Yoga – Eine Erfahrung – What Yoga means …

Seit 20 Jahren bereist Jürgen Held Indien. Sagen wir mal, seit 15 Jahren versichert er seiner Familie, Freunden und Kollegen, ab dem nächsten Jahr dann den Rest der Welt zu erkunden. Bis die Blätter sich färben, der Wind nasse Kälte durch die Straßen weht und wie durch ein Wunder auf dem Bildschirm Angebote der Airlines aufpoppen: Frankfurt/ Delhi versteht sich … Kathrin, seine Lebensgefährtin, ist seit den ersten indischen Sonnenstrahlen vom Indienvirus befallen. Seit einigen Jahren begleitet sie ihn quer durchs Land, zu unterschiedlichen Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten.

Schon bei der Planung der allerersten gemeinsamen Reise steht für Kathrin fest: Sie will Yoga im Ursprungsland der yogischen Lehre unter Anleitung eines indischen Lehrers üben. Unser Lonely Planet ist schon ganz gelb vom Textmarker, der die Yogaschulen und Yoga-Hotels hervorhebt.

Yoga in Deutschland bringt Ruhe und Kraft in unseren Multistress-Multitasking-Multifamilien-Alltag. Wenigstens einmal in der Woche. Wir besitzen Yoga-Matten, Yoga-Kissen und Yoga-Outfits. Unsere Lehrer heißen Trainer und namentlich Sabine, Grit und Thomas. Grit bringt ihre Klangschalen mit, Thomas Buddha-Bar-Musik und Sabine ihre sanfte Stimme. Im hessischen Dialekt klingt Surya Namaskara A so angenehm verschleppt, wie es durch den schlichten Begriff Sonnengruß niemals möglich wäre. Sowieso unpassend, denn unsere Yogastunden sind immer abends „after work“.

Dass da bei einer Zwischenentspannung gelegentlich ein sanftes Schnarchen zu vernehmen ist, verwundert nicht. „Geht no so weid in die Deehnung wie sischs guhd anfühld“, säuselt Grit – und folglich achten wir akribisch darauf die Wohlfühlsehne nicht zu überspannen. Wir dehnen der Schlussentspannung entgegen, die warme Dusche tut ihr Übriges und wir verlassen das Fitnesscenter runderneuert.

Schnitt.

7:00 Uhr Ortszeit, 02, Januar 2014. „Chrrrrrr“ tönt es aus den Kissen. „Nein, nein, nein, nein“, kommt prompt die Erwiderung aus dem Badezimmer. „Jetzt wird aufgestanden, sonst verpassen wir das Yoga!“ Jürgen wird durchgeschüttelt und sieht gar nicht so aus, als ob er Kathrins Prophezeiung, dass er ihr diese Freveltat noch danken wird, Glauben schenken möchte. Widerwillig steht er auf, denn nach 20 vergeblichen Anläufen in den letzten drei Jahren herrscht ein Mangel an überzeugenden Ausreden. Der Aufzug befördert uns auf die Dachterrasse. Die schlafsteife Muskulatur durch Treppensteigen etwas aufzulockern, wäre zu viel Enthusiasmus. „Da ist niemand. Dann müssen wir halt frühstücken gehen“, bemerkt Kathrin enttäuscht, aber da versperrt ihr ein winziges Männchen den Weg, strahlt wie das Morgenlicht und beginnt umgehend mit seiner niedlichen Quiekstimme so etwas wie Englisch zu sprechen. Kathrin, übereifrig, macht es sich im Yogasitz bequem und konzentriert sich auf ihren Atem. Atmen ist schon mal gar nicht so schlecht. Raoul blickt zunächst streng, dann Zeigefinger an die Nase, Wirbelsäule gerade, Mundwinkel zum Himmel und los. Wir beeilen uns es ihm nachzutun. Jetzt wäre eine Anfangsentspannung schön, aber Anfangsentspannung ist Fehlanzeige. Vier Sonnengrüße, einer langsam, zwei schnell, einer langsam. Adho Mukha Svanasana, Urdhva Mukha Svanasana und Chakrasana schließen sich schneller an, als das träge Hirn die indisch-englischen Anweisungen übersetzen kann. Immer lächeln, dann wird er nicht schimpfen!

„How often do you practice Yoga?“, fragt Raoul der unsere Bemühungen halb mitleidig, halb verzweifelt begutachtet. „Two times“, ächzt Jürgen aus der Ustrasana heraus. „Two times a day?“ – „Äh, no! Two times a week.“ – Rot sind wir sowieso schon. „Look at her!“, toppt er Jürgens Schmach noch, als Kathrin gegen alle Widerstände ihrer maroden Wirbelsäule ins Urdhva Dhanurasana abhebt, um die Familienehre, Landesehre oder was auch immer zu retten.

Wir können nicht mehr! Die Sonne ist noch nicht richtig aufgegangen und trotzdem fl ießt uns der Schweiß schon in Strömen. Unsere Körper fühlen sich neben Raouls etwa so an wie Pinocchio vor dem Schnitzen … aber egal. Augen zu und durch. Raoul hat Mitleid und gönnt uns eine Pause. „Don‘t hesitate: Yoga-pains are good pains! Exercise every day! Smile!“ Als Motivationshilfe zeigt er uns sein schönstes Lächeln und Yoga. Also das wirkliche Yoga. Wir meinen das, bei dem erst mal alle Knochen aus den Gelenkschalen gehängt und die Sehnen auf doppelte Länge gezogen werden, um die Körperteile dann schließlich an jeden beliebigen Ort zu verschieben. „Yoga-pains are good pains!“ Raoul entflicht seine Glieder und beendet die Stunde mit einer Schlussentspannung, die uns 90 Sekunden in eine nie gehörte Klangwelt entführt. Wir liegen vollständig irritiert auf unseren Matten und spüren der Melodie nach, die Assoziationen wie Getrappel nach Schulschluss oder Tanz der Moleküle nahelegt.

Schnitt.

„Geht in die Deeeeeehnung, aber nur soweit es gut tut!“, empfiehlt Sabine. „Hört darauf, was Euer Körper Euch sagt …“ – Wir wissen es jetzt und rufen wie aus einem Munde: „Yoga-pains are good pains!“ Kathrin Hettler und Jürgen Held

 

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