Sonntag, 22. April 2018
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Kalaripayattu ähnelt mit seinen fließenden Bewegungen, Drehungen und hohen Sprüngen einem Tanz. Fortgeschrittene verwenden Waffen wie Schwerter und Schilder. Die Marma-Massagen aus der Kalari-Heilkunst wurden unter anderem entwickelt, um das Gewebe der Kalaripayattu-Kämpfer geschmeidig zu halten.
Kalaripayattu ähnelt mit seinen fließenden Bewegungen, Drehungen und hohen Sprüngen einem Tanz. Fortgeschrittene verwenden Waffen wie Schwerter und Schilder. Die Marma-Massagen aus der Kalari-Heilkunst wurden unter anderem entwickelt, um das Gewebe der Kalaripayattu-Kämpfer geschmeidig zu halten.

Das heilende Geheimnis des Kalaripayattu

Aus dem südindischen Kampfsport Kalaripayattu entwickelte sich eine Heilkunst, die sich auf die Vitalpunkte des menschlichen Körpers konzentriert. Sie kann im CGH-Earth-Resort „Coconut Lagoon“ in den Backwaters von Kerala erfahren werden.

Die heiligen Schriften Indiens sollen das gesamte Wissen der Menschheit enthalten – vom Geheimnis der Schöpfung bis hin zum Wissen von einem gesunden Leben. Letzteres ist als Ayurveda gut in der westlichen Welt bekannt. Weniger geläufig ist die Heilkunst „Kalari Chikitsa“. Ihren Ursprung hat sie im südindischen Kampfsport Kalaripayattu.

Kalari Chikitsa konzentriert sich ähnlich wie die Traditionelle Chinesische Medizin auf Vitalpunkte und Energiebahnen des menschlichen Körpers. Das Wissen darum geht auf eine mehr als 2000-jährige Anwendung und Ayurveda zurück. Die Lehrmeister in den Kalaris geben es nur an ausgewählte Schüler weiter. Eine authentische Kalari-Behandlung können Touristen im CGH-Earth-Resort „Coconut Lagoon“ in den Backwaters von Kerala erfahren.

Die Schweizerin Caroline Genoux kommt seit drei Jahren für die spezielle Behandlung in das idyllisch gelegene Fischerdorf Kumarakom in der Nähe von Cochin. Die 56-jährige Architektin leidet an Parkinson. Sie war 40 Jahre alt als sie die Diagnose erhielt. Trotz schulmedizinischer Medikamente, die das Fortschreiten der Krankheit aufhalten sollten, habe sich ihr Zustand im Laufe der Zeit immer weiter verschlimmert. „Die Vitalpunkt-Therapie kann meinen Körper zwar auch nicht heilen, aber die Degeneration stoppen“, stellte sie schon nach ihrem ersten Besuch vor drei Jahren fest. Zudem bekomme sie durch die Behandlungen mehr Energie und könne wieder vieles alleine machen, wozu sie sonst Hilfe benötigt – laufen zum Beispiel. Die paradiesische Umgebung der Backwaters, die liebevollen Menschen im Resort und das fast ausschließlich aus Bio-Lebensmitteln zubereitete Essen unterstützten den Regenerationseffekt nicht unwesentlich, ist sie überzeugt.

Wer Körper, Geist und Seele auf indische Weise entspannen will, kann an Yoga- und Meditationskursen teilnehmen. Naturforscher begleiten die Gäste zu Vogelbeobachtungstouren rund um das Resort. Künstler entführen die Gäste am Abend in die Welt indischer Musik und indischen Tanzes.
Wer Körper, Geist und Seele auf indische Weise entspannen will, kann an Yoga- und Meditationskursen teilnehmen. Naturforscher begleiten die Gäste zu Vogelbeobachtungstouren rund um das Resort. Künstler entführen die Gäste am Abend in die Welt indischer Musik und indischen Tanzes.

Kern der mindestens einwöchigen Therapie ist eine täglich zweistündige Massage-Behandlung inklusive Arztkonsultation und anschließendem Dampfbad im Ayurveda-Zentrum des Resorts. Die halboffenen Behandlungsräume bieten wunderschöne Ausblicke auf saftig grüne Reisfelder, die zwischen den Seen, Flüssen und Kanälen der einzigartigen Landschaft der Backwaters liegen. Bilder wie diese kann der Patient während der Massage genießen. Doch meist schließen sich die Augen, wenn die Hände der Therapeutinnen mal mehr, mal weniger kräftig über Arme, Beine und Rücken streichen.

Ist der Körper entspannt, ertastet die Chef-Therapeutin Punkte, die sich fest anfühlen. Kräftig drückt sie mit ihren Fingerspitzen hinein und streicht die aufgelösten Stellen aus. Sie massiert die Marmas. „Das sind die Stellen im Körper, in denen verschiedene Gewebe aufeinander treffen – wie etwa Muskeln, Venen, Arterien, Bänder, Knochen, Gelenke oder Nerven“, erklärt Ayurveda-Arzt Dr. Radhakrishnan. Die meisten Vitalpunkte liegen im Bereich der sieben Chakren, den Energiezentren des Körpers, durch die der Mensch mit der Energie des Universums verbunden ist.

Er weist jeden Patienten vor der Behandlung darauf hin, dass die „Elakkithirimmu“ genannte Massage schmerzen könnte. „Das kommt durch Blockaden in den Vitalpunkten. Das Kneten, Reiben und Streichen lösen sie auf, damit die Lebensenergie wieder frei fließen kann“, erklärt Dr. Radhakrishnan. Die blockierten Marmas zu erspüren, die passende Massagetechnik und das richtige Öl mit passenden Kräutern einzusetzen, damit Prana, die Lebensenergie, wieder in die richtigen Kanäle gelange, sei eine Kunst, die nur wenige Therapeuten beherrschen, so der Ayurveda-Arzt weiter.
Prana fließe über etwa 72.000 Nadis, innere Kanäle, von einem Marma zum anderen. Die Art wie die Energie durch die Nadis fließt, bestimme im Kalari Chikitsa die Gesundheit. Falsche Ernährung, Bewegungsmangel, sitzende Tätigkeiten, Verletzungen oder Unfälle führen häufig zu Blockaden und Beschwerden wie steifen Gelenken, Rückenschmerzen, Nervosität, Abgeschlagenheit und vielem mehr.

Langsam gleiten die märchenhaft wirkenden Hausboote über den Vembanad-See. Purpurfarbend erscheint er bei Sonnenaufgang, goldfarbend bei Sonnenuntergang.
Langsam gleiten die märchenhaft wirkenden Hausboote über den Vembanad-See. Purpurfarbend erscheint er bei Sonnenaufgang, goldfarbend bei Sonnenuntergang.

Kalari Chikitsa könne aber nicht nur Beschwerden heilen oder lindern, sondern insgesamt für eine Revitalisierung des Körpers sorgen. Angeblich soll schon ein Tag der Massage mit ayurvedischem Dampfbad und anschließender Ruhephase denselben Effekt haben wie 28 Tage regelmäßigen Sports. Eine nennenswerte Besserung von Beschwerden erfahre der Gast aber erst bei einer Behandlung ab sieben Tagen, fährt Dr. Radhakrishnan fort.

Caroline Genoux und ihre Freundin Sarah bleiben in der Regel drei Wochen. Langweilig ist ihnen dabei noch nie geworden. Coconut Lagoon bietet neben der Ruhe, die es in der Abgeschiedenheit der Backwaters ausstrahlt, viel Abwechslung. Es gibt Yoga- und Meditationskurse, einen Schmetterlingsgarten, viel Platz und Zeit zum Spazieren, Bird Watching in Begleitung der hauseigenen Naturexperten, einen Swimmingpool, Tischtennis, Hausbootfahrten durch die Backwaters, klassische indische Musik, Tanz und vieles mehr.

„Die Vitalpunktmassagen sind für mich besser geeignet als eine authentische Ayurveda-Kur“, erklärt Caroline Genoux. „Ich kann etwas unternehmen, das Resort mal verlassen und einen Ausflug nach Cochin unternehmen. Das einzige Problem ist nur, dass man nicht mehr von hier weg möchte.“

Neben Kalari Chikitsa gibt es im Coconut Lagoon auch die Möglichkeit, nur Ayurveda zu machen – je nachdem, was für den Gast bzw. den Patienten am besten geeignet ist. Mehr Informationen und Bilder zu den Resorts und Hotels unter www.cghearth.com sowie zu Ayurveda mit CGH Earth unter www.cghearthayurveda.com.

Kalari-Lehrmeister und Ayurveda-Arzt: Prabhakaran Gurukkal vom Madhumati Kalari in Cochin.
Kalari-Lehrmeister und Ayurveda-Arzt: Prabhakaran Gurukkal vom Madhumati Kalari in Cochin.

Interview

„Der Arzt kann entscheiden, was besser geeignet ist“
Kalari-Lehrmeister Prabhakaran Nair über die Ursprünge der Kalari-Heilkunst und ihren Bezug zu Ayurveda

Das Wissen der Kalari-Heilkunst wird in Südindien seit Jahrtausenden nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Dafür werden in den Kalaris spezielle Schüler ausgewählt und von einem Lehrmeister, einem sogenannten Gurukkal ausgebildet. Einer von ihnen ist Prabhakaran Nair vom staatlich anerkannten Madhumati Kalari in Cochin, Kerala. Der 65-Jährige ist sowohl Gurukkal als auch Vaidya, ein Ayurveda-Arzt.

Wie kam es, dass eine Heilkunst aus einer Kampfsportart entstand?

Kalaripayattu war ursprünglich keine Kampfsportart, sondern eine Methode, den Körper fit zu halten. Die Kalaripayattu-Bewegungen sind schnellere Versionen verschiedener Asanas aus dem Yoga, die Körperbewegungen und Atmung miteinander verbinden. Früher praktizierten viele Menschen während des Monsuns Kalaripayattu. Sie nutzten die Regenzeit, um Krankheiten vorzubeugen. Erst später entwickelte sich daraus eine Kampfkunst, eine Art Selbstverteidigung. Da es während der Kampfübungen zu Verletzungen kam, begannen die Kalari-Meister, sie mit verschiedenen Kräutern, Ölen und Massagen zu behandeln. Ayurveda spielte vor allem bei der Anwendung der auf Kräutern basierenden Medizin eine Rolle. Im Laufe der Zeit entstand eine eigenständige Heilkunst, die auf verschiedene Kranhkeiten anwendbar ist.

Ist Kalari Chikitsa eine Alternative zu Ayurveda?

Da mit der Kalari-Heilkunde nicht alle Krankheiten behandelt werden können – nein. Die Kalari-Behandlungen können nur bei bestimmten Krankheiten und Verletzungen angewandt werden. Ayurveda ist stärker zur Vorbeugung gedacht, um gar nicht erst krank zu werden. Daher kann man Kalari Chikitsa und Ayurveda nicht gleichsetzen, auch wenn beide Heilkunden zur Revitalisierung des Körpers beitragen.

Wenn beides infrage kommt – was ist besser, eine Kalari-Behandlung oder eine Ayurveda-Behandlung?

Der Arzt kann entscheiden, was effektiver ist. Es gibt Krankheiten oder Verletzungen, bei denen Kalari Chikitsa besser wirkt als Ayurveda. Speziell ausgebildete Heiler, sogenannte Acharyas, versuchen Kalari Chikitsa und Ayurveda miteinander zu verbinden, um die wertvollen Erkenntnisse beider Heilkünste zu kombinieren. Auf jeden Fall ist es für beide Methoden wichtig, ein gesundheitliches Problem so früh wie möglich zu behandeln.

Zur Person
Gurukkal Prabhakaran Nair bekam die Kalari-Heilkunst seit seinem zehnten Lebensjahr
von seinen Vorfahren gelehrt. Später studierte er an der Schule des in Südindien
berühmten Gurukkal Sri Sreedaharan, bei dem er auch viele „geheime Lehrstunden“
erhielt. Seine Therapien im Madhumati Kalari folgen streng den Kalari-Prinzipien und
sind keine Wellness-Behandlungen.

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