Das Indien der Mehrheit – Kommentar

Gestern lobte ich noch die indische Demokratie. Heute zeigt sich auch eine beständige Gefahr: Das Indien der Mehrheit. Die Kongressregierungen (INC) fanden ihren Rückhalt zumeist in den vielen Minderheiten in Indien, die sich ständig mit ihrer Marginalisierung konfrontiert sahen. Teil der INC-Politik war immer die Einbindung der Minderheiten mit Quoten und Privilegien.

Nach dem stetigen Ansehensverlust des INC in den letzten Jahren kommt nun möglicherweise eine BJP-Regierung. Die Hindu-Mehrheit in Indien ist aber in seiner Natur konservativ. Was die Wirtschaft und ein großen Teil der Korruptions müden Mittelschicht herbeisehnt, wirft einen dunklen Schatten auf die Randgruppen der Gesellschaft. Was geschieht, wenn die Mehrheit der Gesellschaft rassistisch ist, kann man zzt. in Ungarn beobachten. Eine starke BJP-Regierung wird nach innen wie außen rigoroser auftreten als der auf steten Ausgleich bedachte aber auch kaum handlungsfähige INC.

Gestern hob ein indisches Gericht ein Urteil auf, das gleichgeschlechtliche Beziehungen quasi legalisierte. Nun gilt wieder ein fast hundert Jahre altes Gesetzt, das Homosexualität unter Strafe stellt und mit bis zu 10 Jahren Zuchthaus andet. Das Gericht gab die Verantwortung an die Regierung weiter, die ein neues Gesetz erlassen müsse, das in Zukunft gleichgeschlechtliche Beziehungen im modernen Sinne regeln solle. Aber ob sich eine Kongressregierung vor dem Wahlkampf an so ein kontroverses gesellschaftliches Vorhaben heranwagen wird, ist ungewiss. Und ob eine mögliche BJP-Regierung ein liberales Gesetz im Sinne der Homosexuellen erlassen wird, ist noch ungewisser.

Indiens Demokratie lebt, aber ihre Reife muss sie jeden Tag aufs neue beweisen.

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