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Die furchterregende Göttin Durga wird vor allem in Westbengalen sehr verehrt. Foto: Abhiji Kar Gupta

Die Durga Puja – ein Fest für die Sinne

Das Wort „durga“ bedeutet im Sanskrit „die schwer Zugängliche“ oder „die schwer zu Begreifende“ und dennoch ist die zehnarmige Göttin Durga möglicherweise die populärste, sicherlich aber die herausragendste Göttin im Hinduismus. Gleichzeitig ist sie eine äußerst ambivalente Figur, die in ihren vielen Erscheinungsformen sowohl gütig als auch strafend erscheint. In ihren Avataren Lakshmi, Ambika, Saraswati oder Ishvari verkörpert sie die Vollkommenheit, in anderen Formen Weisheit, Kraft, Wissen oder beherztes Handeln. Im Tantrismus repräsentiert sie Shakti, die weibliche Energie des Universums. In ihrer Form Durga gehört sie – anders als die anderen Göttinnen – zu keinem männlichen Gott, sondern steht stark und weise ganz für sich selbst.

Durga Puja – der „Karneval des Ostens“

Vor allem in Westbengalen und Assam wird jedes Jahr im Herbst ein großes Fest zu Ehren dieser starken Göttin gefeiert. Zehn Tage dauert die Durga Puja, die in Kolkata besonders pompös ausfällt, denn dort ist dieses Festival das wichtigste hinduistische Fest des Jahres.

Eines der prachtvollen Pandals in Kolkata. Foto: Ramakrishna Reddy Y.
Eines der prachtvollen Pandals in Kolkata. Foto: Ramakrishna Reddy Y.

Wegen der großen, bunten und opulenten Umzüge während der Durga Puja, bei denen große Durga-Statuen durch die Stadt prozessieren, wird dieses Fest auch als „Karneval“ des Ostens bezeichnet. Singen und Tanzen, viele Süßigkeiten und ausgelassene Freude kennzeichnen die Feiern. Doch als „Karneval“ kann man die Durga Puja nur bei oberflächlicher Betrachtung bezeichnen, denn in Indien sitzen die religiösen oder spirituellen Wurzeln der Feierlichkeiten viel tiefer als dies z. B. beim Karneval in Rio je der Fall war. Dennoch ist die Durga Puja nicht nur religiös motiviert, sondern auch ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. In allen Dörfern und Städten feiern festlich gekleidete Menschen die Göttin mit Konzerten, Tanzdramen und prunkvollen Prozessionen. Man beschenkt Freunde und Verwandte und staffiert Dienstboten mit neuer Kleidung aus. Es werden Festessen gekocht und spezielle Süßigkeiten hergestellt. Die Häuser werden herausgeputzt – ein wahres Fest für die Augen! – und überall in der Stadt stehen kleinere und größere temporäre, reich geschmückte Altäre, sogenannte Pandals. Über 2000 Pandals sollen es allein in Kolkata jährlich sein. Das Fest wird bereits Monate im Voraus vorbereitet. Durga-Statuen gibt es schon Wochen vorher in den Geschäften und an fast jeder Straßenecke zu kaufen. In Kolkata existiert ein ganzes Viertel (Kumartuli), in dem die Durga-Figuren hergestellt werden – von klein bis überlebensgroß.

Im Viertel Kumartuli kann man zusehen, wie die großen Statuen hergestellt werden. Foto: Karl Grenet
Im Viertel Kumartuli kann man zusehen, wie die großen Statuen hergestellt werden. Foto: Karl Grenet

Mythologischer Hintergrund

Der Mythos, der sich um Durga rankt, ist sowohl im Devi Mahatmya als auch im Devi Bhagavata, den wichtigsten Schriften zur Verehrung der weiblichen Götter, überliefert. Durga soll im Kampf den „Büffeldämon“ Mahishasura mitsamt seiner ganzen Armee geschlagen haben. Dieser Dämon hatte sich einer langen und harten Buße unterworfen, worauf er von Lord Shiva gesegnet wurde. Weder ein Gott noch ein Mann sollten ihn jemals töten können. Nur durch die Hand einer Frau könne er sterben. Mahishasura glaubte im Traum nicht daran, dass eine Frau ihm überlegen sein könnte, und so wurde er arrogant und überheblich und begann die indischen Devas, die Halbgötter, zu terrorisieren und spielte sich schließlich zum Herrscher des Himmels auf.

Shiva und Vishnu wurden so zornig, als sie davon hörten, dass sie alle Götter aufforderten, ihre Kräfte (shaktis) zu vereinen. Brahma, Vishnu und Shiva – die dreieinige Gottheit – verschmolzen ihr Shakti in einem grellen Licht und eine mehrarmige, prachtvolle Göttin entstand, deren Körper aus den Körperteilen der vielen Götter zusammengesetzt war. Ihr Gesicht reflektierte das Licht von Shiva, ihre zehn Arme erhielt sie von Lord Vishnu und ihre Füße von Lord Brahma. Ihre Locken waren aus dem Licht von Yama, dem Gott des Todes, und ihre beiden Brüste aus dem Licht von Somanath, dem Mondgott. Die Taille bekam sie von Indra, dem König der Götter, die Beine waren aus dem Licht Varuns, dem Gott der Ozeane, und ihre Hüfte aus dem Licht von Bhoodev, der Erde.

Von jedem Gott erhielt sie eine Waffe. Shiva gab ihr einen Dreizack, Vishnu einen Diskus. Von Varuna erhielt sie eine Muschel und eine Schlinge und von Agni einen Speer. Vayu schenkte ihr Pfeile, Indra gab ihr einen Blitz und das Geschenk des weißhäutigen Elefanten Airavata war eine Glocke. Von Yama erhielt sie ein Schwert und einen Schild, Vishwakarma, der Gott der Architektur, gab ihr eine Axt und eine Rüstung. Himavat, der Gott des Himalaya, stattete sie mit Juwelen und einem Löwen, auf dem sie reiten konnte, aus. Durga erhielt noch viele weitere wertvolle und magische Geschenke, Kleidung und eine Girlande aus unverwüstlichen Lotusblüten, die ihren Kopf und ihre Brust schmückten.

Der Kampf Durgas gegen den Dämonen (Gemälde, Brooklyn Museum)
Der Kampf Durgas gegen den Dämonen (Gemälde, Brooklyn Museum)

Sie sah furchterregend aus und so zog sie dann mit lautem Lachen in den Kampf gegen den Dämonen Mahishasur. Die Berge schwankten, die Erde bebte und die Meere traten über die Ufer. Mahishasuras Armee wurde von Durga ohne Mühe besiegt. Der Dämon selbst wehrte sich zunächst jedoch hartnäckig und erfolgreich. Während der Schlacht wechselte er ständig seine Form: Mal war er ein Löwe, mal ein Elefant oder ein Büffel. Gegen die Waffen, die Durga von den Göttern bekommen hatte, war der Dämon immun. Doch als er wieder einmal seine Büffelform angenommen hatte, verwickelte ihn Durgas Löwe in einen Kampf und lenkte ihn ab. Durga konnte ihm ihren Strick um den Nacken legen. Mahishasura konterte, indem er sich in einen Löwen verwandelte. Durga köpfte den Löwen, doch da hatte der Dämon schon die Gestalt eines Mannes angenommen, den Durga jedoch unmittelbar mit einem Pfeilhagel überschüttete. Doch wieder konnte Mahishasura entkommen, indem er sich in einen Elefanten verwandelte, der Durgas Löwen mit seinem Rüssel bekämpfte. Durga hackte den Elefantenrüssel in Stücke. Als der Dämon gerade erneut seine Büffelgestalt angenommen hatte, konnte Durga Mahishasura schließlich nach einem Tritt mit ihrem Fuß, d. h. durch die Berührung ihres eigenen Körpers, dem Körper einer Frau, besiegen. Sie packte seinen Kopf, spießte ihn mit ihrem Dreizack auf und köpfte ihn mit ihrem Schwert.

Die Rituale

An diese Geschichte wird während der Durga Puja erinnert. Wichtige Stellen der Geschichte werden nachgestellt, z. B. die siegreiche Schlacht gegen den Dämonen.

Der erste Tag des Festes heißt Mahalaya. An diesem Tag huldigen Tausende von Menschen mit Gebeten ihren Vorfahren und die Abbilder der Göttin werden geweiht. Die Haupt-Puja dauert drei Tage – sie heißen Mahasaptami, Mahaastami und Mahanavami. Die Puja-Rituale, die man an diesen Tagen zelebriert, sind lang und sehr kompliziert. Nur Priester wissen wirklich, was getan werden muss. Drei Tage lang werden Mantras (heilige Verse) und Shlokas (altindische Verse) rezitiert und gesungen, Aarti (ein Ritual, bei der man der Gottheit Licht darbringt) durchgeführt und Opfer gebracht.

Gegenseitig bemalen sich Ehefrauen an Dashami mit Sandoor, der Farbe der Freude. Foto: Anrindam Mitra
Gegenseitig bemalen sich Ehefrauen an Dashami mit Sandoor, der Farbe der Freude. Foto: Anrindam Mitra

Am spektakulärsten ist aber Dashami, der letzte Tag der Durga Puja, an dem der Göttin Lebewohl gesagt wird. Dieser Tag ist besonders den verheirateten Frauen gewidmet: Einzeln geht jede Ehefrau zum Altar, schwenkt eine Butterlampe vor Durga, bestreicht das Göttinnenbildnis mit Sindoor, dem roten Pulver, aus dem auch der Punkt auf der Stirn der Frauen ist bzw. das auf den Scheitel gegeben wird, und bittet sie, im nächsten Jahr wiederzukommen. Und die Frauen bemalen sich ihre Gesichter auch gegenseitig mit dieser „Farbe der Freude“. Dann finden kleine und große Umzüge statt, bei denen auf Lastwagen, manchmal auch nur auf Fahrrädern, von Musik und Tanz begleitet die großen und kleinen Durga-Statuen zum Fluss oder zum nächstgelegenen Teich gebracht werden. Dort versenkt man die Durga-Statuen dann unter Jubel im Wasser.

Tipps für Reisende

Am besten fahren Sie schon mindestens eine Woche vor dem großen Hauptfeiertag nach Kolkata. Zu Mahalaya kann man in Kolkatas Viertel Kumartuli beobachten, wie die großen Durga-Statuen fertiggestellt werden. An diesem Tag werden die Augen auf die Figuren gemalt, ein wichtiges Ritual, das Chokkhu Daan genannt wird.

Sieben Tage später wird den Statuen die Lebensenergie der Gottheit eingeflößt. Man nimmt eine kleine Bananenpflanze, eine Kola Bou. Unter Trommeln und Mantra-Gesängen eines Hindu-Priesters wird die Kola Bou im Fluss gebadet. Dann bekommt sie so eine Art kleinen Sari angezogen, wird in einer Prozession zu den Götterfiguren zurückgetragen und neben Ganesha, dem Sohn Durgas, platziert. Um dieses Schauspiel zu sehen, muss man früh aufstehen. Sie sollten um 6.00 Uhr bereits vor Ort sein, am besten im Norden Kolkatas an den Ghats Bagbazar oder Airitolla.

Viele Häuser Kolkatas werden für die Durga Puja wunderschön geschmückt. Foto: Ramakrishna Reddy Y.
Viele Häuser Kolkatas werden für die Durga Puja wunderschön geschmückt. Foto: Ramakrishna Reddy Y.

An vielen Orten in der Stadt sind Durga-Figuren in den verschiedensten Ausführungen ausgestellt. Diese Zurschaustellungen heißen, wie schon erwähnt, Pandal – und Pandal hopping während der Durga Puja ist sehr beliebt. Am schönsten sind die Pandals nachts, wenn sie beleuchtet sind. Aber dann sind auch die meisten Menschen zum Pandal hopping unterwegs.

Wie bei allen Feiern in Indien spielt auch das Essen eine große Rolle. Während der Durga Puja haben Sie hervorragend Gelegenheit, die bengalische Küche kennenzulernen – nicht nur in Restaurants, die zu dieser Zeit spezielle Durga-Puja-Menüs anbieten, sondern auch an den Pandals oder an Imbissständen auf der Straße. Auch kulinarisch ist die Durga Puja ein Höhepunkt des Jahres in Westbengalen.

Die Krönung des Festes ist schließlich das Versenken der Statuen im Fluss. Dieser Festtag heißt Dashami. Eine der beliebtesten Zeremonien findet am Babu Ghat in der Nähe von Eden Garden statt. Am besten sieht man dieses Spektakel vom Boot aus.

Termine für die nächsten Durga Pujas

18. – 23. Oktober 2015 (Mahalaya: 12. Oktober 2015)
Achtung: Wegen einer Kollision mit dem islamischen Monat Muharram, ein Trauermonat für die Schiiten, wird Dashami dieses Jahr laut Medienberichten vom 23. auf den 25. Oktober (ab 12 Uhr) und 26. Oktober verlegt (siehe auch www.newsmen.in).
7. – 11. Oktober 2016 (Mahalaya: 1. Oktober 2016)
26. – 30. September 2017 (Mahalaya: 20. September 2017)

Durga Puja Feste zwischen dem 18. und 23. Oktober 2015 in Deutschland

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