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Indien Magazin

Tourismus

Orchha, die kleine Perle am Ufer des Betwa


Im Innenhof des Jehangir Mahal. Foto: Traudl Kupfer

18.12.2011

Orchha, ein friedliches Dorf am Ufer des Flusses Betwa im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, hat für Kulturreisende und Erholungssuchende einiges zu bieten und ist zudem ein wunderbares Etappenziel zwischen dem für seine mittelalterliche Bergfestung berühmten Gwalior und Khajuraho, der Stadt der erotischen Tempel.

Als ehemalige Hauptstadt des gleichnamigen Fürstenstaates kann Orchha vor allem mit Palästen und Tempeln aus dem 16. und 17. Jahrhundert aufwarten. In einem der Paläste kann man heute sogar wohnen: Das Hotel Sheesh Mahal liegt auf dem Hügel über dem Ort auf einer Insel im Fluss Betwa, in einem Flügel des majestätischen Jehangir Mahal. Schon die Fahrt hinauf zum Hotel birgt Überraschungen. Erst geht es über eine Brücke über einen Nebenarm des Betwa, dann noch um eine Kurve hinauf zum Palast – und da steht er dann, der imposante Jehangir Mahal. Jedes Zimmer ist hier einzigartig und traditionell indisch eingerichtet. Die etwas teureren haben tatsächlich etwas Königliches, mit einem unvergesslichen Blick in die Landschaft rundherum, und man kann sich in diesem Ambiente ein bisschen in die große Zeit der Maharadschas hineinversetzen.

Der größere Teil des Jehangir Mahal ist offen und gehört nicht zum Hotel. (Eine Eintrittskarte sollte man sich unten an der Brücke dennoch kaufen). Heute bewohnen nur noch Languren (eine Affenart) und Geier das relativ gut erhaltene, aber leere Gebäude. Der Mogul-Prinz Salem (später bekannt als Mogul-Eroberer Jehangir) vollendete Ende des 16. Jahrhunderts die Festung, die ursprünglich von Raja Rudra Pratap Singh im selben Jahrhundert erbaut wurde. Ein Hindernisparcours aus steilen Treppen und engen Durchgängen kennzeichnet die Architektur. In der Mitte des Gebäudes gibt es einen Hof mit einer Wasserstelle. Ringsherum liegen die Wohnräume in zwei Etagen. Oben auf der Palastmauer kann man rundherum laufen und hat von dort einen fantastischen Ausblick weit in die umliegende Gegend. Im Erdgeschoss gibt es ein kleines archäologisches Museum. Hinter dem Palast liegen ein weiteres großes Wasserbecken und die riesigen ehemaligen Kamelställe. Es gibt noch weitere Gebäude auf der Flussinsel zu besichtigen, z. B. ein türkisches Bad und einen hinduistischen Tempel.

Orchha selbst ist liebevoll geschmückt und für indische Verhältnisse sehr sauber. (Angeblich zahlt die Regierung Madhya Pradeshs hier die Müllabfuhr). Die Häuser sind in den schönsten Farben bunt bemalt und die Straßen davor sauber gefegt. Im Zentrum gibt es einen schönen kleinen Markt, wo man kleine Souvenirs kaufen kann. In den Shops findet man schöne Textilien zu halbwegs dem indischen Durchschnitt angepassten Preisen.

In der Ortsmitte steht auch der Ram-Raja-Tempel mit seiner rosa-goldenen Kuppel. Ursprünglich sollte der Tempel ein Palast werden. Zum Rama-Tempel wurde er der Legende nach erst, als die Rani vergeblich versuchte, ein Bildnis von Rama, das sie vorübergehend hier aufgestellt hatte, wieder zu entfernen. Das wollte einfach nicht gelingen.

Beeindruckender als der Ram-Raja-Tempel ist jedoch gleich in der Nähe der Chaturbhuj-Tempel, ein riesiges Gebäude mit imposanten Türmen. Man kann auf sein Dach hinaufsteigen, sollte jedoch eine Taschenlampe für den Aufstieg mitnehmen, denn innen ist es fast stockfinster. Die spektakuläre Aussicht auf die Stadt entlohnt jedoch für die Mühen des Aufstiegs.

Südlich der Stadt liegen die sogenannten Chhatris, Kenotaphe (Scheingräber) der Herrscher Orchhas. Die ca. 30 m hohen Bauten ähneln dem Hindutempel in der Stadt und sind frei zugänglich. Sie stehen ganz nahe an den Ghats des Flusses. Besonders malerischen sehen sie in der Abenddämmerung von der anderen Seite des Flusses aus, wenn die Kinder an den Ghats baden und die Geier über den Chhatris kreisen.

Auch für Naturinteressierte und Trekkingfreunde ist die Gegend um Orchha interessant. Man kann Rafting-Touren auf dem Fluss unternehmen, Schwimmen gehen, Wandern oder Radfahren. Die abwechslungsreiche Landschaft ist durch die beiden Flüsse Betwa und den nahen Jamni relativ grün. Auf der dem Ort gegenüberliegenden Seite des Betwa erstreckt sich auf einer 44 km2 großen Insel, die von den beiden Flüssen umschlossen wird, ein Naturreservat, das man entweder auf eigene Faust oder mit einem Führer erkunden darf. (Eintritt: 150 Rupien). Affen sieht man hier auf jeden Fall, mit etwas Geduld auch Pfaue, Hirsche und Warane.

Man kann sich im Ort auch ein Fahrrad mieten und die rund 14 km durch das Naturreservat zum Ret Ghat am Ufer des Jamni fahren, um dort eine der vier hier lebenden Schildkrötenarten zu beobachten. Links und rechts der Straße, die zum anderen Flussufer führt, gibt es allerdings leider einen Zaun und auf der Straße relativ viel Verkehr, was das Naturerlebnis auf der Fahrt dorthin doch etwas trübt. Und das Fahrrad muss man, bevor man losfährt, gründlich Probe fahren und ganz genau inspizieren. Ich habe mir eins mitten im Ort geliehen – zu einem unschlagbaren Preis von 40 Rupien pro Tag. Ich hätte wohl besser 100 Rupien investiert und mir im Hotel ein Rad ausgeliehen; dann hätte ich vermutlich auch ein Fahrrad bekommen. Das Gefährt, das ich hatte, bescherte mir ein Fahrerlebnis, das ich nicht unbedingt wiederholen möchte.

Obwohl der kleine Ort mit seinen nicht einmal 10.000 Einwohnern hauptsächlich vom Tourismus lebt, kann man hier auch als Europäer einen entspannten Aufenthalt genießen. Natürlich bieten auch in Orchha die Händler ihre Waren an, aber es geht doch wesentlich stressfreier zu als im rund 180 km entfernten Khajuraho, wo man sich der fliegenden Händler und ortsansässigen Geschäftsleute kaum erwehren kann.

tk

Anreise: mit dem Zug nach Jhansi, dann weiter nach Orchha – nicht ganz 20 km – mit einer Autorikscha (etwa 150 bis 200 Rupien) oder mit einem Taxi (mehr als 500 Rupien sollte das keinesfalls kosten, also gut verhandeln).