Montag, 21. August 2017
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Nashorn Kaziranga Nationalpark
Der Schutz der bedrohten Nashörner im Kaziranga Nationalpark ist wichtig, nur die Mittel sollten überdacht werden. Foto: Subharnab Majumdar

Kampf gegen Wilderei in Kaziranga benötigt klügeren Ansatz

Der Kampf gegen Wilderei ist weltweit nicht gerade einfach. Der Kaziranga-Nationalpark im Nordosten Indiens ist die Heimat einiger seltener Großtierarten wie des Panzernashorns, des Asiatischen Elefanten und des Wasserbüffels, aber auch Bengalische Tiger, Leoparden, Kragenbären, Lippenbären und viele andere interessante, teilweise seltene Tierarten leben dort. Leider ist die Wilderei im Nationalpark (noch) nicht wirklich zu stoppen.

Doch wie ernst eine Straftat auch sein mag, die Täter haben dennoch ein faires Gerichtsverfahren verdient. Wenn es um Wilderei geht, gibt es jedoch sehr viele Menschen, die diesen Rechtsgrundsatz über Bord werfen und zu völlig willkürlicher Justiz zurückkehren möchten. Auf diese Unverhältnismäßigkeit der Mittel verwies gerade Lewis Evans, Editorial Director bei Survival International. Folgende Aussagen von Personen, die sich um die Tiere in Kaziranga sorgen, haben ihn zu einem Statement für einen klügeren Ansatz im Kampf gegen die Wilderei bewegt:

„Es ist verdammt noch mal akzeptabel, Menschen zu erschießen, um Nashörner zu schützen.“

„Wilderer sollten lebendig gehäutet und dann erschossen werden. Ich würde mich freiwillig melden und das umsonst tun. Sie sind der Abschaum der Welt.“

„Wilderer verdienen es zu sterben, keine Frage. Erschießt sie direkt vor Ort, das erspart lange Gerichtsverhandlungen, die sowieso keine Gerechtigkeit bringen.“

Lewis Evans reagiert in seinem Statement auf solche Aussagen folgendermaßen:

„Ich würde niemals abstreiten, dass das Töten von Tieren nur wegen ihres Elfenbeins oder Horns ein ernsthaftes Verbrechen und ein wirkliches Problem in vielen Regionen der Welt darstellt. Niemand möchte, dass bedrohte Tierarten wegen der Profitgier krimineller Banden und korrupter Beamter ausgerottet werden. Und der Anblick von Nashörnern oder Elefanten, die getötet wurden und denen das Horn oder die Stoßzähne entfernt wurden, ist zutiefst erschütternd. Ich verstehe auch, dass hier dringend etwas getan werden muss, um diese Tierarten zu schützen. Aber dafür alle Menschenrechtsprinzipien und jegliche Rechtsstaatlichkeit über Bord zu werfen, ist absurd. Selbst im niederträchtigsten autoritären Regime erfolgen zum Schein Gerichtsverhandlungen, wenn Verdächtige verurteilt werden sollen.“

Ganz abgesehen davon haben außergerichtliche Tötungen noch nie zum Schutz von Wildtieren beigetragen. Allzu oft ist es für Revierleiter ein Leichtes und profitabel dazu, selbst zum Wilderer zu werden. Zumindest ist es leicht für sie, sich bezahlen zu lassen, beide Augen zuzudrücken und dabei zu helfen, die wertvollen Teile der Tiere dorthin zu schaffen, wo Nachfrage danach besteht. Je lukrativer die Wilderei ist und je machtvoller, reicher und einflussreicher die Banden werden, die sie kontrollieren, desto lauter werden die Rufe von europäischen und amerikanischen Naturschützern, nach besser bewaffneten Wächtern. Im Ergebnis führt das zu Gewalt und Korruption großen Ausmaßes, häufig in den ärmsten und politisch instabilsten Teilen der Welt.

Gnadenloses Vorgehen gegen vermeidliche Wilderer weltweit gebilligt

Mutter und Kind vom Stamm der Mishing, Kaziranga (Assam)
Mutter und Kind vom Volk der Mishing, Kaziranga (Assam). © Foto: Survival International

Im Juli 2016 schossen Mitglieder der Forstbehörde im Kaziranga-Nationalpark in Assam den siebenjährigen Akash Orang an und fügten ihm damit bleibenden Schaden zu. Das Kind ging in der Nähe der unmarkierten Grenze des Nationalparks spazieren. Die Parkbehörden nannten den Vorfall bedauerlich, änderten aber ihre berüchtigte Anti-Wilderei-Praxis des „Schießens bei Sichtkontakt“ (Shoot on Sight) nicht. Kaziranga gilt weltweit als ein Vorreiter für Naturschutzbemühungen. Es gibt Pläne, ähnliche Maßnahmen im Kampf gegen Wilderei in ganz Indien einzuführen. In Afrika wird Schießen bei Sichtkontakt an vielen Orten bereits praktiziert. Und es ist nicht sonderlich schwer, Menschen zu finden, die dieses Vorgehen verteidigen.

In Naturschutzkreisen ist man der Ansicht, dass der Konflikt zwischen Mensch und Tier eine Bedrohung ist. Dabei machen Naturschützer keinen Unterschied zwischen Stadtbewohnern oder einheimischen Jäger-und-Sammler-Völkern, die nachhaltig mit ihrer Umwelt leben. Oft wird eine grobe statistische Gegenüberstellung als Argument für das rohe Vorgehen genutzt: Es gäbe doch über sieben Milliarden Menschen auf unserer Erde, aber nur (z. B.) etwa 30.000 Nashörner – deshalb könnten wir den Verlust einiger Menschen ruhig verschmerzen, wenn es die Nashörner schützt.

Klügere Lösungen sind gefragt

Angehöriger des Volkes der Mishing, Kaziranga (Assam)
Angehöriger des Volkes der Mishing, Kaziranga (Assam) – sie wissen, wie man die Natur hier schützt. © Foto: Survival International

Naturschützern fehlt es an Vorstellungskraft und an Ideen dazu, die sozialen, politischen und ökonomischen Probleme – und damit die wirklichen Triebkräfte der Wilderei – zu adressieren. Anstatt zu mittelalterlichen Justizmethoden zurückzugreifen oder zu der lächerlichen Lösung, die bedrohten Tiere einfach einzuzäunen und Wachposten rund um den Zaun aufzustellen, müssen wir endlich klüger im Kampf gegen Wilderei werden.

Lewis Evans schlägt vor: „Wir müssen bei der Nachfrage nach Produkten wie dem Horn von Nashörnern ansetzen und Möglichkeiten erkunden, wie wir den Handel mit solchen Produkten eindämmen. Wir müssen die Leute an der Spitze der Wilderei, die Köpfe der Banden, dingfest machen, anstatt Verdächtige zu töten. Und wir müssen auch das Wissen, das die indigenen Völker über ihre Umgebung haben, respektieren und Partnerschaften mit ihnen bilden.“

„Diese Optionen sind zwar effektiver, aber leider auch ziemlich schwierig“, so Evans weiter. „Es ist einfacher, ein paar Menschen zu erschießen und zu behaupten, man bekämpft Wilderei. Es ist ebenfalls einfacher, im Internet seine Wut auf Menschen im globalen Süden zu lenken, die ihre Lebensgrundlage verloren haben, als sich Wege zu überlegen, wie man die Umwelt ernsthaft schützt. Es sind nicht die Kinder der Naturschutz-Biologen, die Führungskräfte von Naturschutz-Organisationen oder die Spender in Europa und Amerika, die sterben müssen, um ‚Platz für Wildtiere’ zu machen, oder deren Gemeinden, die letztlich von bewaffneten Wächtern beherrscht werden. Der grüne Kolonialismus schreitet voran.“

Evans plädiert für einen klugen und humanen Naturschutz. Menschen und Tiere sollten nicht länger als miteinander in Konflikt stehend betrachtet werden und man sollte endlich zu der wirksamsten Schutzmethode von allen zurückgreifen: die Landnutzungsrechte der indigenen Völker zu stärken. Sie sollten die Spitze der Naturschutzbewegung bilden, denn mit ihnen haben wir bereits ein großes Team an erfahrenen Leuten, die bereit und willig sind, den Naturschutz zu unterstützen. Sie zu erschießen bedeutet nur Konflikte und Schrecken.

Weitere Informationen sowie das vollständige Statement von Lewis Evans finden Sie auf der indischen Newsseite Scroll: https://scroll.in/article/831880/wildlife-conservation-needs-a-more-humane-approach-than-kazirangas-shoot-at-sight-policy.

Dieser Artikel wurde überwiegend auf Basis dieser Pressemitteilung von Survival International verfasst.

Lesen Sie weitere Berichte auf der Seite von Survival International, einer Organisation, die sich dem Schutz indigener Völker verschrieben hat: www.survivalinternational.de

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