Freitag, 16. November 2018
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Anant Kumar liest aus seinem neuen Buch
Anant Kumar liest aus seinem neuen Buch

Buchtipp: „Indien – eine Weltmacht mit inneren Schwächen“ von Anant Kumar

Seine persönliche Sicht wirft Anant Kumar auf das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische, religiöse, literarische und künstlerische Indien im Aufbruch. Nehru, Indiens erster Premierminister, eröffnet die Reise durch die 13 unterschiedlichen Geschichten: „Die Suche nach den Quellen von Indiens Stärke und von seinem Verfall und Verderben ist lang und komplex.“

[pullquote align=“right“]Anant Kumar: Indien – eine Weltmacht mit inneren Schwächen
Verlag Der Neue Morgen, Rudolstadt 2012
140 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-95480-021-6[/pullquote]Scharf und satirisch beschreibt Kumar die teilweise absurden Widersprüche im modernen Indien: Indiens drei friedliche und gewaltlose Medaillen in den Disziplinen Schießen, Ringen und Boxen. Der dramatische Verlust der Pfauenhähne auf dem indischen Campus zugunsten neuer universitärer Bauten. Das äußerst vertrackte Genre der postkolonialen indischen Literatur. Slumdog Millionaire zwischen Bollywood und Sozialkritik. Und Cricket als die prädestinierte Harmonie der funktionierenden Welt.

Analytische, teils provokante Fragen kitzeln den Leser: Ist die hohe Armut im High-Tech-Land der Nährboden der Maoisten? Ist der Gründer der Liberation Tigers of Tamil für Sri Lanka ein Märtyrer oder ein Terrorist? War der Mord an der indischen Abgeordneten und ehemaligen Banditenkönigin Phoolan Devi gerechtfertigt? Wie konnten die Terroristen der Anschläge in Mumbai erfolgreich sein? Ist die Verhaftung von Julian Assange wirklich unabhängig von Wikileaks? Muss man damit rechnen, dass man als bösartiger Tumor schikaniert, gefoltert und zuletzt ausgelöscht wird, wenn man sich mit den Mächtigsten der Welt anlegt?

Auch sich selbst stellt Kumar Fragen: Ist er ein Verräter, wenn er als indischer Autor sein Land kritisiert? Bei aller rationalen Analyse erleichtert die eingeworfene Poesie aus dem „Vater aller Fabeln“ Hitopadesa (eine alte indische Fabelsammlung aus dem 12. Jahrhundert) das Herz. „Wo der himmelblaue Lotus blüht, da verstecken sich die Alligatoren; / Im Sandelholzbaum weilen Schlangen. Vereinigt leben der Schmerz und die Lust.“

Kumars Werk ist wie Indien selbst: laut, bunt, auf mehreren Ebenen gleichzeitig, machtvoll – und dennoch voller Widersprüche und innerer Schwächen.

Über den Autor

Anant Kumar ist 1969 im östlichen, indischen Bundesstaat Bihar geboren und studierte Germanistik und Politikwissenschaft in Kassel, Wien und Montpellier. Seine Werke zeigen in alle 15 Himmelsrichtungen und reichen von Prosa und Lyrik über Satiren und Essays zu Kinder- und Sachbüchern. Als Dozent referiert er an internationalen Universitäten über „creative writing“ und „Gegenwartsliteratur“.

Anant Kumar im Interview

„Es wäre äußerst naiv, an Indiens Stärke zu zweifeln“

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Herr Kumar, Ihr erstes Sachbuch trägt den Titel „Indien – eine Weltmacht mit inneren Schwächen“. Was ist Indiens innere Schwäche?

Indiens innere Schwäche ist zugleich auch ihre größte Stärke. Verschiedenste Religionen und Kulturen leben dicht gedrängt zusammen. Haben Sie schon einmal gesehen, wie 1000 Menschen einen Bahnsteig in kürzester Zeit in ein Schlaflager verwandeln? Das erfordert höchste Flexibilität. Es gibt viele Widersprüche in Indien, die nebeneinander existieren und die mich immer wieder beeindrucken.

Indiens Widersprüche greifen Sie in 13 Essays auf, vereint durch Aphorismen aus der Hitopadesa, weshalb?

In meinem Herzen bin ich doch Lyriker und Geschichtenerzähler. Die Hitopadesa hat mich […] stark berührt. Sie handelt davon, wie eine funktionierende Gesellschaftsordnung entsteht.

Ein Zitat aus der Hitopadesa lautet: „Im Dienste engstirniger Herren vergrößern sich Zwerge in ihrer Länge – Durch eine Sammellinse gesehen, haben Elefanten die Körpergröße von Mäusen“. Spielen Sie damit auf indische Politiker an?

Die Aphorismen sind offen für Interpretationen der Leser (grinst). Da möchte ich nichts vorgeben. Es könnte aber durchaus auf einige Politiker zutreffen. Nicht selten sind Politiker Verbrecher, die Terroristen unterstützen und ihre Untertanen zu Mäusen machen wollen.

Konflikte spielen in ihrem Buch eine große Rolle, zwischen Hindus und Muslimen, aber auch zwischen Maoisten und der Regierung … Was für Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Mein Vater war mit vielen Muslimen eng befreundet. Als Kind habe ich leidenschaftlich das Ziegenfleisch bei unseren muslimischen Nachbarn gegessen. Ich weiß aber auch noch, wie äußere Ereignisse dieses natürliche Zusammenleben auf einmal beendet haben und uns erzählt wurde, welche Viertel wir zu meiden haben. In der fünften Klasse hat mir das rote Buch von Mao Zedong ein wenig Machtgefühl verliehen. Für viele orientierungslose Jungen in Bihar war Kommunismus eine Modeerscheinung – und ein Ventil für ihre Wut.

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Den Marximport greifen Sie auch in ihrer autobiographischen Geschichte „Hochschule ohne Pfauenhähne“ auf. Sind Sie ein Revolutionär?

In gewissem Sinne war ich in meiner Familie der Revoluzzer. Ich würde mich aber nicht als politischen Aktivisten bezeichnen. Als Schriftsteller ist es meine Aufgabe, die Vorfälle in der Gesellschaft zu beobachten, aus einer gewissen Distanz heraus.

Zweifeln Sie an Indiens Stärke?

Nein! Es wäre äußerst naiv, an der Stärke Indiens zu zweifeln! Indien hat Invasionen aus allen Himmelsrichtungen überlebt. Buddhistische Hochschulen wurden in Brand gesteckt. Hinduistische Tempelanlagen wurden in Serienattacken ausgeraubt. Engländer haben uns versklavt. Und?! Indien erhebt sich heute als Weltmacht – nochmals!

Was wünschen Sie sich für Indien?

Ich möchte keine politische Prognose aufzeigen. Aber ich würde mir wünschen, dass die Radikalisierungen, sowohl die Islamisten als auch der Hindu-Terror, in Indien in Schach gehalten werden.

(Text und Interview von Sophie Appl)

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