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Linden-Museum Eingangsfront, Foto: Rainer Schoder

Besuch bei den Tamilen in Stuttgart

Linden-Museum Eingangsfront, Foto: Rainer Schoder

Am 7. Oktober 2022 wurde im Linden-Museum in Stuttgart die Ausstellung „Von Liebe und Krieg“ über „Tamilische Geschichte(n) aus Indien und der Welt“ eröffnet.

Tags darauf gehörte ich zu den ersten Besuchern, früh genug aus München kommend, um einen Parkplatz direkt neben dem Museum zu bekommen.

Treppauf, in die Eingangshalle, geht es direkt weiter in die Ausstellung, die das komplette Erdgeschoss umfasst.

Die Webseite des Museums beschreibt die Ausstellung wie folgt:

„Die Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg zeigt die Geschichte und Gegenwart tamilischer Kultur. Über 80 Millionen Menschen in Indien, Sri Lanka und anderen Teilen der Welt identifizieren sich als Tamil*innen: Sie teilen dieselbe Sprache, das Tamil, die ihren Ursprung im Süden Indiens hat. Von Liebe und Krieg versucht, ihre Geschichte und Geschichten auf vielfältige Weise erlebbar zu machen, indem unterschiedliche Menschen ihre Erzählungen über Kulturen und Identitäten von Tamil*innen teilen. Sie sprechen über soziale Bewegungen, darstellende und bildende Kunst, Aspekte der Alltagskultur und religiöse Vielfalt.

Die Ausstellung zeigt dem Cakam-Zeitalter zugeschriebene archäologische Objekte, eine Auswahl von Bronzen aus der Zeit der Cōa-Dynastie (9.-13. Jh.), aber auch Arbeiten von Künstler*innen des Madras Art Movement aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mit der Kastengrenzen überschreitenden Bhakti-Mystik des Mittelalters, der „Dravidischen Bewegung“ des 20. Jahrhunderts oder dem bis 2009 andauernden Kampf der Liberation Tigers of Tamil Eelam um einen eigenen tamilischen Staat in Sri Lanka werden auch soziale Aspekte der Geschichte beleuchtet.“

Manikkavasagar, Foto: Rainer Schoder

Es können hier nicht sämtliche vorgenannten Aspekte beschrieben werden, d.h. ich lasse die eher „touristischen“ Themen wie Tempel, Tanz und Kunsthandwerk beiseite und versuche das „weniger Bekannte“ zu beschreiben.

TAMILISCHE BHAKTI: LIEDER DER LIEBE UND SEHNSUCHT

Die Gründungsperiode der tamilischen Bhakti (6. bis 9. Jahrhundert n. Chr.) wurde von šivaitischen und vişņuitischen Dichtern und Dichterinnen bestimmt, die das Land bereisten und Lobpreisungen Śivas und Vişņus sangen.

Appar, Campantar und Cuntarar waren die bedeutendsten šivaitischen Sänger, der Nayanmar.

Mãņikkavãcakar wird bei der Auflistung der 63 Nãyanmãr nicht erwähnt nichtsdestotrotz bleiben seine Gedichtkompositionen, Tiruvãcakam und Tirukkôvaiyãr von besonderer Bedeutung.“

So die Beschreibung im Ausstellungskatalog.

Mãņikkavãcakar

war ein Dichter des 9. Jahrhunderts.,

der das Tiruvãcakam verfasste, ein Buch mit Hymnen für Šiva.  Bronzestatue, circa 11. -12. Jahrhundert.

Manikkavasagar, Foto: Rainer Schoder
Manikkavasagar, Foto: Rainer Schoder
Campantar, Foto: Rainer Schoder
Campantar, Foto: Rainer Schoder

Campantar

„Der Dichter Campantar (ca. 7. Jahrhundert) ist einer der 63 Nayanmãrs, tamilisch-šivaitischen Bhakti-Heiligen, die zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert lebten. Er wurde als dreijähriges Kind von der Gattin Śivas, der Göttin Pãrvati, selbst gestillt. Als Kind von großer Klugheit begann er von da an, Lieder für Śiva zu komponieren. Bis zum Zeitpunkt, als er mit 16 Jahren die Erlösung (Mukti) erlangte, soll er mehr als 10.000 Gesänge komponiert haben, von denen 384 erhalten sind.“

CõĮa-Reich, Südindien, ca. 12. Jahrhundert

PERIYAR UND DIE DRAVIDISCHE BEWEGUNG

Periyar, eigentlich war sein Name E.V. Ramasamy, 1879 in Erode geboren. 1973 in Madras gestorben.

Ein konsequenter Kämpfer für die tamilische Identität gegen Hindi und Sanskrit.

Die Titel seiner Bücher haben nichts von ihrer Aktualität verloren:

Die von Periyar (E. V. Ramasamy) ins Leben gerufene Selbstachtungs- oder Dravidische Bewegung, die sich zeitlich mit der Tamil-Renaissance und dem Unabhängigkeitskampf überschneidet, war ein Aufstand gegen die Vorherrschaft der Brahman*innen in Tamil Nadu. Neben der Ablehnung des Kastensystems räumte die Dravidische Bewegung auch feministischen Werten einen hohen Stellenwert ein. Durch Periyars Bewegung wurden die Rechte der Frauen hinsichtlich ihrer körperlichen, sexuellen und reproduktiven Entscheidungen gestärkt. Sie förderte kastenübergreifende Ehen, die nicht von einem brahmanischen Priester geschlossen werden sollten. Die aus der Bewegung hervorgegangenen politischen Parteien folgten Periyars Ideen und Politiker wie C. N. Annadurai und M. Karunanidhi vertraten seine Ideen.

Die Ausstellungstexte verweisen in diesem Zusammenhang auf die Unterschiede zum restlichen Indien hin. Das hinduistische Kastensystem, das noch in vielen Teilen Indiens praktiziert wird, ist bei vielen Tamilen eher verpönt, ebenso wie die Benachteiligung auf Grund des Geschlechts. Dies Entwicklung sei eben auch der Drawidischen Bewegung zu verdanken.

Diese Entwicklung, die Überwindung des Kastensystems, ist aber auch in Tamil Nadu längst noch nicht abgeschlossen. In ihrem aktuellen Buch „Reis & Asche“ erzählt Meena Kandasamy von dem Massaker in Kilvenmani (in der Nähe von Tarangambadi) bei dem 1968 vierundvierzig landlose Dalit, Landarbeiter, Kinder und Frauen, in einer Hütte verbrannt wurden.

TAMILISCHE KÜCHE

Idli Kochset, Foto: Rainer Schoder
Idli Kochset, Foto: Rainer Schoder

Der ausgestellte „Idli-Kochbereich“ wird wie folgt beschrieben:

„Das Kochen in kleinen Appartements in der Stadt verändert Kochverhalten und Routinen. Für den indischen Markt wurden darum immer ausgefeiltere Küchengeräte entwickelt, die mühsame Arbeiten erleichtern. Elektrische Mixer, in denen der Teig für Tõcai (Reispfannkuchen) und Itli (Reisknödel) zubereitet wird oder Gewürzpulver gemahlen und püriert werden, erleichtern die Arbeit und können stehend bedient werden.

Töpfe und Pfannen aus Lehm oder Gusseisen wurden oft durch Aluminiumgeschirr ersetzt, das leicht zu handhaben und zu verstauen ist. Heute wird gerne zu traditionellen Kochgefäßen zurückgekehrt, mit der Erklärung dass diese Gefäße den Gerichten einen besseren Geschmack verleihen und zudem gesundheitsförderndes Potential besäßen.“

Idli Kochsets kann der Tamil-Koch-Fan im Internet auch hierzulande bestellen.

DIE FILMLEINWAND ALS KULTURELLER BALDACHIN

Neben Bollywood in Mumbai war auch Madras (heute Chennai) ein bedeutendes Zentrum der Filmindustrie.

Mehrere Chief Minister Tamil Nadus haben ihre Karriere im Filmgeschäft begonnen, das gilt für Karunanidhi, seine langjährige Rivalin Jayalalitha und indirekt auch für den aktuellen Chief Minister Stalin, als Sohn von Karunanidhi.

Karunanidhi war der Drehbuchautor des Kultfilms „Parasakthi“ mit dem Hauptdarsteller Sivaji Ganesan (auch er war politisch aktiv, zuletzt als Mitglied des National Congress Tamil Nadu) aus dem Jahr 1952.

Filmliederbuch, Madras, 1952

Rojah Mutthiah Research Library, Chennai

Filmliederbuch, Foto: Rainer Schoder
Filmliederbuch, Foto: Rainer Schoder

Mit dem Film wurden die Ideen der neugegründeten Partei „Dravidischer Fortschrittsbund“ populär gemacht.

Die Geschichte einer jungen Witwe mit Kind, die sich gegen die Grausamkeit der Gesellschaft behaupten muss, steht im Mittelpunkt der Filmhandlung.

Filmplakate, Foto: Rainer Schoder
Filmplakate, Foto: Rainer Schoder

TAMILISCHE STUDIOFOTOGRAFIE

Privat ging früher wenig. Eine Fotoausrüstung war für den tamilischen Normalbürger viel zu teuer, also ging man ins Fotostudio. Aktuell hat sich die Situation durch die Verbreitung der Mobiltelefone – jeder Tamile besitzt so ein Gerät, das natürlich auch zum Fotografieren genutzt wird – komplett verändert.

„In Tamil Nadu sind Studioporträts im privaten Bereich, aber auch an allen öffentlichen Orten allgegenwärtig. In praktisch jedem Haus, Geschäft, Büro oder Regierungsgebäude hängen Porträts von lebenden oder verstorbenen Personen. Dabei kann es sich z.B. um Familienangehörige, Firmengründer oder Wohltäter handeln. Oft sind die Bilderrahmen mit Girlanden geschmückt, rotes Kumkum-Pulver und Sandelholzpaste finden sich auf dem Glas in Höhe der Stirn, und – gelegentlich oder täglich – wird Arathi (eine Verehrungs-zeremonie) vor ihnen durchgeführt. Die gerahmten Portraits werden manchmal zusammen mit anderen Bildern aufgehängt, z.B. solchen mit religiösen Motiven oder Postern von Politikern und Filmstars, die von hoch oben an der Wand auf die Haushaltsmitglieder schauen.“

Tamilische Studiografie, Foto: Rainer Schoder
Tamilische Studiografie, Foto: Rainer Schoder

„Fotografie wurde in Indien bereits im Jahr ihrer Erfindung (1840) eingeführt. Während der ersten vier Jahrzehnte beschränkten die hohen Kosten der importierten Ausrüstung und die für ihre Verwendung notwendige Ausbildung die Fotografie fast ausschließlich auf die Kolonialverwaltung und die indischen Eliten (Rãjas, Zamindãrs, Navãbs etc.).

Ab den 1880er Jahren eröffneten jedoch in den größeren Städten der Madras Presidency von tamilischen Fotografen betriebene Fotostudios.

Fotostudios, Foto: Rainer Schoder
Fotostudios, Foto: Rainer Schoder

Fotografie wurde ein Familienberuf und Studios wurden über Jahrzehnte hinweg von Vätern an Söhne vererbt. Für ein Jahrhundert, von den 1880ern bis in die späten 1980er Jahre, blieb für die meisten tamilischen Familien das Fotostudio der einzige Zugang zu Fotos, da Fotoapparate wie die „Kodak Brownie“, die sich im 20. Jahrhundert in Europa verbreiteten, in Indien Luxusprodukte blieben.“

MADRAS ART MOVEMENT

Die Madras Art Bewegung war eine regionale „moderne“  Kunstbewegung, die in den      1960er Jahren in Madras [Chennai], Südindien, entstand. Nach der Unabhängigkeit [1947]  

waren die indischen Künstler entsprechend motiviert um eine eigene Identität und einen eigenen künstlerischen Weg zu suchen. Ausgangspunkt war die in der Kolonialzeit gegründete Madras School of Arts and Crafts. Devi Prasad Roy Chowdhury, der erste, 1930 ernannte, Direktor der Schule machte die ersten Schritte in diese Richtung. Unter dem Direktor der 1960er Jahre, Paniker, wurde die Entwicklung dieser neuen Bewegung.dann voran getrieben, vor allem von Paniker in der Malerei und S. Dhanapal  in der Skulptur. Lehrer und Schüler beschäftigten sich intensiv und kreativ mit der Volkskunst der Region, die Schule übernahm eine zentrale  Rolle  für die Kunstausbildung in Südindien.

Shankar Nandagopal Skulptur "Das Boot", Foto: Rainer Schoder
Shankar Nandagopal Skulptur „Das Boot“, Foto: Rainer Schoder

Bis heute ist das Cholamandal Artist Village Museum der wichtigste Platz für die moderne indische Kunst geblieben.

Hier, beispielhaft, eine Skolptur des Künstlers S. Nandgopal, „Das Boot“.

S. Nandagopal (* 1946; † 14. April 2017) war ein indischer Bildhauer und Maler, bekannt für seine Skulpturen aus Metall. Er war eines der letzten Mitglieder der Madras Art Movement, die Pionierarbeit in der Moderne in der Kunst in Südindien leistete, und der Sohn von K. C. S. Paniker, dem Gründer der Bewegung sowie des Cholamandal Artists‘ Village.

RELIGIÖSE VIELFALT

Die „Hauptreligionen“ Tamil Nadus, Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Islam und Christentum werden in der Ausstellung in ihrer Vielfalt dargestellt.

Stellvertretend für die tamilischen Christen steht das Werk von Bartholomäus Ziegenbalg

Neues Testament auf Tamil, Foto: Rainer Schoder
Neues Testament auf Tamil
Bartholomäus Ziegenbalg
Tharangambadi 1714
Franckesche Stiftungen zu Halle, Foto: Rainer Schoder

Der sächsische Missionar Bartholomäus Ziegenbalg war im 18. Jahrhundert nach Tranquebar gekommen, in das heutige Tharangambadi. Er sollte den Protestantismus verbreiten. Offenbar nahm er die Aufgabe sehr ernst und lernte zunächst Tamil, verfasste dann eine Grammatik, die noch lange nach ihm verwendet wurde. Der Sprache nunmehr mächtig, übersetzte er die Bibel in tamilische Alltagssprache.

Dieses literarische Novum inspirierte nicht wenige Nachahmer. In der tamilischen Literatur hatten Erzählungen bisher kaum eine Rolle gespielt.

Von entscheidender Bedeutung war dann die Druckerpresse, die Ziegenbalg zur Verbreitung der Bibel und christlicher Texte in Tranquebar installieren ließ. Bald wurden nicht nur christliche Texte, sondern auch weltliche Schriften, Zeitungen und Literatur veröffentlicht. Man könnte sagen, daß Ziegenbalg die erste Welle der Massenmedien in dieser Region auslöste – mit entsprechender Wirkung auf das gesellschaftliche Bewusstsein von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.

Zum Museum

Das Linden-Museum in Stuttgart am Hegelplatz ist ein staatliches Museum für Völkerkunde. Das Museum wird vom Land Baden-Württemberg getragen; die Landeshauptstadt Stuttgart beteiligt sich zur Hälfte an der Finanzierung.

Adresse: Hegelplatz 1, 70174 Stuttgart
Telefon: 0711 20223              
Webseite: https://www.lindenmuseum.de/

Öffnungszeiten:
Samstag       10:00–17:00     Sonntag   10:00–18:00     
Montag         geschlossen
Dienstag       10:00–17:00     Mittwoch  10:00–17:00     
Donnerstag  10:00–17:00     Freitag      10:00–17:00

Den Katalog zur Ausstellung, von M.D. Muthukumaraswamy, Georg Noack, Inés de Castro und Lisa Priester-Lasch herausgegebenen, gibt es im Museumsshop für 29,50€ zu kaufen.

Rainer Schoder

Sämtliche Fotos (bis auf das Plakat der Ausstellung) von Rainer Schoder. Die kursiv gesetzten Texte sind von den erläuternden Tafeln der Ausstellung (teilweise in Auszügen) übernommen.

Ausstellungsraum, Foto: Rainer Schoder
Ausstellungsraum, Foto: Rainer Schoder

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