Donnerstag, 14. Dezember 2017
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Szene aus "Monsoon Shootout" von Amit Kumar

Rückblick: IndoGerman Filmweek in Berlin

Für Freunde des indischen Films waren die letzten Wochen in Berlin ein Fest: Erst konnte man sich bei der IndoGerman Filmweek im Kino Babylon in Berlin-Mitte sieben Tage lang sattsehen, anschließend liefen bei der Berlinale, einem der weltweit wichtigsten Filmfestivals der Welt, zehn indische Filme. Hier nun ein Rückblick auf die IndoGerman Filmweek 2014.

14 Filme, davon 9 Deutschlandpremieren, anschließende Interviews mit Regisseuren oder Produzenten und ein gutes Rahmenprogramm – die IndoGerman Filmweek kann sich sehen lassen. Sie gehört zu den drei herausragenden indischen Filmfestivals in Deutschland (neben dem indischen Filmfestival in Stuttgart und dem New Generations – Independent Indian Film Festival in Frankfurt/Main, das noch stärker auf die Avantgarde des indischen Films fokussiert). Gezeigt wurde meist erstklassige Filmkunst abseits des Bollywood Mainstream sowie zwei hochinteressante Dokumentationen. Hier nun ein Rückblick auf eine kleine Auswahl der gezeigten Filme.

Dharavi, Slum for Sale (Dokumentation von Lutz Konermann)

Dieser Film über einen der größten Slums der Welt – Dharavi in Mumbai – ist aus dem Jahr 2009 und wurde bei bereits auf arte gezeigt. Seine Aktualität wird der Film aber wohl nie verlieren, solange es Slums auf dieser Welt gibt. Rund 10 Prozent der Menschheit soll mittlerweile in städtischen Slums leben. In Mumbai und deren Vorstädten leben fast 20 Millionen Menschen, die Hälfte davon in Slums. Dharavi ist mit einer Fläche von 2 km2 der größte und am dichtesten besiedelte Slum weltweit. Bis zu eine Million Menschen sollen hier leben. Andere Quellen sprechen von 450.000 bis 600.000. Die genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln.

Um 1880 wurde Dharavi gegründet. Damals lag das Gelände noch außerhalb des Stadtgebiets. Inzwischen liegt Dharavi in unmittelbarer Nachbarschaft zum Finanzdistrikt in Mumbai und es ist daher wenig verwunderlich, dass die Gegend inzwischen begehrtes Bauland ist und der Slum als Schande für die Stadt betrachtet wird. Im Mai 2007 ging dann die Meldung durch die Presse, dass die Stadt Dharavi zum Kauf anbieten wolle. Es gab und gibt immer noch Pläne, die Slumhütten – darunter auch Gebäude aus Stein, die seit Generationen im Besitz von Familien sind – abzureißen und durch soziale Wohnungsbauten zu ersetzen. So sehr die Bewohner von Dharavi sich bessere Lebensumstände wünschen würden, der Plan scheiterte schließlich – zumindest bisher – am Widerstand der Slum-Bewohner. Denn so einfach, wie es oberflächlich betrachtet scheint, ist die Sanierung eines Slums nicht.

Die Menschen leben hier nicht nur, der Slum bietet ihnen auch Arbeitsplätze und damit ihre Lebensgrundlage. Sie arbeiten als Töpfer oder Schneider oder recyceln den Müll der Millionenmetropole. Ungefähr 5.000 Unternehmen und 15.000 Einzelunternehmen soll es hier geben. Sie unterhalten einen informellen Wirtschaftssektor, der jährlich etwa mindestens 500 Millionen bis über eine Milliarde US-Dollar erwirtschaftet. Und die Waren, die hier produziert werden (hauptsächlich die Textilien), gehen durchaus auch in den weltweiten Export. Den meisten Menschen in diesem Slum würde mit der Sanierung die Lebensgrundlage entzogen werden. Der Chef einer kleinen Töpferei in Dharavi fasste es treffend so zusammen: „Die Luft im 25. Stock füllt nicht unsere Mägen.“ Selbst wenn er nach der Sanierung eine schöne Wohnung beziehen könnte, wie sollte er die 1.000 Quadratmeter Werkstattfläche finanzieren, die ihm jetzt zur Verfügung steht?

Lutz Konermann zeigt auf eindrückliche Weise wie die Stimmung der Slumbewohner, die zunächst auf Verbesserungen hofften, kippte und der Widerstand gegen die Sanierung wuchs. Er lässt Mukesh Mehta, den maßgebenden Mann an der Spitze des Planungsteams, der sich als eine Art Heilsbringer präsentiert, sowie weitere Befürworter und Gegner des Projekts zu Wort kommen. Er begleitet einige Slumbewohner über einen längeren Zeitraum in ihrem Alltag und er schafft es, auch beim Zuschauer einen Meinungswandel hervorzurufen. Denn selbstverständlich glaubt man zunächst, der Slum muss weg, so ein Leben kann man doch keinem zumuten. Doch mit Abreißen lässt sich dass Problem nicht lösen. Viel wichtiger wäre eine Antwort auf die Frage, was wir dafür oder dagegen tun, dass solche Slums überhaupt entstehen.

Das Großprojekt wurde inzwischen auf Eis gelegt. Nur hier und da wurde am Rande Dharavis ein wenig saniert. Sich wirklich gegen die Slumbewohner durchzusetzen, wagte bisher noch kein Politiker. Schließlich kommt jede zweite Wählerstimme in Mumbai aus den Slums.

Faith Connections (Dokumentation von Pan Nalin)

Die Kumbh Mela ist das weltweit größte religiöse Fest der Welt. 2013 fand die Kumbh Mela in Allahabad im Bundesstaat Uttar Pradesh statt. An 53 Tagen im Januar und Februar 2013 kamen unvorstellbare 80 bis 100 Millionen Menschen in die heilige Stadt am Zusammenfluss der Flüsse Yamuna und Ganges, um ein Bad in den heiligen Wassern zu nehmen und damit von all ihren Sünden befreit zu werden. Nicht einmal 30 Ärzte standen während der Kumbh Mela für die Pilger zur Verfügungen. Dass dort nicht mehr passiert, grenzt an ein Wunder. Etwas mehr als 50 Menschen starben zwar bei einer Massenpanik auf einer Brücke vom Bahnhof zum Festivalgelände. Aber dass nicht mehr Menschen krank wurden oder gar starben ist unvorstellbar, denn fast jeder Pilger, darunter auch viele Kinder, trinkt mindestens einen Schluck des Ganges-Wassers. Hier scheint der Glaube tatsächlich für Gesundheit zu sorgen.

Das Gelände der Kumbh Mela umfasste 55 Quadratkilometer. Da kann man sich schon mal aus den Augen verlieren. Etwa 135.000 Vermisste wurden 2013 bei der Kumbh Mela in Allahabad gemeldet. Die meisten dieser Vermissten tauchten wieder auf. Doch es gibt auch Menschen – ca. 5 bis 7 Prozent der Vermissten –, die den Trubel nutzen, um für immer zu verschwinden und irgendwo anders einen Neuanfang zu wagen.

Pan Nalin und sein Team konzentrierten sich in ihrer Dokumentation auf einen etwa zehnjährigen Jungen, der behauptete Waise zu sein und sich sehr clever auf der Kumbh Mela allein durchschlug. Als Berufswunsch gab er – gegenüber seinen Polizistenfreunden! – an: Mafiaboss. Wie sich herausstellte, war er aus Madhya Pradesh und einfach von zu Hause weggelaufen. Sein Vater hat ihn wiedergefunden – noch so ein Wunder. Am Ende der Kumbh Mela wollte er Sadhu werden. Sie zeigten eine verzweifelte Familie, die etwa eine Woche lang nach ihrem verlorengegangenen zweijährigen Sohn suchte – und, welch Wunder, ihn am Ende wiederfand. Und sie begleiteten einige Sadhus, die heiligen Männer Indiens, darunter einen, der liebevoll ein Findelkind großzieht. Mit großartigen Aufnahmen gab Pan Nalin uns Zuschauern das Gefühl, ebenfalls bei diesem Mega-Ereignis dabei gewesen zu sein.

Madras Café (Spielfilm von Shoojit Sircar)

Madras Café behandelt ein ausgesprochen brisantes Thema. Der sehr gut recherchierte Film zeigt Ereignisse vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges auf Sri Lanka (1983 bis 2009) auf, die die Geschichte Indiens veränderten: Sie führten zur Ermordung Rajiv Gandhis.

Major Vikram Singh, Offizier der indischen Armee, reist nach Sri Lanka und wird dort in politische Verwicklungen mit Rebellen und dem indischen Militär verstrickt. Schließlich trifft er auf eine britische Journalistin, die die Wahrheit über den Bürgerkrieg bekannt machen will – und dabei eine Verschwörung aufdeckt, die zur Ermordung Rajiv Gandhis führen wird. Der Film ist spannend erzählt, doch der Regisseur und die Produzenten hätten sich besser für andere Hauptdarsteller entschieden. John Abraham, indischer Schauspieler und Modell (oder umgekehrt?), sowie Nargis Fakhri, amerikanisches Modell und Schauspielerin, sind zwar schön anzusehen und John Abraham ist in seiner Heimat ein Star, doch wie sagte Amit Kumar, der Regisseur von Monsoon Shootout so schön im Interview nach seinem eigenen Filmbeitrag: „Indische Filmstars sind nicht unbedingt durch ihre hohe Schauspielkunst bekannt.“ Dennoch, der Film ist zumindest thematisch sehr spannend.

Ugly (Spielfilm von Anurag Kashyap)

Dieser wunderbare Film von Anurag Kashyap ist ungeheuer facettenreich. Er ist sozialkritisch, spannend, bietet Einblicke in die unterschiedlichsten Lebensumstände von Menschen in der Bollywood-Hochburg Mumbai und lebt von seinen guten Schauspielern.

Zum Inhalt: Rahuls Ehe ist gescheitert, seine Ex-Frau ist inzwischen unglücklich mit Polizeichef Bose verheiratet, der nun der Stiefvater von Rahuls kleiner Tochter ist. Auch Rahuls berufliche Karriere könnte besser laufen. Vergeblich versucht er, als Darsteller in Bollywood Fuß zu fassen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Rahul zu einem vielversprechenden Vorsprechen geladen wird, soll er auf seine Tochter aufpassen. Mit seinem Agenten will er nochmals für das Casting üben und lässt währenddessen die Tochter im Auto warten. Als er zurückkehrt, ist sie verschwunden. Die Suche nach dem Kind entwickelt sich zu einem perfiden Kampf, in dem jeder versucht, dem anderen die Schuld am Verschwinden des Kindes anzuhängen. Selbst Rahul wird der Entführung seines eigenen Kindes verdächtigt. Am Ende gehen die Macht- und Eifersuchtskämpfe der Erwachsenen auf Kosten des verschwundenen Mädchens.

Kashyap arbeitete hier teilweise mit unbekannten Schauspielern, die sich tatsächlich in der misslichen Lage befanden, keinen Fuß in die Bollywood-Studios zu kriegen. Einem erfolgreichen Menschen in dieser Filmindustrie stehen 10.000 gegenüber, die es nicht schaffen. Sie lassen meist viel zurück, um in Bollywood ihr Glück zu suchen. Wenn es nicht klappt, schaffen es die wenigsten, diesen Traum wieder aufzugeben. Scheitern ist einfach keine Option für diese Menschen.

Doch nicht nur die harte Welt des Films zeigt Kashyap auf. Jede Stunde werden in Indien zehn Kinder vermisst – auch das ein Thema dieser Geschichte; die von Rahuls Ex-Frau als lieblos empfundene zweite Ehe ein anderes. Und auch Polizeichef Bose ist eine tragische Figur in diesem Spiel. Er erscheint lieblos und brutal, doch bis zum Schluss weiß man als Zuschauer nicht, ob er wirklich so ist oder seine Gefühle einfach nur nicht zeigen kann. Ein sehr spannender Film mit vielen unerwarteten Wendungen und guten Darstellern.

D-Day (Spielfilm von Nikhil Advani)

Auch in diesem packenden Thriller sorgt ein politischer Konflikt zusätzlich für Spannung. Wali Khan, gespielt von Irrfan Khan, der bei uns vor allem durch „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ (als der erwachsene Pi) und „Lunchbox“ bekannt ist, wird nach Karachi (Pakistan) geschickt, um Indiens meistgesuchten Mann, Iqbal Seth Goldman, den Kopf eines großen indischen Verbrechersyndikats, zu beschatten. Neun Jahre lebt er in Pakistan das Leben eines einfachen Friseurs, ganz unauffällig mit Frau und Familie. Als bekannt wird, dass Goldman zur Hochzeit seines Sohnes in Karachi kommen wird, sollen Khan und sein Team ihn festnehmen und nach Indien bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Doch dann geht etwas schief und die Jäger werden zu Gejagten. Mehr sei hier nicht verraten, denn wir hoffen sehr, dass der Film noch regulär in die deutschen Kinos kommen wird.

Doch so viel vorab: Es handelt sich hier um einen hochspannenden Thriller mit sehr guten Schauspielern, schnellen Schnitten, knisternder Atmosphäre, mit unerwarteten dramaturgischen Einfällen, wie ich sie im deutschen Film doch sehr vermisse. Und dann ist der Film auch wieder sehr indisch, gefühlvoll, verschnörkelt, fast – aber nur fast – ein wenig kitschig. Kurz und gut: Dieser Film ist ein Meisterwerk seines Genres! Falls er je in einem Kino in ihrer Nähe läuft, gehen Sie rein!

Monsoon Shootout (Spielfilm von Amit Kumar)

Noch ein Meisterwerk! Und dann noch ein taufrisches: Monsoon Shootout feierte in Berlin sogar seine Deutschlandpremiere, noch bevor der Film in Indien angelaufen ist. Regisseur Amit Kumar war mit diesem Streifen, seinem ersten Spielfilm, auch schon nach Cannes eingeladen.

Im Grunde wird ein und dieselbe Geschichte mehrmals erzählt. Der junge Polizist Adi verfolgt bei seinem ersten Polizeieinsatz bei strömendem Monsunregen einen Verdächtigen und stellt ihn schließlich in einer Sackgasse. Während er mit der Waffe auf den Verdächtigen zielt, muss er sich entscheiden: schießen oder nicht schießen? Je nachdem wie sich Adi entscheidet, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt schießt, wird die Geschichte einen anderen Lauf nehmen – sie wir immer anders ausgehen, aber niemals gut. So wie man im indischen Monsun nicht verhindern kann nass zu werden. Und genau das wollte Amit Kumar zeigen: die Ausweglosigkeit aus einem korrupten System. Das ist ihm hervorragend gelungen. Nicht nur die wirklich gute Geschichte, gute Regiearbeit, sondern auch die hervorragenden Schauspieler tragen den Film. Hier sieht man nicht die üblichen Bollywood-Stargesichter, sondern junge Darsteller, die ihre Kunst beherrschen. Ein gutes Casting, finde ich und wiederhole gern Amit Kumars Worte aus dem anschließenden Interview auf die Frage, warum er dieses großartige Werk nicht mit Stars besetzt hat: „Bollywood-Stars sind nicht unbedingt durch ihre Schauspielkunst berühmt.“

Mein Kurzresümee über die IndoGerman Filmweek 2014 in Berlin lautet: gute Filme, interessante Gäste und wieder einmal ein wunderbar facettenreicher Blick auf den indischen Subkontinent. Man kann auf das Programm der nächsten IndoGerman Filmweek 2015 gespannt sein. Verpassen Sie es nicht! Traudl Kupfer

www.indogerman-filmweek.de

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