Buchrezension: Faszinierendes Sikkim – Himalaya, Klöster und Legenden in Indien

Eingebettet zwischen Nepal und Bhutan befindet sich das ehemalige Königreich Sikkim. Seit 1975 gehört es zu Indien und bildet nach Goa den kleinsten Bundesstaat der Indischen Union. Reisen nach Sikkim sind noch immer sehr beschwerlich, da das Land weder direkt noch schnell mit den modernen Verkehrsmitteln, sondern nur auf dem Landweg über zahllose Kehren und Serpentinen erreicht werden kann. Drei Jahre in Folge reiste die Autorin Margarete Franz nach Sikkim, weil sie immer wieder aufs Neue von der Schönheit der Landschaft mit dem Reichtum an Naturräumen, vor allem aber von den zahlreichen Volksgruppen mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Religionen fasziniert war.

Im ersten Schwerpunkt des Buches wendet sich die Autorin der grandiosen Berglandschaft im Osten des Himalaya zu. Es sind vor allem die verschiedenen Naturräume, die vom monsuntropischen Dschungel und herrlichen Bergwald bis zu den Schneegipfeln reichen und sich hier auf engsten Raum treffen. Herausragend ist der Schneeriese des Kangchenjunga, der mit seinen fünf Gipfeln bis in eine Höhe von 8.586 m ragt und der höchste Berg Indiens sowie der dritthöchste der Welt ist. Sein Name kommt aus dem Tibetischen und bedeutet „Fünf Schätze des ewigen Schnees“. Für die Einheimischen symbolisieren die fünf Gipfel die traditionellen Kostbarkeiten wie Salz, Getreide, Edelsteine, Medizin und religiöse Schriften, denn hier befindet sich der Thron einer allmächtigen Gottheit. Dem Wohlwollen dieser Gottheit sind die Menschen ausgeliefert, ob sie zerstörende Fluten und Lawinen schickt oder mit einem Hagelschauer die Ernte vernichtet. So ist es auch verständlich, wenn der Hauptgipfel des Eisriesen als besonders heilig angesehen wird und nicht mehr bestiegen werden darf. Alle Bergsteiger am Kangchenjunga werden von der staatlichen Tourismusbehörde verpflichtet, etwa zehn Meter unterhalb des Gipfels umzukehren, weil seine Unberührtheit bewahrt werden soll.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt Sikkim als Heimat für Klöster, die oftmals schon von weitem an ihren weißen Gebetsfahnen zu erkennen sind. Dabei halten sich die Mönche keineswegs die ganze Zeit über im Kloster auf, sondern sind in den Dörfern unterwegs, wo sie an Familienereignissen teilnehmen oder sich an den Festlichkeiten des buddhistischen Kalenders erfreuen. Als Schutzpatron gilt hier wie in Bhutan Padmasambhava, der Lotosgeborene, der auch Guru Ringpoche genannt wird und wegen seines übernatürlichen Wirkens verehrt wird. Padmasambhava, der im neunten Jahrhundert den Buddhismus nach Tibet brachte, hat sich auch an verschiedenen Orten in Sikkim zum Meditieren niedergelassen, die seitdem von seinen Anhängern als heilig gelten. Der heiligste Ort ist das mit Gold verzierte Kloster Tascheding (Westsikkim), das sich auf einem Hügel zwischen zwei tiefen Tälern der Flüsse Rathong und Ragit befindet, etwa 40 km von Gezing entfernt. Hier konnte die Autorin eine Puja des Bumchu-Festes erleben, an dem alljährlich das Wasserorakel im Februar/März stattfindet. Die größere Wassermenge beim Orakel während ihres Besuches wurde als Gefahr für Leib und Gut gedeutet. Erst später wurde sie mit dem Erdbeben vom September 2011 in Nordsikkim rund 68 km nordwestlich von Gangtok in Beziehung gebracht. Feste in den Klöstern zu erleben, bei denen die  Mönche oftmals mit Trommeln und Blasinstrumenten alte Riten des tantrischen Buddhismus zelebrieren oder mit bunten Masken rituelle Tänze vorführen, gehören zu den großen Höhepunkten eines jeden Sikkim-Aufenthaltes.

In einem anderen Schwerpunkt behandelt die Autorin die Region von Nordsikkim, für deren Besuch noch immer eine Sondergenehmigung benötigt wird, aber nicht wegen höherer Seismität, sondern weil dieser Teil des Nordens als Sperrgebiet gilt. Der zentrale Teil im Norddistrikt ist dünn besiedelt und bildet das Siedlungsgebiet der Lepchas und Bhutias, den ältesten ethnischen Gruppierungen des Landes, die als „Stammesvölker“ (scheduled tribes) unter dem besonderen Schutz der indischen Regierung stehen. Im Distrikt des Dzongu-Tals wurde eigens eine Art von Reservat für sie geschaffen, um ihre Kultur für die Nachwelt zu erhalten. Die Lepchas gelten nicht nur als sehr zurückhaltend und  scheu, sondern vor allem als sehr friedlich veranlagte Menschen, die im Einklang mit der Natur leben und deren Kultur über keinerlei kriegerische Begriffe verfügt. Sie sind Bergbauern, die vom Anbau ihrer Feldfrüchte wie Gerste, Mais, Reis und Hirse leben, neuerdings auch vom Kardamom, der sich als Cash-Crop-Kultur gut vermarkten lässt.

Die Bhutias, die ursprünglich im 15. Jahrhundert aus Tibet gekommen sind, bilden die größte Volksgruppe in Nordsikkim. Sie haben sich in der Region Lachen am Lachungfluss angesiedelt, wo sie traditionell in der Landwirtschaft tätig sind, vor allem in der Schaf- und Yakzucht. Darüber hinaus sind viele Bhutias im öffentlichen Dienst und in der Geschäftswelt sehr erfolgreich. Hier im Norden war längere Zeit auch Alexandra David-Néel (1868-1969) tätig, die 1925 als erste Europäerin die damals verbotene Stadt Lhasa als tibetische Pilgerin verkleidet besucht hat. Eine unerschrockene französische Tibetforscherin von grenzenloser Energie mit unbändigem Wissensdurst  und außergewöhnlicher schriftstellerischer Begabung.

Den Schlusspunkt hat die Autorin auf die Landeshauptstadt Gangtok gesetzt, die durch ihre Höhenlage zwischen 1400 und 1800 m ganzjährig über ein mildes Klima verfügt. In der Bhutia-Sprache bedeutet Gangtok die Kuppe eines Berges, die allerdings den Vorzug hat, dass sich von hier aus ein schöner Blick auf die schneebedeckten Hänge des Himalaya und des Kangchenjunga ergibt. Gangtok ist heute ein Zentrum des tibetischen Buddhismus mit vielen Klöstern und Bildungseinrichtungen. Rund 24 km entfernt liegt das Kloster Rumtek, derzeitig das größte Kloster in Sikkim, das ursprünglich 1730 errichtet, später jedoch durch einen Brand zerstört und erst 1966 nach dem Vorbild des Heimatklosters bei Lhasa wieder aufgebaut wurde. Hier hatte das Oberhaupt des Kagya-Ordens nach seiner Flucht aus Tibet 1959 seinen Sitz. Der Kagya-Orden ist für seine Schwarzhutmönche bekannt, im Unterschied zu den Rotmützen des Nyingmapa-Ordens und den Gelbmützen des Gelukpa-Ordens, wie sie der jetzige Dalai Lama trägt. Der neue Tempelkomplex besteht aus einem Haupttempel, einer Gebetshalle und aus dem Karma Shri Nalanda Institut für buddhistische Lehren, an dem sich Mönche dem Studium für höhere buddhistische Studien widmen können.

Ein unterhaltsames Buch, das umfangreiche Hintergrundinformationen über Menschen und Kulturen enthält. Es gewährt interessante Einblicke in eine fremde Welt, die nur Wenige zu sehen bekommen. Gleichwohl ist das Buch von Margarete Franz  kein Reiseführer im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Lektüre für Bildungshungrige und für alle, die als „Insider“  mehr von Sikkim  kennenlernen wollen. Zahlreiche Farbfotos ergänzen den Text über das verborgene Juwel im Osten des Himalayas. Dr. Gottfried Freitag

Weitere Informationen:

Margarete Franz: Faszinierendes Sikkim
Himalaya, Klöster und Legenden in Indien,
Hamburg 2012, 117 Seiten
12,80 Euro
ISBN: 978-3941796942

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