Donnerstag, 14. Dezember 2017
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Eine riesige eigene Stadt entstand nur für die Besucher der Kumbh Mela, darunter viele heilige Männer Indiens, die Sadhus. © Fotos: Christian Krug
Eine riesige eigene Stadt entstand nur für die Besucher der Kumbh Mela, darunter viele heilige Männer Indiens, die Sadhus. © Fotos: Christian Krug

Die Herabkunft des Universums

Vom 14. Januar bis 10. März 2013 findet in Allahabad im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh die Maha Kumbh Mela, das größte religiöse Fest der Menschheit, statt. Nur alle 12 Jahre erlebt Allahabad diese hinduistische Feier in dieser Größe. Christian Krug war dort und berichtet.

Und dann sagt die junge Frau aus dem Luxuscamp: „Was Sie dort unten sehen, ist nur die Hälfte der Zeltstadt . Oder nur ein Drittel oder Viertel. Ich weiß es auch nicht!“

Kurz davor, beim ersten Blick, hatte ich gedacht, etwas Unglaublicheres noch nie gesehen zu haben. Nun weiß ich: Das wahre Ausmaß lässt sich nicht erfassen, nicht einmal von so einem exponierten Beobachtungsplatz wie der Terrasse bei Samudra Koop, hoch über den Sandbänken, auf denen die Kumbh Mela stattfindet.

Nüchterne Zahlen helfen nicht weiter, sie sind so abstrakt, als wenn man von Milliarden Euro Neuverschuldung spricht: 22.000 Straßenlaternen, 14 medizinische Center, ein temporäres Hospital mit 370 Betten, 35.000 Toiletten, 550 Kilometer Trinkwasserpipelines, 156 Kilometer Straße, und alles wird bald wieder abgebaut oder in den Fluten der Regenzeit untergehen.

Wenn man von der größten vorübergehenden Versammlung von Menschen spricht, die jemals auf unserem Planeten stattgefunden hat, dann ist es beinahe unvermeidlich, sich in Superlativen zu verfangen. Ich möchte es trotzdem versuchen:

Wenn am Abend die Beleuchtung angeht und man steht erhöht, glaubt man, dass das Universum mit seinen Sternen heruntergefallen ist. Am Morgen ist es der Himmel, der unter einem alles in Wolken hüllt, in den indischen Winternebel. Man sieht nichts und hört alles – ein Rauschmeer aus tausend Bhajans, Gebeten und Predigten.

Überhaupt dieser Geräuschpegel: Es ist ein ohrenbetäubendes, mitunter grelles Kreischen und Geschrei aus meist schlecht ausgesteuerten Lautsprechern, das einem sonst in Indien den letzten Nerv raubt. Hier buhlen Dutzende von Predigern, Sängerinnen, Informationsansagen, Brahmanen, die vedische Opfersprüche aufsagen, und viele andere um die Aufmerksamkeit der Zuhörer und ergänzen sich bei diesem Wettkampf zu etwas noch nie Gehörtem.

Auf einem der riesigen Satsang-Zelte steht ein Gruß, der einem gewidmet ist, zugleich allen, die hier sind: „A zillion bows to the most benevolent and omnipresent God who appears in the guise of sadhus, yogis, rishis, fakirs and pilgrims!“ Auf Hindi steht dort für das englische „god“ „paramatman“, was sich kaum übersetzen lässt, höchstens mit „höchste Seele“ oder „Absolutes“. Vermutlich wird dieser wohlwollendste und omnipräsente Gott auf dem Festgelände tatsächlich mit Tausenden und noch mehr Namen angerufen und hat offenkundig nichts dagegen. Denn alle scheinen das Gleiche zu meinen, alle sind aus dem gleichen Grund hier: Die Menschheit zu feiern in ihrer Sehnsucht nach dem Höchsten, das tausend Namen haben darf.

Natürlich ist es ein riesiger Umschlagplatz für religiöse Ideen, die mehr oder minder alle etwas mit dem Hinduismus zu tun haben. Es ist ein Werben um devotees [Anhänger; Anm. d. Red], selbst viele Sadhus und Nagababas buhlen um Aufmerksamkeit. Das alles aber in einer relaxten, unverkrampften, lässigen Haltung, dass nie das Gefühl aufkommt, zu irgendetwas genötigt zu werden. Man kommt und geht, schaut und staunt, wundert sich und denkt dann auf einmal: Hier ist sowieso alles normal. Die unnormale Welt, die verkrampfte, fängt jenseits des Festgeländes an.

Und alles nur, weil ein Tropfen des Unsterblichkeitstrankes einst hier heruntergefallen ist? Weil Ganga und Yamuna sich hier mit einem unsichtbaren Fluss, der Saraswati, vereinigen? Weil es in diesen Ausmaßen nur alle zwölf Jahre stattfindet?

In diesen Ausmaßen? Dieses Jahr sollen noch mehr kommen als vor zwölf Jahren. Am 10. Februar, dem Hauptbadetag, werden 35 Millionen Menschen erwartet. Die endgültige Steigerung von allem? Der Versammlungs-Supergau? Ein Menschen-Konzentrat, das es so noch nie gegeben hat? Faktum ist: Wenn es tatsächlich 35 Millionen Menschen sind, dann befindet sich jeder 200. Mensch, der auf diesem Globus lebt, am 10. Februar auf der Kumbh Mela. Das ist kein Hirngespinst, sondern es ist tatsächlich so. Und trotzdem kann man es sich in seinen kühnsten Gedanken nicht ausmalen. Das ist das Schöne an Indien: Man kann es nicht verstehen.

An den wenigen Tagen, an denen ich bei der Kumbh Mela bin, wandle ich durch die Straßen, habe kein Ziel. Natürlich wird der Sangam angesteuert, die Stelle, wo Ganga und Yamuna sich vereinen. Im Sektor 7 schaue ich, welche Akharas zugänglich sind und wo Security steht, die einen gegebenenfalls nicht hineinlässt. Hier ist die größte Dichte von Sadhus und Yogis und Rishis und „Fakiren“. Tausende Zelte, in jedem wohnen Männer, die zum Teil Jahre in Höhlen leben, nackt und aschebeschmiert, auf einem Bein stehend oder schweigend, mit einem Arm in die Luft gestreckt, der seit Jahrzehnten abgestorben ist, mit kiloschweren Rudrakshanussketten behängt, die sie nie ablegen, benebelt von Marihuanapfeifen oder beseelt von Gotteserkenntnis oder beides, Männer die verehrt werden und für viele genau das sind, was auf der Wand des großen Satsangzeltes steht: eine Erscheinungsform des Absoluten. Hier auf der Kumbh Mela zeigt sich dieses Absolute in hunderttausendfacher Gestalt. Deshalb wandle ich ohne Ziel über das Festgelände: das Zentrum ist immer dort, wo ich bin.

Es ist ein bisschen das Gefühl, als hätte ich mich verliebt: Immer wieder, wie ein Blitz, durchzuckt die Erinnerung an die Kumbh die Alltäglichkeiten zuhause. München – Prayag, ein paar Tausend Kilometer, und doch ist es, als ob dieses omnipräsente Rauschen aus Bhajans, Predigten, Singsang und allem weiteren bis hierher klingt. Ich könnte, ob ich nun will oder nicht, den Gedanken an die Kumbh nicht unterdrücken. Ich will es auch gar nicht. Sie soll dableiben in meinem Denken.

Schließlich muss dieser Artikel mit einer traurigen Wahrheit schließen: Die Kumbh Mela ist bald zu Ende. Zelte werden abgebaut, Straßenlaternen abmontiert, die Straßen werden bald vom Monsunwasser überflutet. Die Welt ist dann um einen Hauch der Ewigkeit – tja nun was? Ärmer, weil die Kumbh zu Ende ist? Reicher, weil sie stattgefunden hat? Ich für meinen Teil kann nur sagen: Die Kumbh Mela ist eine Wunderschöne, mit dunklen Stellen, mit prachtvollem Schmuck und hässlichen Narben. Aber wie es sich bei einem Menschen, den man liebt, auch verhält: Man nimmt die dunklen Seiten wahr, aber die schönen überwiegen. Und gerade das lässt einen umso mehr lieben. Ja, durch das Erlebnis der Kumbh Mela habe ich Indien noch mehr liebgewonnen. Christian Krug

Weitere Informationen:
Christian Krug ist Reiseleiter (bei STUDIOSUS-Studienreisen) und Autor und seit 17 Jahren regelmäßig in Indien. 2006 veröffentlichte er den Reisebericht „Auf Heiligen Spuren. 1700 Kilometer zu Fuß durch Indien“.

Buchtipp:
Christian Krug: Auf Heiligen Spuren. 1700 Kilometer zu Fuß durch Indien
Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2006
360 Seiten, 17,50 Euro
ISBN 978-3-89662-387-4

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