Indisches Filmfestival Stuttgart
Indisches Filmfestival Stuttgart

Indisches Filmfestival Stuttgart: Stars und Newcomer aus Indien

Film aus Indien – das war jahrzehntelang ein Synonym für „Bollywood“. Doch das neue Weltkino aus Indien hat die alten Leinwandgötter der Bollywood-Ära entthront, Filme aus Indien konkurrieren erfolgreich mit internationalen Produktionen. Die Filmemacher der neuen Generation räumen auf allen wichtigen internationalen Filmfestivals Preise ab.

Indisches Filmfestival Stuttgart vom 20. bis 24. Juli 2016

Aktuelle Werke aus dem aktuellen Filmfundus Indiens werden vom 20. bis 24. Juli 2016 beim 13. Indischen Filmfestival Stuttgart vorgestellt. Gleich zur Eröffnung des größten indischen Filmfestivals in Deutschland erobern mit Leena Yadavs Drama „Parched“ starke Frauen aus Indien die Leinwand des Metropol Kinos. In einem Gespräch mit Hans-Peter Jahn vom Filmbüro Baden-Württemberg e. V. stellt Roland Fischer, der Programmleiter des 13. Stuttgarter Festivals, Newcomer und Hoffnungsträger des neuen indischen Kinos vor.

Aus dem Film "7 Göttinnen" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „7 Göttinnen“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Tannishtha Chatterjee, die Hauptdarstellerin des Eröffungsfilms, wird im Herbst im neuen US-Drama „Lions“ neben Nicole Kidman zu sehen sein. Bekannt wurde sie in Florian Gallenbergers „Schatten der Zeit“. Aus welchem Film kennt das Stuttgarter Publikum sie?

Roland Fischer: In „Siddarth“ von Richie Mehta, der auf unserem Festival im Jahr 2014 mit dem Director’s Vision Award ausgezeichnet wurde, spielte sie die Rolle der Suman Saini. Dieser Film wurde auch auf den Filmfestivals in Venedig und Toronto gezeigt. Mit „Monsoon Shootout“ war sie beim 66. Festival in Cannes vertreten. Für „Angry Indian Goddesses“, der ebenfalls in Stuttgart gezeigt wird, wurde sie vom London Asian Film Festival geehrt. Mit ihrer Rolle in „Parched“ gewann sie auf zwei Festivals in der Kategorie Beste Schauspielerin.

Film "Parched"
Aus dem Film „Parched“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Im Eröffnungsfilm „Parched“ kämpft sie für die Rechte der Frauen. Ist dieser Film im heutigen Indien ein Einzelfall, der im Ausland mehr Beachtung findet?

Roland Fischer: Spielfilme, aber auch Dokumentarfilme thematisieren vermehrt Frauenthemen. Der Eröffnungsfilm „Parched“ wurde von einer Regisseurin, von Leena Yadav, gedreht. Ihre Geschichte stellt vier ganz gewöhnliche Frauen vor, die auf dem Land leben und sich über Männer, Sex und Lebenszweifel unterhalten. Der Film gibt auf unterhaltsame Art Antworten auf die Frage, wie die Frauen ihre Rolle in einer modernen Gesellschaft sehen. Die Geschlechterrollen werden neu definiert. Auch andere Festivalbeiträge greifen diese Thematik auf.

Hans-Peter Jahn: Zum Beispiel „7 Göttinnen – Angry Indian Goddesses“, ebenfalls mit Tannishtha Chatterjee. Wie werden hier die Geschlechterrollen definiert?

Roland Fischer: Grundsätzlich werden in Indien die klassischen Geschlechterrollen von Mann/Frau gelebt. Es gibt die arrangierten Hochzeiten, die in fast 80 Prozent aller Fälle von den Eltern vermittelt werden. Am Beispiel der jungen Rekha dokumentiert der Kurzfilm „Marriage Bazzar“ von Vijay Kumar den Hass und Rassismus, der vielen zwangsverheirateten Frauen in ihrem neuen Umfeld entgegenschlägt. Aber auch in Indien gibt es wie anderswo gleichgeschlechtliche Liebe, die gelebt wird – jedoch nicht so offen wie bei uns. Das Leben der Schwulen und Lesben wird filmisch vermehrt diskutiert. In „7 Göttinnen“ erkunden Frauen, wo sie sich momentan befinden. Der unglaublich unterhaltsame Film jongliert gut inszeniert klassisches Denken und skurrile Momente. Im Kurzfilm „Daaravtha“ von Nishant Roy Bombarde findet der 13- jährige Pankaj Frauenkleider unglaublich schön und wäre lieber eine Frau. Sein Umfeld akzeptiert sein weibliches Selbstbildnis nicht, doch der Heranwachsende gibt nicht auf. Das klassische Geschlechterbild wird neu definiert.

Aus dem Dokumentarfilm über den Dirigenten Zubin Mehta, hier bei einem Konzert der Staatskapelle in Berlin (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Dokumentarfilm über den Dirigenten Zubin Mehta, hier bei einem Konzert der Staatskapelle in Berlin (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Die Weltpremiere der Dokumentation „Zubin Mehta – Dirigent und Weltbürger“ von Bettina Ehrhardt feiert den nunmehr 80-jährigen Chefdirigenten des Maggio Musicale Fiorentino und des Israel Philharmonic Orchestras. Wie unterscheidet sich die neue Langfassung von der bereits ausgestrahlten 52-minütigen Dokumentation?

Roland Fischer: Das Indische Filmfestival Stuttgart ist sehr stolz darauf, das 90- minütige Filmporträt zeigen zu dürfen. Bettina Ehrhardt kennt Zubin Mehta, der schon mehrfach das Neujahrskonzert in Wien dirigiert hat, bereits aus seiner Münchner Zeit an der Bayerischen Staatsoper. In der Langfassung hat sie die Erzählstränge besser ausformuliert. Diese Fassung geht inhaltlich mehr auf seinen Charakter ein und begleitet Mehta, wenn er sich mit Freunden und anderen großen Künstlern wie Daniel Barenboim und Yuja Wang trifft.

Aus dem Film "Where to, Miss?" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „Where to, Miss?“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Gibt es auch einen Festivalfilm made in Südwest?

Roland Fischer: Die Münchnerin Manuela Bastian, die an der Filmakademie in Ludwigsburg Dokumentarfilm/Regie studiert, porträtiert in ihrem Dokumentarfilm „Where to, Miss“ eine indische Taxifahrerin, die in einem ständigen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Emanzipation und den fest verankerten Traditionen der indischen Gesellschaft lebt. Mit ihrem Taxi möchte sie andere Frauen sicher nach Hause bringen und finanziell unabhängig sein. Um ihr Ziel zu erreichen, muss sie sich zuerst gegen ihren Vater, dann gegen ihren Ehemann und schließlich gegen ihren Schwiegervater durchsetzen. Devkis Alltag ist davon geprägt, ihre Lebensvorstellung gegen andere zu verteidigen und für sich selbst einen Weg zu finden, ihre Träume zu verwirklichen, ohne dabei ihre Familie zu verlieren. „Where to, Miss“ gehört ebenfalls zu den Festivalfilmen, die starke moderne Frauen in Indien vorstellen.

Aus dem Film "Gauru" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „Gauru“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Ein Highlight in Stuttgart ist der alljährliche indische Kinderfilm, der wiederum von der Stuttgarter Schauspielerin Juliane Bacher live im Kinosaal auf deutsch eingesprochen wird. Welche Geschichte erzählt Ramkishan Choyals Debütfilm „Gauru“?

Roland Fischer: „Gauru“ ist ein echtes Roadmovie für Kinder, das wir in Stuttgart als Weltpremiere zeigen. Der abenteuerliche Spielfilm, der von der Children’s Film Society India unterstützt wurde, gibt nicht nur Einblick in das Leben seiner Protagonisten; es sind die vielen Gesichter der Landschaften in Indien zu sehen. Der 13-jährige Gauru erfüllt den letzten Wunsch seiner Großmutter. Sie will noch einmal ihren meilenweit entfernten Geburtsort sehen. Die spannende, beschwerliche Reise von Gauru, seiner kleinen Schwester und der Großmutter ist in wunderschönen Bildern erzählt.

Aus dem Film "Ottaal" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „Ottaal“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Am zweiten Festivaltag wird vormittags der Kinosaal zum Klassenzimmer. Der diesjährige Schulfilm „Ottaal“ ist eine Adaption von Anton Tschechows Kurzgeschichte „Wanka“. Wie funktioniert Tschechow auf indisch?

Roland Fischer: Die Adaption setzt die aus dem 18. Jahrhundert stammende Kurzgeschichte im heutigen Indien neu in Szene und erzählt so ein Schicksal, das Kuttappayi mit Millionen anderen Kindern weltweit teilt. Der achtjährige Kuttappayi erfährt, wie wertvoll Bildung sein kann und wie ungleich die Chancen auf Bildung verteilt sind. Auf die Schülerinnen und Schüler wartet eine wirklich einmalige Unterrichtsstunde.

Hans-Peter Jahn: Wie unterscheidet sich der Filmjahrgang 2016 von früheren Festivalprogrammen?

Roland Fischer: Als Programmleiter habe ich den Anspruch, die Bandbreite des ganzen indischen Kinos zu präsentieren. Wir werden vom Experimentalfilm aus Indien – einen sehr emotionalen Animationsfilm – bis zum Kunstfilm alles zeigen. Die Zuschauer dürfen sich auf einen extrem starken Filmjahrgang freuen. 2015 und 2016 war und ist das indische Kino auf allen wichtigen internationalen Filmfestivals vertreten. Es räumt Preise ab und ist viel europäischer geworden. Ich betone europäischer, nicht westlicher oder amerikanischer. Effektlastiges Kino wie in den USA beherrschen die Inder selbst. Vom europäischen Kino haben die indischen Filmemacher die zwischenmenschlichen Themen aufgegriffen und inszenieren sie nun in ihrer Welt. Das Arthaus-Kino ist in Indien stark im Kommen. Das klassische Bollywood-Kino dagegen ist eher rückständig geworden. Die beiden jüngsten Filme von Shah Rhuk Khan sind an den indischen Kinokassen gefloppt. Indisches Kino von heute ist mehr Weltkino, weniger Bollywood.

Hans-Peter Jahn: Welches sind die absoluten „must have seen movies“? Welche Hoffnungsträger darf man in Stuttgart nicht verpassen?

Roland Fischer: Die Arthaus-Spielfilme „Angry Indian Goddessnes“, „Ottaal“ und „Parched“ bringen erstklassiges modernes Kino aus Indien. Wer unterhaltsamen Mainstream bevorzugt, darf sich auf „Brahman Naman“, „Waiting“ und „Zubaan“ freuen.

Aus dem Film "Original Copy" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „Original Copy“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Meine persönlichen Entdeckungen und Hoffnungsträger sind die Dokumentation „Original Copy“ über einen der letzten indischen Plakatemaler für Filmtheater, die Dokumentation über den Weltbürger Zubin Metha sowie die drei Kurzfilme „Famous in Ahmedabad“ über einen 11-jährigen, der an einem Wettbewerb für Drachensteiger teilnimmt, „Chhaya“, ein künstlerisch sehr wertvoller Animationsfilm über zwei alte Menschen und Schattenspiele, und „Daaravtha“.

Aus dem Film "Daaravtha" (Indisches Filmfestival Stuttgart)
Aus dem Film „Daaravtha“ (Indisches Filmfestival Stuttgart)

Hans-Peter Jahn: Zieht sich durch die Shorts ein thematischer roter Faden?

Roland Fischer: Bewusst habe ich in der Kategorie Shorts auf einen Themenschwerpunkt verzichtet. Alle Genres und unterschiedlichen Themen werden vertreten sein. Am meisten überrascht haben mich die starken Animationsfilme. Vor vier Jahren wurde gerade mal ein Trickfilm eingereicht, diesmal sind es mehr als 30 Arbeiten. Man darf gespannt sein, wie sich die Animationsbranche in Indien entwickeln wird. Alles deutet auf den abendfüllenden 3-D-Animationsfilm hin.

Hans-Peter Jahn: Kommt auf den Animationsstandort Stuttgart eine ernstzunehmende Konkurrenz zu?

Roland Fischer: Stuttgart ist Weltspitze. Handwerklich steckt hier mehr Erfahrung drin. Die Inder haben in den vergangenen Jahren intensiv studiert, welche Filme vom Publikum bevorzugt werden. Zwei Filmemacher aus Indien haben sich extra dafür zum 13. Indischen Filmfestival angemeldet. Sie wollen Leute aus der Stuttgarter Animationsbranche treffen und sich mit ihnen austauschen.

Mehr Infos zum Indischen Filmfestival Stuttgart

Weitere Informationen zum 13. Indischen Filmfestival Stuttgart unter: www.indisches-filmfestival.de

Eine Rezension des Films „7 Göttinnen“ (Angry Indian Goddesses), der zurzeit in deutschen Kinos läuft, finden Sie hier: https://www.indienaktuell.de/magazin/kultur/7-goettinnen-bemerkenswerter-frauenfilm-680015

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