Mittwoch, 21. November 2018
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Indien ist mehr als nur herausragende Sehenswürdigkeiten wie hier Jodhpur; das Land beeindruckt nicht zuletzt durch seine Menschen. Foto: Max Geißler

Indien – Wie kommst du denn da drauf?

Nach Indien verirren sich nur wenige deutsche Urlauber. Ein Fehler, wie sich nach dreiwöchiger Stippvisite zeigte. Das Land macht Lust auf mehr.

Indien – das war ein langgehegter Jugendtraum. Im vergangenen Oktober war es endlich soweit, per Direktflug ging es von München nach Neu Delhi. Dass es eine Reise in eine andere Welt werden würde, war klar – wie anders, allerdings nicht. Bereits vor Abflug die erste Überraschung: Unser überaus gut gelaunter Reiseleiter verteilte Zettel mit vorgefertigten Antworten, die uns beim Ausfüllen amtlicher Einreiseformulare helfen sollten. Die Verwunderung war groß, als wir feststellten, dass die gleichen Angaben bereits im Visumantrag abgefragt wurden. Der Reiseleiter lächelte nur und sagte: Inder lieben Formulare und Stempel – gern in doppelter Ausführung. Und so kam es, dass wir zum wiederholten Mal erklärten, dass unsere Vorfahren nicht aus Pakistan stammen und der Autor dieser Zeilen kein Journalist ist – das hätte die Einreise ins Land der Maharadschas nur unnötig verkompliziert.

Der erste Eindruck in Neu-Delhi war eher nüchtern: Ein moderner Airport aus Glas, Stahl, Beton und – wie angekündigt – viele stempelwütige Beamte. Die britische Bürokratie lebt in Indien nicht nur fort, sie reift zur Perfektion. Nachdem wir den Kontrolldschungel erfolgreich passiert hatten, stand unserer Rundreise durch Rajasthan nichts mehr im Weg. Nach einem kurzen Stopp im Hotel begann sogleich die Besichtigung Neu Delhis. Dabei erlebten wir hautnah die oberste Maxime des indischen Straßenverkehrs: Nur wer laut hupt und dreist fährt, kommt schnell voran. Trotz Dauerhupen brach sich unser Bus aber nur mühsam eine Schneise durch den menschlichen Ameisenhaufen, den wir aufgrund eines Straßen-Flohmarkts durchqueren mussten. Mich erstaunte, dass in all dem Chaos ein gewisses Maß an Ordnung herrschte. So sah ich Ziegenhirten, die mit ihren Tieren an einer roten Ampel brav auf Grün warten.

Nachdem sich unser Bus erfolgreich durch den Flohmarkt gekämpft hatte, erreichten wir die Freitagsmoschee, das größte muslimische Gotteshaus Indiens. Ein beeindruckender Bau, der 20.000 Gläubigen Platz bietet und als besondere Attraktion ein Barthaar des Propheten Mohammed zur Schau stellt. Die Tempelwächter lehrten uns eine weitere Besonderheit Indiens: Ohne Trinkgeld geht nichts! Unsere Schuhe, die wir vor dem Eingang parken mussten, waren nur gegen Bakschisch wieder einzulösen. Auch der Kauf der Eintrittskarten gelang zunächst nur gegen einen horrenden Aufpreis – angeblich hatte der Ticketverkäufer kein Wechselgeld. Es bedurfte reichlicher Diskussion, damit das Schlitzohr die überzähligen Rupien wieder herausrückte.

Eine Studienreise ist keine Kaffeefahrt

Obwohl der Reiseveranstalter Tour Vital für beste Bedingungen gesorgt hatte – immerhin standen unserer neunköpfigen Reisegruppe ein klimatisierter Bus plus vier Begleiter zur Verfügung: ein deutscher und ein indischer Reiseführer, ein Busfahrer und sein Gehilfe – war schnell klar: Eine Studienreise ist keine Kaffeefahrt. Das Tourprogramm war umfangreich, die vollen Tagespläne ließen nur wenig Raum für Entspannung. Schlafen im Bus während der teils langen Überlandfahrten war nur Hartgesottenen möglich, denn die indischen Straßen gleichen einem Schlagloch-Labyrinth. Dass die Reise dennoch ein voller Erfolg wurde, war insbesondere dem deutschen Reiseführer Klaus Wolff zu verdanken. Mit Geschick, Charme und Geduld lotste er uns von Programmpunkt zu Programmpunkt. Allein am ersten Tag lernten wir sechs Highlights Neu-Delhis kennen: die Freitagsmoschee, das Gandhi-Memorial, das wunderschöne Mausoleum des Mogulkaisers Humajun, das India-Gate, das Regierungsviertel sowie einen festlich geschmückten Sikh-Tempel, in dem Hunderte von Gläubigen ein farbenfrohes Fest feierten. Nach so vielen Eindrücken und einer schlaflosen Nacht im Flieger war es nicht verwunderlich, dass wir uns am Abend nach einem Bett sehnten.

Rajasthan beherbergt viele herausragende Sehenswürdigkeiten. Die Rundreise führte uns zu gewaltigen Wüstenfestungen, prunkvollen Maharadscha-Palästen und verspielten Hindu-Tempeln. In besonderer Erinnerung bleiben wunderschöne, bunt bemalte Kaufmannshäuser in Mandava, das riesige Mehrangahr-Fort hoch über Jodhpur, filigrane Steinmetzarbeiten in Jaisalmer, die quirlige Altstadt von Jaipur mit ihren tonfarbenen Häusern und dem Palast der Winde und natürlich der Traum aus Marmor in Agra: das Taj Mahal. Nachhaltigen Eindruck hinterließen das vielerorts filigrane Kunsthandwerk sowie die überaus spannenden Rikscha-Fahrten durch enge Altstadtgassen. Ein Highlight war der Transport mit der indischen Eisenbahn. Wochen im Voraus waren die Karten dafür gekauft und jeder Fahrgast einzeln in den Passagierlisten verzeichnet worden – was der Schaffner und unser indischer Guide akribisch nachprüften.

Ein Land voller Gegensätze

Im krassen Gegensatz zu prunkvollen Palästen und verspielten Parkanlagen steht das indische Alltagsleben. Die Armut ist offensichtlich, viele Menschen leben am Straßenrand, besitzen kaum das Nötigste. Beim Besuch einer Dorfschule sahen wir, dass die Kinder auf dem blanken Boden sitzen, es gab weder Tische noch Stühle – auch nicht für die Lehrerin. Da es auf dem Land kaum befestigte Straßen und Fußwege gibt, dominieren Staub und Schmutz das Straßenbild – vor allem in einem Wüstenland wie Rajasthan. Die an den Häusern entlangführenden, offenen Abwasserkanäle stinken zum Himmel und allerorts stapelt sich der Müll. Gelegentlich durchsuchten Müllsammlerinnen den Abfall nach Verwertbarem, stets beobachtet von hungrigen Kühen und Schweinen. Essbares ist allerdings selten zu finden, meist müssen sich die Tiere mit Papier und Pappe begnügen. Der unverwertbare Restmüll wird später angezündet und schwelt rußend vor sich hin – Müllentsorgung auf indisch.

Ich war erstaunt, mit welcher Gelassenheit die Inder diese Zustände ertragen. Trotz aller Unzulänglichkeiten – besonders für die Landbevölkerung – hatte ich aber nicht den Eindruck, dass die Menschen unzufrieden sind. Die Schulkinder lächelten und kamen erwartungsvoll aus uns zu, die Bettler waren zumeist freundlich, ein Mindestmaß an Selbstachtung war unverkennbar. Mich überraschte die offene Art vieler Menschen. Immer wieder hatten sie Spaß daran, sich mit uns fotografieren zu lassen oder ins Gespräch zu kommen. Da Tiere im Alltag und in der Religion eine große Rolle spielen, war eine positive Grundhaltung zu ihnen unverkennbar. Die als heilig verehrten Kühe besitzen völlige Narrenfreiheit und bringen häufig den Straßenverkehr ins Stocken. Auch wenn eine Herde Wasserbüffel die Autobahn kreuzt und die Bremsen der Fahrzeuge zum Glühen bringt oder eine rotzfreche Affenfamilie flanierende Parkbesucher attackiert,  nie habe ich einen Inder eine Kreatur anschreien oder schlagen sehen. Viele solcher Alltagsbeobachtungen hinterließen bei mir einen positiven Gesamteindruck. Indien ist unverkennbar auf dem Weg in die Moderne, Autos und Handys sind nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Für Kamelkarren und Rikschas scheint der Weg als Touristenattraktion vorgezeichnet. Ich wünsche jedem Indienreisenden, dass er möglichst viel von der Ursprünglichkeit dieses tollen Landes erlebt – es lohnt sich.  Max Geißler

 

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