Perariyathavar (Names Unknown) – ein Interview mit dem indischen Regisseur Dr. Biju

Der renommierte indische Regisseur Dr. Biju war Anfang November bei der Europapremiere seines mehrfach ausgezeichneten Films Perariyathavar (Names Unknown) persönlich beim New Generations – Independent Indian Filmfestival in Frankfurt am Main anwesend. Das Festival in Frankfurt zeigt einmal jährlich herausragende Filme des neuen indischen Kinos. In Names Unknown verknüpft Dr. Biju Themen wie Marginalisierung, Umweltverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit.

Liebevoll kümmert sich der alleinerziehende Vater um seinen Sohn - hier beim Zähneputzen.
Liebevoll kümmert sich der alleinerziehende Vater um seinen Sohn – hier beim Zähneputzen.

Die Story

Names Unknown erzählt die Geschichte eines Aushilfsarbeiters bei der Müllabfuhr, der als Witwer mit seinem Sohn allein lebt. Der realistische Film verbindet auf perfekte Weise poetische Bilder mit einem starken politischen Thema und ist zugleich ein menschlich sehr bewegendes Drama. Müllentsorgung ist in Kerala ein heißes Thema. Täglich gibt es zahlreiche Streiks, um die Schließung von regierungseigenen Mülldeponien in dicht bewohnten Gegenden durchzusetzen. Das Leben der Müllwerker ist erbärmlich, häufig gehören sie den marginalisierten Bevölkerungsgruppen, denen am Rand der Gesellschaft an. Der achtlos weggeworfene Müll nimmt zu, gleichzeitig fehlt es an einem funktionierenden öffentlichen Abfallmanagement und an Umweltbewusstsein bei den Menschen.

Proteste gegen eine Mülldeponie (Filmstill aus "Names Unknown)
Proteste gegen eine Mülldeponie (Filmstill aus „Names Unknown)

Zum Regisseur Dr. Biju

Der Regisseur Dr. Biju ist ausgebildeter Arzt mit Schwerpunkt Homöopathie. Als Regisseur ist er Autodidakt. Bereits 2011 hat das New Generations – Independent Indian Filmfestival seinen mehrfach ausgezeichneten Film The Way Home gezeigt. Names Unknown hat erst kürzlich einen nationalen Preis für den besten Film über die Bewahrung der Umwelt erhalten und der Hauptdarsteller Suraj Venjaramoodu, eigentlich ein sehr bekannter Komiker, bekam in Indien den Preis als bester Hauptdarsteller in diesem Jahr.

Interview mit Dr. Biju

Indien aktuell sprach mit Dr. Biju in Frankfurt über diesen Film.

Filmplakat. Oben rechts: Dr. Biju bei Dreharbeiten; Unten links: Dr. Biju Anfang November 2015 beim New Generations Filmfestival in Frankfurt/Main
Filmplakat. Oben rechts: Dr. Biju bei Dreharbeiten; Unten links: Dr. Biju Anfang November 2015 beim New Generations Filmfestival in Frankfurt/Main

Indien Aktuell: Dr. Biju, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem eindrucksvollen Film! Sie decken ja thematisch eine ganze Reihe von Problemen in Kerala – vielleicht sogar in Indien? – mit Ihrem Film auf: das Problem der Abfallentsorgung, soziale Ungerechtigkeit, Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen, unzureichende medizinische Versorgung auf dem Land etc. Das Bild, das Sie hier von der indischen Gesellschaft zeichnen, lässt sie fast herzlos erscheinen, zumindest aber gleichgültig. Die Menschen scheinen sich nicht umeinander zu kümmern. Glauben Sie, dass die indische Gesellschaft wirklich von so viel Gleichgültigkeit geprägt ist?

Dr. Biju: Ja, auch die Gleichgültigkeit ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Die Probleme, die ich in meinem Film anspreche, sind tatsächlich existent: Gesellschaftliche Probleme wie Marginalisierung, das Problem der Abfallentsorgung und auch die Stammesfragen, d. h. die Missachtung der Rechte alteingesessener Stämme, sind nicht von der Hand zu weisen. Es gibt sie in Indien, vor allem auch in Kerala. Ich habe das Script für diesen Film auf der Basis von Tatsachen, von Dingen, die in den letzten 10 bis 15 Jahren in Kerala wirklich passiert sind, geschrieben. Und ich habe nicht übertrieben. Diese sozialen Probleme sind existent in Kerala. Doch die Regierung kümmert sich nicht darum. Es gibt z. B. eine Menge Mülldeponien in Kerala, teilweise sehr nah an Wohngegenden, und die Anwohner protestieren dagegen oder blockieren die Zufahrten zu den Deponien. Die Polizei geht teilweise hart gegen die Demonstranten vor. Es gibt auch sehr viele Obdachlose, deren Häuser von der Regierung wegen irgendwelcher Bauvorhaben wie den Ausbau von Straßen zerstört wurden. Auch gegen Angehörige von Stämmen wird immer wieder von Seiten der Behörden vorgegangen. Zwei oder drei Menschen sind bei diesen Zusammenstößen sogar getötet worden.

Indien Aktuell: Seitdem Narendra Modi Premierminister in Indien ist, scheint sich zumindest einiges in der Wirtschaft des Landes verbessert zu haben – so weit man das von Europa aus beurteilen kann. Hat es denn auch Verbesserungen in sozialer Hinsicht gegeben, d. h. weniger Ungerechtigkeit, bessere Aufstiegschancen für die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft etc. Es ist zwar eine gewaltige Aufgabe, Gleichheit und Gerechtigkeit für die mehr als 1,2 Milliarden Menschen in Indien zu schaffen. Nehmen Sie aber wenigstens Versuche Ihrer Regierung wahr, Schritte in diese Richtung zu unternehmen?

Dr. Biju: Indische Regierungen – ganz egal, ob das nun Narendra Modi ist oder seine Vorgänger sind – kümmern sich nicht wirklich um die Belange der einfachen Bevölkerung oder der Menschen am Rand der Gesellschaft. Ihre Zielgruppe sind die Mittelschicht, das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum, und die Wirtschaft. Damit werden die ohnehin schon Benachteiligten weiter ausgegrenzt. Es gibt z. B. Millionen Obdachlose in Indien, aber wir kümmern uns nicht wirklich um sie. Meist haben sie keinen Zugang zu guter Schulbildung oder ausreichender medizinischer Versorgung.

Indien Aktuell: Die Hauptfigur in Ihrem Film, ein verwitweter Vater eines kleinen Jungen, und sein Arbeitskollege scheinen die einzigen Charaktere zu sein, die sich um andere Menschen sorgen. Trotzdem: Auch diese beiden kämpfen nicht gegen Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit. Sie unterstützen nicht einmal die Demonstranten, die gegen die Umweltverschmutzung durch eine Mülldeponie in ihrem Dorf Protestversammlungen veranstalten. Auch als ein Motorradfahrer von einem Auto angefahren wird und der Mann blutend auf der Straße liegt, reiht sich der Vater des Jungen nur in die Reihen der Gaffer ein, anstatt dem Verletzten zu helfen. Man sieht zwar deutlich, dass er der Einzige ist, der Mitgefühl hat, dennoch wirkt er wie gelähmt. Halten Sie Passivität für eines der Hauptprobleme der indischen Gesellschaft?

Dr. Biju: Ich denke, heute ist das tatsächlich so. Die Leute kümmern sich nicht mehr um andere. In der Gegend in Kerala, in der ich lebe, passieren z. B. sehr viele Verkehrsunfälle. Kaum einer hilft den Verletzten, die meisten stehen nur um die Unfallopfer herum und gaffen oder machen Fotos mit dem Handy. Das ist eine sehr beunruhigende Entwicklung, dass niemand mehr bereit ist, Hilfe zu leisten. Sogar wir Ärzte haben oft jede Menge Scherereien mit der Polizei und den Behörden, wenn wir Erste Hilfe leisten, durch die anschließenden Befragungen etc. Das ist auch nicht gerade förderlich, um die Hilfsbereitschaft zu erhöhen.

Indien Aktuell: Die Charaktere in Ihrem Film sind ziemlich speziell und ihre Darsteller schaffen es, diese Figuren sehr authentisch zu spielen. Der Film hat über weite Strecken fast einen dokumentarischen Charakter. Suraj Venjaramood, der den Vater des Jungen spielt, ist ein sehr bekannter Schauspieler in Malayalam-Filmen. Er ist vor allem ein bekannter Komiker. Auch Indrans, Ihr zweiter Hauptdarsteller, spielt sonst überwiegend in komischen Rollen. Nun ist Ihr Film aber absolut nicht komisch. Warum haben Sie diese beiden Komiker für die Hauptrollen Ihres sehr ernsten Filmes gewählt?

Dr. Biju: Indrans hat bereits in anderen Filmen von mir Rollen übernommen. Er ist wirklich ein sehr guter Schauspieler. Ernste Rollen spielt er aber selten. Ich brauchte aber für meinen Film vor allem sehr gute Schauspieler – und Darsteller, die wie gewöhnliche Menschen aussehen. Ich brauche keine Stars, die aussehen wie all die anderen Stars. Außerdem sind Komiker meistens sehr gute Schauspieler, den komisch zu sein, ist sehr schwer. Die beiden sind wirklich sehr gute Schauspieler. Leider bekommen sie im Malayalam-Kino selten die Gelegenheit, dies auch in ernsten Rollen zu zeigen.

Indien Aktuell: Haben die beiden denn gleich zugestimmt, als Sie sie für diese Rollen anfragten?

Dr. Biju: Suraj hat sich gewundert, als ich ihn fragte, denn er wurde nie zuvor für eine ernste Rolle angefragt. Dann hat er aber akzeptiert. Als ich ihm das Drehbuch vor dem Dreh geben wollte, sagte er: ‚Nein, nein, das will ich nicht lesen. Ich möchte unvoreingenommen ans Set kommen.’ Er kam also zum Dreh und wusste gar nichts über seine Figur. Ich habe ihm dann einfach erzählt, was für einen Charakter er darstellen sollte. Für die Rolle war das viel besser, denn er sollte den Vater nicht spielen, sondern er sollte nur sich seiner Rolle gemäß verhalten. Er hat nicht viel Text im Film und seine Mimik, sein Verhalten sind ein wichtiger Bestandteil, der aus diesem Film einen guten Film macht. Er war vor seiner Filmkarriere ein Bühnenkomiker und er bringt ungeheuer viel Lebenserfahrung mit, die es ihm ermöglicht, so einen einfachen Charakter überzeugend darzustellen.

Indien Aktuell: Er wurde für seinen Einsatz schließlich auch mit dem nationalen Preis als bester Schauspieler in Indien ausgezeichnet. Was ist mit den anderen Darstellern? Sind das alles professionelle Schauspieler? Wie gesagt, der Film wirkt fast dokumentarisch, sehr authentisch.

Dr. Biju: Einige Mitglieder der Crew sind professionelle Schauspieler, wie z. B. der Werkstattbesitzer, der von Nedumudi Venu gespielt wird. Er ist ein bekannter Schauspieler im Malayalam-Kino und er spielte bisher in allen meinen Filmen mit. Auch einige andere Charaktere werden von professionellen Darstellern gespielt. Aber die Leute im Slum oder auf der Straße, die Wanderarbeiter, die Stammesangehörigen oder die Obdachlosen, das sind alles reale Figuren. Diese Menschen sind wirklich obdachlos oder Wanderarbeiter etc. Die Wanderarbeiter arbeiten z. B. in einer Fabrik in Kerala. Dort haben wir sie für den Film gecastet.

Indien Aktuell: Hatten Sie eigentlich Probleme mit Behörden beim Dreh? Schließlich gehen Sie hier sehr sensible Themen an.

Dr. Biju: Ja, die Abfallentsorgung ist ein großes Problem in Kerala. Es gibt kein wirklich gutes Konzept hierfür. In Trivandrum z. B. gibt es eine Mülldeponie direkt neben einem Slum. Wenn sich die Slumbewohner beschweren – falls sie sich beschweren! –, interessiert das niemand. Wegen der vielen Proteste sind inzwischen fast alle Mülldeponien in Kerala geschlossen, bis auf zwei oder drei. Und dort durften wir nicht drehen. Wir haben diese Szenen im Nachbarstaat, in Tamil Nadu gedreht.

Indien Aktuell: Sie sind eigentlich Arzt von Beruf. Nun machen Sie aber bereits seit 10 Jahren Filme. Arbeiten Sie denn auch noch als Arzt?

Dr. Biju: Ich praktiziere nicht mehr als Arzt, aber ich arbeite für die Regierung in der Verwaltung im Gesundheitsbereich. Ich manage rund 50 Krankenhausapotheken und Arzneiausgabestellen.

Indien Aktuell: Beide Berufe – diese Verwaltungsaufgabe im Gesundheitswesen und die Arbeit als Regisseur – erscheinen mir ziemlich zeitraubend. Wie schaffen Sie es, beide Berufe miteinander in Einklang zu bringen?

Dr. Biju: Das ist tatsächlich sehr schwierig. Für die Dreharbeiten nehme ich mir zwei oder drei Monate frei, aber wenn der Film dann fertig ist, muss ich sehr oft verreisen, auf Festivals etc. Im Moment bekomme ich das noch ganz gut hin. Aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Denn die Reiseverpflichtungen haben doch sehr zugenommen.

Indien aktuell: Dr. Biju, herzlichen Dank für Ihre Zeit und weiterhin viel Erfolg für Ihre Filme!

New Generations – Independet Indian Filmfestival zu Gast in Köln

Filmstill aus "Court". © Zoo Entertainment
Filmstill aus „Court“. © Zoo Entertainment

Wir möchten nicht versäumen, Sie auf einen herausragenden indischen Film, der diesen Freitag in Köln gezeigt werden wird, hinzuweisen. „Court“ heißt der Film und ist der offizielle Beitrag Indiens zu den Oscars 2016. Dr. Biju saß in der Jury und hat sich sehr für diesen Film eingesetzt – als Alternative zu einem Bollywood-Mainstream-Film.

Nicht verpassen! Filmvorführung des indischen Oscar-Beitrags

„Court“
Datum: Freitag, 13. November 2015
Uhrzeit: 20.00 Uhr
Ort: Kino 813, Hahnenstr. 6, 50667 Köln

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