Donnerstag, 14. Dezember 2017
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© Foto: Nicole Stöber
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Abfallwirtschaft in Indien: Das nächtliche Wunder der Reisigbesen

Von einer umweltschonenden Müllentsorgung und -verwertung ist Indien im Großen und Ganzen noch weit entfernt. Noch immer obliegt die Müllbeseitigung der Kaste der „Unberührbaren“. Nicole Stöber hat die Begegnung mit diesen Menschen tief beeindruckt.

Es ist mitten in der Nacht als ich die katholische Kirche in Pondicherry, Hauptstadt des gleichnamigen Unionsterritoriums der ehemaligen französischen Kolonie Puducherry (früher: Pondicherry), nach dem Weihnachtsgottesdienst verlasse. Im Laufe des Abends hatte der Regen aufgehört. Es herrschte eine angenehm frische Kühle. Ganz benebelt von den spirituellen Eindrücken, die ich soeben sammeln durfte, streife ich zusammen mit meinem indischen Freund durch die nächtlichen Gassen auf dem Weg zu unserem Auto. Wir wollen noch irgendwo einen Tee trinken, um wieder in die Realität zu finden. Auf diesem nächtlichen Spaziergang sehe ich diese Menschen das erste Mal: Menschen, die dafür sorgen, dass Indien nicht vollends in seinem Müll erstickt. Dick in abgetragene Kleidungsstücke verhüllte Frauen fegen mit diesen in Indien ganz typischen, viel zu kurzen Reisigbesen die Gosse und beseitigen so den Müll und Unrat, der am Tag zuvor achtlos in die Gegend geworfen wurde. Am Ende der Straße steht ein kleiner LKW mit offener Ladefläche, auf den barfüßige Männer in kurzen Hosen den gesammelten Müll aufladen. Füße und Beine können leichter und schneller gesäubert werden als die Kleidung, die sie tragen, denn es ist mitunter die einzige Kleidung, die sie besitzen. Das sind sie also, die „Unberührbaren“ Indiens, die Dalits, die hier in der heiligen Nacht – wie jede Nacht – den Abfall der höheren Kasten beseitigen.

Wir erreichen eine Teebude. Tee und Snacks sind in Indien 24 Stunden am Tag fast überall erhältlich. Man muss nur wissen, wo man diese unscheinbaren Teebuden suchen muss. Wir schlürfen den heißen Tee aus kleinen Plastikbechern. Etwas bessere Teestände verwenden auch wiederverwertbare Stahlbecher, doch mitten in der Nacht hat niemand Lust, Becher zu spülen. Die Entsorgung dieser Plastikbecher erfolgt natürlich in die Gosse, denn Abfalleimer stehen nirgends zur Verfügung. Warum auch? Man hat ja die Dalits, die in der nächsten Nacht wieder alles sauberfegen werden.

Genauso wie die Gossen der Straßen als allgemeiner Mülleimer benutzt werden, sind die Abwasserkanäle zum Abtransport von Müll bestimmt. Man unterscheidet nicht nach festen und flüssigen Abfällen. Auch nicht nach toxischen und biologisch-abbaubaren. Die meisten Straßen haben entweder einen offenen oder mit Betonplatten abgedeckten Abwasserkanal neben dem Fußweg. In engeren Straßen fungiert der abgedeckte Kanal dann als Fußweg. Oft fehlen Platten oder sind gebrochen, sodass man ständig aufpassen muss, nicht in diese Kanäle zu fallen, die vorwiegend der Ableitung von Regenwasser dienen. Der achtlos hineingeworfene Müll sorgt dafür, dass es zwangsläufig beim nächsten Monsun zu Überschwemmungen kommt. Das Säubern dieser Kanäle obliegt auch den Dalits. Sie verschwinden teilweise komplett in diesen Abwasserkanälen, um den vermoderten und stinkenden Abfall zu Tage zu fördern und abzutransportieren.

Viel zu vielen Indern fehlt es aufgrund mangelnder Schulbildung und Aufklärung grundlegend an einem Verständnis für Umweltschutz, Hygiene und dem Erhalt gesunder Lebensumstände. Aber die Ärmsten der Armen, die ihr Leben in den elenden Slums der Großstädte fristen und jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpfen, kann man nicht dafür verantwortlich machen, dass sie ihren Müll auf irgendeine geregelte Art entsorgen, denn in diesen Gebieten gibt es weder eine geregelte Müllabfuhr noch eine umfassende Wasser- und Stromversorgung.

Als ich 2009 für einen dreijährigen Aufenthalt nach Indien kam, gab es im Zentrum von Bangalore, der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka (ca. 8,5 Mio. Einwohner), einen riesigen Slum. Am Rande dieses Slums häufte sich der stinkende Müll, aus dem die Kühe, Hunde, Ziegen und sonstigen Haus- und Straßentiere ihr tägliches Futter suchten. Eines Tages dann kamen Bagger und demolierten die spärlichen Hütten und Zeltkonstruktionen. Ein Großteil des Gebiets wurde planiert und letztendlich auch die Tonnen von angesammeltem Straßenmüll abtransportiert. Leider musste ich Indien verlassen, bevor mit den Neubauarbeiten begonnen wurde. Aber ich bin mir sicher, dass

hier kein sozialer Wohnungsbau für die ehemaligen Slumbewohner entstehen wird. Die Beseitigung von Slums und Verdrängung der Bewohner, wird in Indien ohne jegliche Entschädigung vollzogen, denn diese Bevölkerungsschicht besitzt schlicht keine Rechte. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die politischen und sozialen Gründe für diese menschenverachtende und umwelttechnisch katastrophale Situation zu erforschen.

Ich für meinen Teil wurde während meines Aufenthaltes in Indien jedoch nicht müde, immer wieder die Zusammenhänge zwischen sauberer Umwelt und Gesundheit zu erläutern und habe mir in dieser Weihnachtsnacht geschworen, nie wieder einen indischen Tee aus einem Plastikbecher zu trinken.
Nicole Stöber

Indien und der Umweltschutz Umweltschutz ist Luxus. Schwellenländer neigen dazu, den Schutz der Umwelt der wirtschaftlichen Entwicklung unterzuordnen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indern nicht bewusst wäre, dass die Umwelt schützenswert ist. Indien besitzt sogar eine sehr umfangreiche und weitreichende Gesetzgebung zum Schutz der Umwelt. Alarmierend sind die Luftverschmutzung in den Metropolen des Subkontinents, das Sinken des Grundwasserspiegels in vielen Teilen des Landes, die Vergiftung von Flüssen mit Schwermetallen und das Fehlen von Kläranlagen und fachgerechter Müllentsorgung. Umso überraschender sind die Urteile der indischen Gerichte, die z. B. die mit Diesel betriebenen Busse in Delhi verboten oder die Fabriken rund um das Taj Mahal schließen ließen. Die Wasserproblematik wird immer dringender, sodass jetzt die indische Regierung ein umfangreiches Programm zum nachhaltigen Wassermanagement aufgelegt hat. Auch die Industrie hat ein Einsehen und fordert von selbst sinnvolle Regulierungen gegen die Luftverschmutzung. Sven Andreßen

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One comment

  1. traveladdicteddo

    Pondycherry mit seinen alten Kolonialbauten, ruhigen Innenhöfen und hervorragendem Essen ist eine so wunderbare Erholung von dem “wahren” Indien! Erstaunlich, daß es eine winzige Hoffnung selbst in Indien gibt, zumindest Plastik zu vermeiden. Siehe mein Beriicht über die Plastik-Bewußtlosigkeit auch in der ganzen Welt: http://horizonteentdecken.de/die-plastik-bewusstlosigkeit/

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