischen Kreisen von Säulen. Sein Inneres ist leer, hier könnte eine Shiva-Statue gestanden haben. Der Tempel wurde im 11. Jahrhundert erbaut und im 14. Jahrhundert restauriert.

Die Exkursion zu den beiden Yoginitempeln in Jabalpur und Gwalior lässt sich gut mit einer Reise nach Chhattisgarh kombinieren. Dr. Hiltrud Rüstau

Weiterführende Literatur zu den Yogini-Tempeln: 
Vidya Dehejia. Yogini Cult and Temples. A Tantric Tradition. National Museum Delhi 1986

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