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Filmkritik: Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger

Im Jahr 2001 veröffentlichte der kanadische Schriftsteller Yann Martel seine fantastische Geschichte „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“. Der mehrfach ausgezeichnete Roman sollte zum Weltbestseller werden und wurde für unverfilmbar gehalten. Nun hat es doch ein Regisseur gewagt: Oscar-Preisträger Ang Lee (Brokeback Mountain) hat ein Filmkunstwerk mit Bildern geschaffen, die wir so im Kino noch nie gesehen haben.

Oberflächlich betrachtet ist die Geschichte des jungen Inders Pi schnell erzählt: Nach einem Schiffsuntergang auf der Fahrt von Indien nach Kanada überlebt der junge Sohn eines Zoodirektors aus dem indischen Pondicherry als Einziger in einem Rettungsboot zusammen mit einem ausgewachsenen bengalischen Tiger. Mehr als 200 Tage kämpft Pi auf dem Meer gegen die Raubkatze, aber auch gemeinsam mit ihr ums Überleben, bis sie beide schließlich an die Küste Mexikos treiben.

Betrachtet man die Geschichte genauer, so geht es um viel mehr als nur ein Abenteuer oder ein Märchen. Es geht in dieser Geschichte um Glauben, um den Glauben an Gott, den Glauben an das Unbekannte und den Glauben an uns selbst und das Menschliche in uns. Pis Vater predigt eine rationale, von Wissenschaft geprägte Haltung: „Lasst Euch von den Geschichten, den bunten Lichtern, nicht täuschen. Religion ist Dunkelheit.“ Denkt man an religiösen Fundamentalismus und die Gewalt, die vermeintlich aus Glaubensgründen herrscht, ist das eine Haltung, die plausibel erscheint. Doch Pi akzeptiert das Unbekannte, das, was wir nicht berühren und erklären können, den Glauben an ein oder mehrere göttliche Wesen, an etwas Übersinnliches: Er ist sowohl Hindu, Moslem als auch Christ.

Der Tiger mit dem schönen Namen Richard Parker steht symbolisch für zweierlei: zum einen für unsere eigenen Ängste zum anderen für die Bestie in uns. Wir müssen lernen mit unseren tierischen Instinkten, mit der Gewaltbereitschaft in uns umzugehen und sie zu bändigen, wenn wir in unserer Gesellschaft friedlich zusammenleben wollen. So werden dSzenenbildurch den Tiger zwar Pis Überlebensinstinkte geweckt, er verliert aber dennoch nicht seine Menschlichkeit und rettet nicht nur sich, sondern auch das Tier, das schließlich sein letzter Gefährte ist.

Ang Lee schafft in „Life of Pi“ Filmbilder, die man so noch nie gesehen hat, so farbenprächtig, dass man leicht versucht ist, sie kitschig zu nennen. Aber nicht nur die 3-D-Aufnahmen sind fantastisch. Er vermischt die einzelnen Ebenen so genial, dass man glaubt, das Meer und die Fische darin und die Wasseroberfläche und der Himmel und dahinter die Sterne und das Weltall, das alles verschmelze förmlich übergangslos zu einem einzigen großen, wunderbaren Kosmos.

Drei Regisseure vor ihm sind bereits an diesem Filmprojekt gescheitert. Ang Lee hat das Unmögliche gewagt und einen so wunderbaren Film geschaffen, spannend und klug, der sicherlich alle Bilder, die wir uns beim Lesen von Yann Martels Roman vorgestellt haben, übertrifft.

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