Freitag, 15. Dezember 2017
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Indisches Filmfestival in Stuttgart
Im Juli findet zum 14. Mal das Indische Filmfestival in Stuttgart statt.

Indisches Filmfestival Stuttgart: Wahlkampf indisch und Rebellion im Alltag

Wahlkampf auf indisch und kleine Rebellionen im Alltag sind zwei Top-Themen im Programm des 14. Indischen Filmfestival Stuttgart. Mit der schwarzen Komödie „Newton“ von Amit Masurkar startet Europas größtes indisches Filmfestival am Mittwoch, 19. Juli 2017, im Metropol Kino Stuttgart. Die Deutschlandpremiere des in Indien noch zensierten Spielfilms „Lipstick under my Burkha“ von Alankrita Shrivastava ist ein weiteres Highlight. Der Dokumentarfilm „Mostly Sunny“ von Dilip Mehta enthüllt dagegen das Vorleben einer Bollywood-Beauty, die vormals ein indischer Porno-Star war. Bis 23. Juli 2017 präsentiert das veranstaltende Filmbüro Baden-Württemberg im Metropol Kino mehr als 40 aktuelle Filmproduktionen aus ganz Indien.

Eröffnungsfilm „Newton“ – Wahlkampf auf indisch

Im großen europäischen und deutschen Wahljahr begleitet der starke Eröffnungsfilm „Newton“ einen pflichtbewussten indischen Wahlhelfer auf seiner schwierigen Mission in den Dschungel von Chhattisgarh, wo das Volk der Gond – sogenannte Adivasi oder Ureinwohner Indiens – zum Gang an die Wahlurne bewegt werden muss. Auf dem Gebiet der Ureinwohner kämpfen indische Streitkräfte gegen maoistische Guerillas und im Dschungelboden schlummern zudem wertvolle Bodenschätze. Wie Wahlhelfer Newton, großartig dargestellt von Bollywood-Beau Rajkummar Rao, in dieser Konfliktzone seinen komplizierten Job erledigt, ist ein gelungenes Lehrstück in Sachen Demokratie.

Sehnsucht nach politischer Erneuerung

Auch im Dokumetarfilm „An Insignificant Man“ des Regie-Duos Khushboo Ranka und Vinay Shukla, der am Donnerstag, 20. Juli 2017, im Rahmen einer Schulvorstellung gezeigt wird, geht es um Wahlkampf. Der Film rekonstruiert das aufsehenerregende Politikdebüt Arvind Kejriwals, der Indiens Politik auf den Kopf stellen will. Der polarisierende Wahlkämpfer steht für „die Sehnsucht nach politischer Erneuerung und Veränderung, die in vielen Teilen der Welt zu spüren ist“, gibt Elisa Kromeier von der Programmleitung des Festivals zu bedenken. Viel näher am Puls der Zeit kann man kaum sein. Die Schulvorstellung mit abschließendem Referentengespräch wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Realität und Wünsche der Frauen

Mit Spannung erwartet wird die Deutschlandpremiere des Spielfilms „Lipstick under my Burkha“ von Alankrita Shrivastava, ein Film, der in Indien noch zensiert ist. Vier Frauen, zwischen 18 und 55 Jahre alt, überschreiten Grenzen, die eine konservative Gesellschaft gesetzt hat.

Ein Collegegirl träumt unter der Burkha von einer Karriere als Popsängerin und eine Witwe entdeckt durch eine Romanze am Telefon ihre Sexualität. „Burkha und Lippenstift, im Film Requisiten, sind Metaphern für die Realität und die Wünsche der Frauen,“ erklärt Elisa Kromeier, die gemeinsam mit Roland Fischer für das Filmprogramm verantwortlich ist.

Sunny Leone neben Shah Rukh Khan

Die Dokumentation „Mostly Sunny“ von Dilip Mehta porträtiert Sunny Leone, die in der indischen Kleinstadt Samia als Tochter strenger Sikh-Eltern zur Welt kam und im amerikanischen Kalifornien aufwuchs. Der Bollywood-Star mit US-Pass begann seine Karriere als Cover-Girl und Porno-Star. Im Programm des 14. Indischen Filmfestival Stuttgart ist die Schauspielerin zudem als Leila an der Seite von Leinwand-Superstar Shah Rukh Khan in Rahul Dholakias Bollywoodstreifen „Raees“ zu sehen. Shah Rukh Khan legt sich in „Raees“ als smarter Verbrecher mit der Polizei an.

„Pihu“ – Nervenkitzel der besonderen Art

Fünf Tage lang lädt das 14. Indische Filmfestival Stuttgart zu einem Trip durch die brandaktuelle Welt des indischen Kinos ein. „Es gehört zum Sommer in Stuttgart einfach dazu“, betont Festivalleiter Oliver Mahn. Unangefochten regiert die Filmkunst mit spannenden, sozialkritischen und dennoch unterhaltsamen Werken. Die Stuttgarter Programmleitung, die von den beiden langjährigen Kuratorinnen Uma da Cunha aus Mumbai und Therese Hayes aus Palm Springs beraten wird, setzt auf Filme mit universellen Geschichten, die weltweit verstanden werden. „Es geht um Beziehungen wie in ‚A Death in the Gunj’ und ‚Mukti Bhawan – Hotel Salvation’ von Bhutiani, um Liebe wie in ‚Shab – The Night’ von Onir, um Nächstenliebe wie in ‚Kaasav – The Turtle’ von Sumitra Bhave, um Tod wie in ‚Mukti Bhawan – Hotel Salvation’ oder um Träume und Wünsche wie in ‚Half Ticket’ von Samit Kakkad“, fasst Kromeier zusammen.

Nervenkitzel der schier unerträglichen Art liefert der Thriller „Pihu“ von Vinod Kapri. In den Morgenstunden versucht die zweijährige Pihu vergeblich, ihre Mutter zu wecken. Als diese nicht reagiert, begibt sich das Kleinkind auf eine gefährliche Entdeckungsreise durch die Wohnung. Im Krimi „Autohead“ von Rohit Mittal dreht ein Filmteam eine Dokumentation über einen Rikscha-Fahrer in Mumbai. Je mehr sie in dessen Leben eindringen, desto mehr entdecken sie die dunklen Geheimnisse ihres Protagonisten.

Familienfilm: Slum-Kids träumen vom Pizzaessen

"Half Ticket" - Indisches Filmfestival Stuttgart
Szene aus “Half Ticket”. Foto: Indisches Filmfestival Stuttgart

Mit Samit Kakkads „Half Ticket“ zeigt das Festival in Stuttgart einen großartigen Spielfilm für die ganze Familie. Die Stuttgarter Schauspielerin Juliane Bacher wird im Kino die wundervolle Geschichte von zwei Slum-Kids, die von einem herzhaften Pizzaessen träumen, in Deutsch einsprechen.

Krimi-Fans dürfen „Wrong Side Raju“ von Produzent Anurag Kashyaps nicht versäumen. Kokona Sen Sharma ist mit zwei Festivalfilmen vertreten – einmal in einer Rolle in „Lipstick under my Burkha“ und dann noch mit dem Regiedebüt „A Death in the Gunji“, in dem der im Januar verstorbene internationale indische Filmstar Om Puri („East is East“) in einer seiner letzten Rollen zu sehen ist.

Kein Platz für alleinstehende gebildete Frauen

Die meisterhaften Geschichtenerzähler aus Indien beherrschen ihr Handwerk auch in den leisen Filmen, die den Schwachen in der Gesellschaft eine Stimme geben. In dem Spielfilm „A Billion Color Story“ von N. Padmakumar wird eine Mittelstandsfamilie nach ihrem Umzug in eine ärmere Gegend erstmals mit Rassismus konfrontiert. Der Kurzfilm „Azaad“ von Rahul V. Chitella stärkt unerschrockenen und mutigen Journalisten den Rücken. „Escaping Agra“ von Pallavi Somusetty schildert das Schicksal eines Transgenders. In „Bachelor Girls“ von Shikha Makan erfährt das Publikum von den Schwierigkeiten einer gebildeten alleinstehenden Frau bei der Wohnungssuche in Mumbai. Nicht die horrenden Mieten sind das eigentliche Problem, vielmehr die Hausgemeinschaften, die ein Mitspracherecht haben und in deren Weltbild moderne, selbstständige Frauen nicht vorkommen.

Spannende Lektion im nachhaltigen Bauen

Der einmalige Programm-Mix in Stuttgart stellt auch die Architektin Didi Contractor vor, die einst als Innenarchitektin für die Reichen in den Metropolen arbeitete und im hohen Alter im Norden Indiens ursprüngliche Bauweisen und natürliche Baustoffe wiederentdeckte. Für die Architekten-Metropole Stuttgart ist das Filmporträt „Earth Crusader“ von Shabnam Sukhdev mit Didi Contractor eine spannende Lektion in nachhaltigem Bauen.

Regisseur Haobam Paban Kumar schuf mit seinem Spielfilmdebüt „Loktat Lairembee – Lady of the Lake“, das ausschließlich mit Laiendarstellern aus der Region gedreht wurde, die kinematografische Auseinandersetzung mit seinem Land zu einem dramatischen Einzelschicksal. Mythologie und politischer Kampf verdichten sich zu einem ethnografischen Thriller. Schauplatz ist der Loktak-See, ein landschaftliches Paradies im Nordosten Indiens, wo extreme Schönheit auf extreme Gewalt trifft. Es herrscht das Recht des Stärkeren.

Auch das geht beim Indischen Filmfestival in Stuttgart: Einen Tag in Indien hautnah erleben – Richie Mehtas Dokumentarfilm „India in a Day“ macht’s möglich. Mehr Indien geht nicht – die 14. Ausgabe des Indischen Filmfestival Stuttgart kann wiederum als aktuelle Bestandsaufnahme und Spiegel der indischen Gesellschaft gewertet werden. Das Festivalteam um Leiter Oliver Mahn erfreut mit einer vielversprechenden Filmauswahl, die niemals wegschaut und für jeden Geschmack ein Kinoerlebnis verspricht.

Der „German Star of India“ ist in Indien begehrter Filmpreis

Zum Abschluss des Festivals wird verkündet, wer im Wettbewerb auf dem Siegertreppchen stehen wird. Der „German Star of India“ aus Stuttgart ist für die indische Filmbranche längst zum begehrten Filmpreis geworden. Den mit 4.000 Euro dotierten „German Star of India“ für den Besten Spielfilm hat der Hauptsponsor des Festivals, der Stuttgarter Unternehmer und Honorarkonsul der Republik Indien für Baden- Württemberg und Rheinland-Pfalz Andreas Lapp, gestiftet. Mit jeweils 1.000 Euro dotiert sind die Preise für Bester Kurzfilm und Bester Dokumentarfilm. Der „Director’s Vision Award“ geht an einen engagierten Regisseur und das Publikum stimmt über den „Audience Award“ ab.

Eine Teereise durch den Norden Indiens

Vom ersten Festival an gab es auch die „Tea Talks“, tägliche Gesprächsrunden mit Experten. In diesem Jahr konzentrieren sich die Talks, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert werden, auf folgende vier Themen: Indische Migranten in Afrika – Eine Brücke für Indiens Engagement auf dem Kontinent, Indien und der Westen – Globalisierung und Identität, Stuttgart, Mumbai und der Verkehr – Mobilität zwischen Gewohnheiten und Status sowie Von Assam nach Darjeeling – Eine Teereise durch den Norden Indiens.

Indischer Ehrengast feiert 70. Geburtstag in Stuttgart

Zum großen Opening am Mittwoch, 19. Juli 2017, wird Festivalleiter Oliver Mahn zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft begrüßen. Angesagt hat sich auch die neue indische Botschafterin in Deutschland, Ihre Exzellenz Mukta Dutta Tomar. Ein großer Freund des Indischen Filmfestival Stuttgart reist mit seinem aktuellen Film „Kaasav – Turtle“ an und feiert zudem am Schlusstag des Festivals in Stuttgart seinen 70. Geburtstag – der indische Schauspieler und Psychiater Mohan Agashe. Der Altmeister des indischen Kinos ist für sein langjähriges Kulturengagement zwischen Indien und Deutschland bereits mit dem Bundesverdienstkreuz und der Goethe-Medaille ausgezeichnet worden.

Obwohl der Großteil des Festivalbudgets in das Filmprogramm investiert wird, fehlen musikalische Glanzlichter wie die täglichen Tanzvorführungen auf dem Roten Teppich und ein Auftritt des singenden „Bollywood-Griechen“ Sakis Tsapakidis aus Gerlingen nicht. Unter Palmen im Metropol-Foyer werden auch Henna-Tattos angeboten.

Das Festival wird vom Filmbüro Baden-Württemberg e. V. veranstaltet. Gefördert wird es vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, von der Landeshauptstadt Stuttgart und der Robert Bosch Stiftung. Hauptsponsor ist der Stuttgarter Weltunternehmer Andreas Lapp, Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Weitere Unterstützer und Förderer sind die Firmen Leithaus (Festivaltrailer), Büro Linientreu (Grafik) und Team Orange (Online- Portal).

Im Vorjahr kamen etwa 5.000 Besucherinnen und Besucher zum Indischen Filmfestival Stuttgart.

Weitere Informationen unter www.indisches-filmfestival.de

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