Roadmovie ‚Namdev Bhau – In Search of Silence‘

16. Indisches Filmfestival Stuttgart vom 17. bis 21. Juli 2019

Regisseurin Dar Gai eröffnet 16. Indisches Filmfestival Stuttgart

Europas größtes indisches Filmfestival setzt ein Zeichen: Mit dem bildstarken Roadmovie ‚Namdev Bhau – In Search of Silence‘ der indischen Regisseurin Dar Gai startet das 16. Indische Filmfestival Stuttgart am Mittwoch, 17. Juli im Metropol Kino. Bis 21. Juli präsentiert es nahezu 50 aktuelle Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus ganz Indien. Allesamt politischer, selbstbewußter und ernsthafter. Aber auch die Unterhaltung kommt nicht zu kurz.

Im Eröffnungsfilm begleitet die in der Ukraine geborene und in Mumbai lebende Regisseurin Dar Gai einen Taxifahrer, der vor dem ohrenbetäubenden Straßenlärm der Metropole ins Tal der Stille flieht. Auf seinem Weg zum Sehnsuchtsort im Himalaja begegnet ihm ein Junge, der seine Eltern sucht. Für beide beginnt ein großes Abenteuer. Zur Deutschlandpremiere in Stuttgart bringt Dar Gai ihren Hauptdarsteller Namdeo Gurav und den Kameramann Aditya Elavarthy mit.

Mit Spannung erwartet das Publikum die Weltpremiere von Rahat Kazmis ‚Lihaaf -The Quilt‘ mit der brillanten Tannishtha Chatterjee (‚Zeit der Frauen‘). Es geht um einen Gerichtsprozess gegen die gefeierte Autorin Ismat Chugtal (1915 bis 1991). Ihr wird vorgeworfen, eine obszöne Beziehungsgeschichte zweier Frauen verfaßt zu haben. Zur Weltpremiere kommen Schauspielerin und Co-Autorin Sonal Sehgal und Produzent Marc Baschet.

Die Festivalbesucher begleiten gleich mehrere Filmhelden auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit, geliebten Menschen und Frieden. So muss im großen Historienfilm ‚Ek Je Chhilo Raja – The Imposter Prince‘ ein Gericht in den 1940er Jahren klären, ob ein plötzlich aufgetauchter geheimnisvoller Mönch der rechtmäßige Erbprinz oder ein Betrüger ist. Regisseur Srijit Mukherji, der diese berührende und geheimnisvolle Geschichte inszeniert hat, wird zum Screening in Stuttgart erwartet.

In Arjun Duttags Drama ‚Abyakto – The Unsaid‘ nähert sich ein Sohn nach dem Tod seines Vaters einem Familiengeheimnis. In Gesprächen erkundet er die verheimlichte Homosexualität seines Vaters. ‚The Sweet Requiem‘ von Ritu Sarin und Tenzin Sonam konfrontiert eine Frau in der Community der Exil-Tibeter in Delhi mit ihrer Vergangenheit. Gleich zweimal ist der indische Sternekoch Vikas Khanna im Festivalprogramm vertreten: ‚The Last Color‘, sein Spielfilm-Debüt als Regisseur, dreht sich um Witwen, Waisenkinder und Polizeiwillkür. In ‚Buried Seeds‘ porträtiert Andrei Severny den indischen Spitzenkoch und seine umweltbewußte Küchenphilosophie.

Im diesjährigen Schulfilm ‚Hamid‘ sucht ein Junge seinen Vater, der – wie so viele andere Väter – im blutigen Kashmir-Konflikt plötzlich spurlos verschwunden ist. Regisseur Aijaz Khan diskutiert nach der Vorstellung mit dem Publikum. Der diesjährige Familienfilm ‚Chippa‘ von Safdar Rahmans wird von der Stuttgarter Schauspielerin Juliane Bacher live in Deutsch eingesprochen. Auch in diesem Drama vermißt ein kleiner Junge seinen Vater. Ein Brief in unbekannter Sprache bringt ihn auf eine Spur. Vor ‚Chippa‘ gastiert im Kinosaal das traditionelle Marionettentheater ‚Kathputli‘ aus Rajasthan.

Die satirische Komödie ‚#Gadhvi‘ von Gaurav Bakshi erzählt augenzwinkernd, wie der
Pazifist Gadhvi in den sozialen Medien zum Gesicht der Anti-Korruptionsbewegung aufgebaut wird. In ‚Ek Sangaychay – Unsaid Harmony‘ von Lokesh Vijay Gupte eskaliert in vier Familien der Generationenkonflikt, bis eine blutige Tragödie einen Wendepunkt setzt. Wagt er den verbotenen Schritt auf den heiligen Berg? Einem Schäfer stellt sich in ‚Sona Dhwandi Bhed Te Suchha Pahad – The Gold-Laden Sheep & The Sacred Mountain‘ von Ridham Janve nach einem Flugzeugabsturz auf heiligen No-Go-Boden diese Frage.

Die fünftägige cineastische Indienreise wagt einen kritischen Blick hinter die verschwiegenen Mauern eines Ashrams für Witwen (‚Widows of Vrindavan‘ von Onir) und skizziert in ‚Women’s Voice – India’s Choice‘ von Shammi Singh eine Landkarte über die gesellschaftliche Situation der Frauen in Indien. Der Punkmusiker und Yoga-Lehrer aus Stuttgart feiert mit seiner Doku Weltpremiere. Gleich mehrere Festivalfilme porträtieren spannende Menschen. So ‚G.D. Naidu – The Edison of India‘ (Regie Renjith Kumar), der die Bombardierung Stuttgarts überlebte und in der Region treue Freunde fand. Anjali Bhushan erinnert in ‚My Home India‘ an ein Botschaftsteam in Mumbai, das im Zweiten Weltkrieg 5.000 polnische Kriegsgefangene vor den Lagern in Russland gerettet hat.

Mit 50 Jahren lernte ‚Coral Woman‘ (Regie Priya Thuvassery) den Tauchsport und landete in Korallenriffs, die von Plastikmüll zerstört werden. Im Rahmen einer Tee Matinée werden der Friedensnobelpreisträger von 2014, Kailash Satyrathi (‚Satyrathi‘ von Pankaj Johar) und seine Kinderhilfsprojekte filmisch vorgestellt. Die Doku ‚Peacock Plume‘ widmet Shabnam Sukhdev der von Lebenkrisen geschüttelte Tänzerin Shubhada Varadkars, die auch beim Festival in Stuttgart auftreten wird. Und der Münchner Bollywood-TV-Sender ZeeOne stellt in einem Special angesagte Deutsch synchronisierte TV-Serien aus Indien vor.

Filmpreise ‚German Star of India‘

Bevor die begehrten Filmpreise ‚German Star of India‘ zum Abschluss des Festivals vergeben werden, darf sich das Publikum auf ein vielseitiges Rahmenprogramm freuen. Die baden-württembergische Staatsministerin Theresa Schopper nimmt an einem ‚Tea Talk‘ über die Beziehungen zwischen Europa und Indien teil. Vier Kameraleute aus Indien erklären in ‚Making of Indian Cinema‘ ihre Sichtweise auf Filmstories und Manoj Baruah aus Assam bringt seine fünfsaitige Geige mit. Das ganze Festivalprogramm unter www.indisches-Filmfestival.de


Interview mit Andreas Lapp

Der Stuttgarter Weltunternehmer Andreas Lapp ist Hauptsponsor des Indischen Filmfestival Stuttgart. Warum ihn das aktuelle indische Kino fasziniert und wie seine Liebe zu Indien begann, verrät der Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in folgendem Interview. Das 16. Indische Filmfestival Stuttgart präsentiert vom 17. bis 21. Juli 2019 im Metropol Kino Stuttgart nahezu 50 aktuelle Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus ganz Indien. Europas größtes indisches Filmfestival erwartet zahlreiche spannende Filmgäste.

Andreas Lapp, Foto: Frank von zur Gathen
Andreas Lapp, Foto: Frank von zur Gathen

Welche Eindrücke haben Sie von Ihrer aller ersten Reise nach Indien mitgenommen.

Andreas Lapp: „Von meiner ersten Reise nach Indien war ich sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht überwältigt. Indien ist ein riesiges Land, indem unterschiedliche Kulturen, Religionen und Bevölkerungsgruppen aufeinandertreffen. Der Subkontinent hat unglaublich viel zu bieten: Abwechslungsreiche Landschaften, leckeres Essen, viel Geschichte und Kultur, aber auch höchst lebendige und gewöhnungsbedürftige Millionenstädte. Auch heute noch bin ich begeistert von Indien und freue mich jedes Mal dorthin zu reisen.“

Wie hat sich Indien seither verändert?

Andreas Lapp: „Seit meinem ersten Besuch in Indien hat sich sehr viel getan. Nach der wirtschaftlichen Öffnung des Landes Anfang der 90er Jahre hat es in fast allen gesellschaftlichen Bereichen gewaltige Veränderungen gegeben. Allein 140 Millionen Menschen haben den Weg aus der Armut gefunden. Es wurden Wohnungen und Krankenhäuser gebaut. Heute sieht man in den Großstädten nur noch vereinzelt Bettler. Vor einigen Jahren haben sie das Stadtbild maßgeblich geprägt. Ich bin auch immer wieder begeistert vom Chhatrapati Shivaji International Airport in Mumbai. Trotz des hohen Passagieraufkommens sind die Organisation und der Service dort sehr gut.“

Welche Rolle könnte Indien künftig auf dem Weltmarkt und in der Weltpolitik spielen?

Andreas Lapp: „Ich bin der Überzeugung, dass Indien zukünftig eine gewichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen wird. Indien ist die größte Demokratie der Welt. Gefestigte demokratische Strukturen und Intuitionen waren ein wichtiger Grund für meine Entscheidung, Produktionsstandorte in Indien zu errichten. Auch zukünftig werden die demokratischen Prinzipien eine notwendige Bedingung für die wirtschaftliche Dynamik des Landes darstellen.Indien ist eine sehr junge Nation. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes ist unter 25 Jahren. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen. Auch die Bevölkerungsmasse macht Indien als Land attraktiv. Die Mittelschicht wächst schnell und ist sehr konsumfreudig. Gleichzeitig ist der Markt noch nicht gesättigt und bietet damit zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten.“

Welchen Stellenwert sollte Indien für Europa, die Bundesrepublik Deutschland und Baden-Württemberg haben?

Andreas Lapp: „Aus meiner Sicht sollte Indien für Europa, Deutschland und Baden- Württemberg einen gehobenen Stellenwert einnehmen. Deutschland ist Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der Europäischen Union. Ende 2018 lebten knapp 130.000 Inder in Deutschland. Mittlerweile kommen immer mehr junge Menschen nach Deutschland, um hier zu studieren, was mich sehr freut. Die langjährige Weinbautradition Baden-Württembergs bringt sogar indische Winzer nach Deutschland, um hier ihr Wissen zu erweitern. Auch die lebendige Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Mumbai, die wir jährlich mit einem Weinfest begehen, trägt zur Beziehungspflege zwischen den Kulturen bei. Ich hoffe, dass auch in Zukunft, Indien ein wichtiger Partner für Europa, Deutschland und auch Baden-Württemberg bleibt.“ Das indische Filmfestival Stuttgart ist in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wohl die lebendigste kulturelle Brücke zwischen den Partnerstädten Stuttgart und Mumbai.

Was fasziniert Sie an Filmen aus Indien?

Andreas Lapp: „Mit über 3000 Filmen pro Jahr ist die indische Filmindustrie die produktivste der Welt. Ich bin jedes Mal begeistert von der ungeheuren Vielfalt an Filmen, die in den Kinos laufen. Die gezeigten Bilder, die behandelten Themen und auch die Schauspieler sind so verschieden, wie das Land selbst. Dass die indische Filmindustrie mehr zu bieten hat, als nur Bollywood-Filme zeigt das Indische Filmfestival. Ich freue mich Jahr für Jahr auf das abwechslungsreiche Programm, welches das Filmbüro Baden-Württemberg zusammenstellt.“

Die Fragen stellte Hans-Peter Jahn

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