
Einen interessanten Vortrag über Ernährungssicherung in Indien hielt Jona Aravind Dohrmann, Vorsitzender der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit e. V., vergangene Woche in Berlin. In Indien hungern immer noch rund 200 Millionen Menschen – trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. In vielen Bundesstaaten ist die Situation nach dem India State Hunger Index (ISHI) alarmierend. Man schätzt, dass mindestens jeder vierte Inder – also weitaus mehr als die 200 Millionen – unterernährt ist.
Die unzulängliche Ernährung hat weitreichende Konsequenzen wie Gesundheitsschädigungen und Leistungsminderungen. Und das ist wiederum für die Wirtschaft nicht gut. Um die Ernährungssicherheit, also den qualitativ und quantitativ ausreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln, der Bevölkerung zu gewährleisten, hat der indische Staat verschiedene Programme aufgelegt – mehr oder weniger erfolgreich.
Da gibt es zum einen das Midday Meal Scheme, eine Schulspeisung zur Bekämpfung des Hungers im Klassenzimmer. Bereits in den 1960er Jahren wurde dieses Programm im Bundesstaat Tamil Nadu eingeführt. 1995 legte die indische Regierung dann ein Programme of Nutritional Support to Primary Education auf. Die Zentralregierung stellt hierfür die Grundnahrungsmittel zur Verfügung und die Bundesstaaten sollten die Zutaten, das Personal und die Infrastruktur stellen. Ein schlechter Deal fanden viele Bundesstaaten, weil sie die höheren Kosten tragen mussten, und verweigerten sich dem Programm. Sie gaben die Grundnahrungsmittel einfach in trockener Form (also ungekocht) weiter. Das half den hungrigen Kindern in der Schule wenig.
NGOs (Nichtregierungsorganisationen) forderten daraufhin ein Recht auf Ernährung und die People’s Union for Civil Liberties strengte eine Popularklage auf Einhaltung des Ernährungsprogramms an. Im November 2001 erließ der Supreme Court of India dann folgende Direktive im Fall: „People’s Union for Civil Liberties vs. Union of India and Others, No. 196 of 2001“:
„... implement the Mid-Day Meal Scheme by providing every child in every government and government assisted primary school with a prepared mid-day meal with a minimum content of 300 calories and 8-12 grams of protein each day of school for a minimum of 200 days“ – also verpflichtende 300 Kalorien sowie 8 bis 12 Gramm Protein für jedes Schulkind an mindestens 200 Tagen im Jahr. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas.
Immer noch widersetzten sich Bundesstaaten der Direktive. Nur der öffentliche Druck von Medien und Netzwerken von Menschenrechtsorganisationen, darunter vor allem die Right to Food Campaign, zwang mehr und mehr Bundesstaaten schließlich zur Umsetzung des Programms. Als 2004 die Regierung unter der Führung von Manmohan Singh an die Macht kam, wurde das Programm mit mehr Finanzmitteln für die Bundesstaaten ausgestattet, sodass das Schulspeisungsprogramm nunmehr überall in Indien umgesetzt wird.
120 Millionen Schulkinder wurden 2009 durch dieses Programm mittags versorgt. Damit ist es das größte Schulspeisungsprogramm der Welt. Dafür wurden im 11. Fünfjahresplans Indiens, der den Zeitraum von 2007 bis 2012 umfasst, 738 Millionen Euro eingestellt. Nicht viel Geld, wenn man bedenkt, was uns in Europa die Rettung der Banken oder die Griechenlands kostet.
Und einen weiteren Vorteil hat die Schulspeisung: Es wurde massenweise neue Jobs geschaffen. Über 1,5 Millionen Köche – bzw. meist Köchinnen – wurden angestellt. 37 Prozent davon kommen aus den untersten Kasten oder gehören zu den Ureinwohnern. 42 Prozent der Angestellten gehören anderen benachteiligten Gruppen und Minderheiten an.
Die Ernährungslage der Kinder hat sich verbessert, ihre körperliche Entwicklung wird gefördert und sie können sich in der Schule besser konzentrieren. Auch die Anwesenheitsquoten in der Schule haben sich verbessert. Dass die Kinder in der Schule ein Essen bekommen, scheint vorteilhafter zu sein, als sie auf dem Feld arbeiten zu lassen und selbst für Nahrung zu sorgen. Auch wenn es noch Probleme in der Überwachung des Programms gibt und die Nahrungsmittel zuweilen von schlechter Qualität sind, ist das Midday School Scheme ein richtiger Schritt auf dem Weg zur Ernährungssicherung.
Um den Hunger in dieser Welt wirklich zu bekämpfen, greifen solche rein nationalen Maßnahmen sowieso immer zu kurz. Die Nahrungsmittelsicherheit wäre bei der inzwischen auf sieben Milliarden Menschen angewachsenen Weltbevölkerung immer noch in ausreichendem Maße gewährleistet, wären da nicht eine ganze Menge „Wenns“. Wenn z. B. nicht so viel Fleisch verzehrt würde, denn zur Produktion von 1 kg Fleisch benötigt man das 5- bis 10-fache an Futtermitteln wie Mais oder Getreide und wertvolle Ackerflächen zum Anbau desselben. Wenn endlich die Spekulationen auf Lebensmittel an den Finanzmärkten verboten würden, die die Lebensmittelpreise vor allem in den armen Ländern hochtreiben. Wenn endlich wirklich etwas gegen den Klimawandel getan werden würde. Wenn endlich das, was eine Gesellschaft erwirtschaftet, halbwegs gerecht verteilt würde und nicht immer Wenige ganz viel bekämen, dafür die Mehrheit viel zu wenig. Wenn wir endlich nicht mehr nur auf die großen Taten der Politik warten würden, sondern auch einmal ein wenig kritischer über das eigene Verhalten nachdenken würden.
Wenn, wenn, wenn ... – die Liste könnte endlos fortgesetzt werden und eine rasche Umsetzung der notwendigen Schritte ist reichlich unwahrscheinlich. Bis dahin bietet ein Programm wie die Schulspeisung in Indien wenigstens ein bisschen Linderung.