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Indien Magazin

Tourismus

Jaipur - Perle im Osten Rajasthans


Palast der Winde. Foto: Christian Wolter

09.12.2011

Der Laster rast frontal auf uns zu. Herr Lal seufzt leise, drückt die Bremse und steuert den weißen Nova Ambassador mit der rechten Hälfte über den Straßenrand. Der Truck Marke Tata donnert mit durchdringendem Dauerhupen vorbei, im Windschatten ein zweiter. Der Mitfahrer auf dem Rücksitz lacht fassungslos. Wir rumpeln zurück auf die schlaglochdurchsetzte Piste. Mit monotonem Tuckern beschleunigt Herr Lal wieder auf die Reisegeschwindigkeit von gut 50 km/h.

Heute Morgen haben wir Herrn Lal in Delhi für die 220 km lange Tour nach Jaipur engagiert. Acht Stunden Fahrt durch 30 Grad Hitze und ungezählte Fastkollisionen liegen hinter uns. Doch Herr Lal genießt inzwischen unser Vertrauen. „Since 25 years without accident“, wie er versicherte. Sich in Indien als Europäer selbst am Steuer zu versuchen, ist nur für jene empfehlenswert die an die Wiedergeburt glauben. Aus der Zeit des Commonwealth hat sich der Linksverkehr gehalten, doch gefahren wird in der Straßenmitte. Bevor es knallt, zieht man heraus: Reißverschlusssystem. Der Straßenrand ist Verkehrsfläche für schwer mit Brennholz beladene Frauen in Saris aller Farben, Schafsherden, Kamele, schmutzige Last-Elefanten oder fliegende Verkaufsstände, ist Schrottplatz für Autowracks. Bezogen auf den Bevölkerungsanteil hat Indien mit die meisten Verkehrstoten auf der Welt.

Inzwischen sind wir eingekeilt zwischen überfüllten Bussen, knatternden Motorrollern, Autorikschas (Tuck-Tuck genannt), Fahrradrikschas und Radfahrern. Unser Mietwagen schiebt sich im Kriechgang auf das Stadttor von Jaipur, Hauptstadt von Ost-Rajasthan, zu. Dahinter wartet das Tagesziel, „Jantar Mantar“, Jaipurs steinernes Observatorium. Die Luft hängt schwer vom Abgas der Zweitakter, gemischt mit dem Duft von Weihrauch und verführerischen Ausdünstungen der fahrbaren Garküchen. Ein Mädchen in purpurfarbenem Hosenanzug im Schneidersitz vor einem Berg gold-orangefarbener Blumenkränze. Aus Lautsprechern plärrt eine Mickey-Mouse-Stimme, begleitet von Flöte und Tabla. Das Stadttor ist in zartblaue Stoffbahnen eingewickelt, bedruckt mit riesigen popfarbenen Schriftzügen in Sanskrit. Ketten von Lampions in allen Farben spannen sich über die Straßen.

Wir stoppen an einem der Marktstände und sammeln uns bei einer Tasse Chai für neue Eindrücke.

Seit heute treibt „Diwali“ die Inder um, das fünftägige Lichterfest der Hindus. Die ursprünglich ruhigen und besinnlichen Feiertage sind inzwischen freilich stark vom Kommerz geprägt. Der religiöse Hintergrund ist die symbolische Heimleuchtung des Gottes Rama bei seiner Rückkehr aus dem Exil. Rama ist neben Krishna die wichtigste der neun Inkarnationen Vishnus, des Erhalters der Welt. Vishnu tritt immer dann auf, wenn es gilt die Welt vor dämonischen Kräften zu bewahren. Ewiger Gegenspieler von Vishnu ist Shiva, ein Gott, der die Erde bisher in 1008 Gestalten betreten haben soll. Er verkörpert einerseits die Kräfte der Zerstörung, gilt aber auch als Erneuerer aller Dinge.

Die Gebäude der Altstadt Jaipurs sind durchgehend in rostrosa gehalten, weshalb Jaipur auch „Pink City“ genannt wird. Wir rollen vorbei am ebenfalls rosa getünchten „Palast der Winde“, eines der meistfotografierten Motive Indiens. Der Palast ist eigentlich nur eine fünfstöckige Wand mit rückwärtigem Treppenhaus. Reich ornamentierte Erker und Balkone profilieren dicht an dicht die Fassade. 953 winddurchzogene Nischen und Fenster laden ein zum Blick auf Altstadt und Palast. Hinter den Luken im obersten Stock leuchtet der blaue Himmel. Maharadscha Pratab Singh ließ den Bau 1799 errichten, um Haremsdamen einen ungestörten Ausblick auf die pompösen Festumzüge zu ermöglichen. Vor der Wand Gedränge. Zu den Flötentönen eines Schlangenbeschwörers erhebt sich eine Kobra aus ihrem Korb. Ich nehme die Szene mit der Kamera ins Visier. „Be careful“, warnt Herr Lal. Der Flötenspieler springt hoch wie eine Feder und heftet sich auf die Fährte des Taxis. Hektisch kurbeln wir die Scheiben hoch und verriegeln die Türen. Erst nach Hunderten Metern wird der wütende Verfolger im Heckfenster langsam kleiner.


Das Amber Fort nahe Jaipur. Foto: Christian Wolter

Komplex geformte Monumente leuchten in der hellen Abendsonne: „Jantar Mantar“, die steinerne Sternwarte von Jaipur. Beim Eintreten in die großzügige Anlage rückt Jaipurs Hektik in weite Ferne, wohltuende Ruhe empfängt uns. Die ganze Szene überragt die größte Sonnenuhr der Welt aus gelbem Sandstein, das „Samrat Yantra“, was in Sanskrit „wichtigstes Instrument“ bedeutet. Der „Gnomon“, der Schattenwerfer, erinnert an eine Skischanze. An einen 30 m hohen Turm mit aufgesetzter Pagode ist eine 45 Grad steile Treppe angelegt. Westlich und östlich zwei kleinere Türme, Endpunkte der beiden viertelkreisförmigen Steinbahnen, die in einem Radius von 15 m zum Fuß des Gnomon hinunterführen. Über eine in elegantem Schwung geführte Treppe kann der Beobachter längs des Steinkreises emporsteigen. An einer Skala kann er die Schattenposition auf Bruchteile eines Zentimeters und damit minutengenau ablesen. Ich nutze den Schatten, um etwas Kühlung zu finden.


Jaipurs Observatorium Jantar Mantar. Foto: Christian Wolter

 

Maharadscha Jai Singh II erbaute das Jantar Mantar – Sanskrit für „Recheninstrument“– zwischen 1728 und 1734. Die Anlage in Jaipur ist die größte von insgesamt fünf ähnlichen in Indien. Der astronomiebegeisterte Maharadscha war mit den seinerzeit gebräuchlichen astronomischen Winkelmessinstrumenten aus Messing nicht zufrieden. Er war der irrigen Ansicht, der wesentliche Grund für deren Ungenauigkeiten seien die zu geringen Dimensionen. Die Lösung sah er in der Übertragung der Geometrie der Metallinstrumente in bis zu 100-facher Vergrößerung auf ortsfeste Apparaturen aus Stein, die er selbst entwarf. Das Ergebnis: eine begehbare Funktionsarchitektur. Wissenschaftlich blieben die Großinstrumente allerdings folgenlos, da alle Beobachtungen mit dem unbewaffneten Auge vorgenommen wurden. Bereits 1609 hatte Galileo Galilei erstmals ein Teleskop zum Himmel gerichtet und damit als erster Mondkrater, Jupitermonde und Venusphasen beobachtet.

Das Jantar Mantar dürfte die letzte große Sternwarte mit steinernen Beobachtungsinstrumenten in der Geschichte der Astronomie sein. Bereits vor 3100 Jahren errichteten Sternkundige in der Jungsteinzeit Stonehenge, um die Positionen von Mond und Sonne auszumessen. Berühmt sind auch das Caracol Observatorium der Mayas in Chichen Itza, Mexiko, aus dem 9. Jahrhundert oder die Beobachtungsstation des Uleg Beg in Samarkand, Usbekistan, die 1429 fertiggestellt wurde. Der letzte Astronom, der mit reinen Peilinstrumenten ohne ein Teleskop zu benutzen die Astronomie vorwärts brachte, war Ende des 16. Jahrhunderts der Däne Tycho Brahe. Seine Messdaten dienten Johannes Kepler als Basis für seine Planetengesetze.

Von der Turmspitze der großen Sonnenuhr aus liegt mir der auf einer Fläche von etwa drei Fußballfeldern verteilte Instrumentenpark zu Füßen. Seine 32 steinernen Visiereinrichtungen gleichen einer Freiluftausstellung moderner Künstler. Links, wie eine versteinerte Elefantenherde über eine größere graue Plattform verstreut, die „Rasivalaya Yantras“. Jedes dieser zwölf gelb-schwarz getünchten Instrumente ist einem Tierkreiszeichen gewidmet.

Rechts drängeln sich zwei Dutzend indische Touristinnen um einen Führer. Ihre Saris verschmelzen zu einem Mosaik aus königsblau, pink, goldgelb und rot. Fetzen von Hindi wehen herauf. Der Guide erläutert die beiden großen „Jai Prakas Yantras“. In eine schmutzig-rote Sandsteinplattform sind zwei Halbkugeln aus weißem Marmor von gut 5 m Durchmesser eingelassen. In die Flächen der Marmorhalbkugeln sind streifenförmige Durchbrüche eingearbeitet. Die Zebramuster der beiden Halbkugeln stehen komplementär zueinander. So ist die gesamte Himmelskugel der Beobachtung zugänglich. Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein könnte. Eine pechschwarze sternklare Nacht vor 260 Jahren. Zwei Diener mit Fackeln leuchten Maharadscha Jai Sing II den Weg. Er steigt über eine Treppe in den Raum unterhalb der Kugel. Dort bringt er das Auge nahe an die Maßeinteilung am Rand einer Aussparung und peilt den Mars über das Drahtkreuz an, das mittig über die Halbkugel gespannt ist.

Der Schatten des riesigen Samrat Yantra fällt lang über die Stundenskala. Unser Fahrer winkt vom Eingang zur Sternwarte. Sein Zeigefinger klopft auf seine Armbanduhr. Zum Ausklang des Tages hat er uns den Besuch des 11 km entfernten Amber-Fort angekündigt. Amber war über sechs Jahrhunderte die Hauptstadt des Rajputengeschlechts der Kachwahas, bis sich Jai Singh II entschloß, an dem von Astrologen bestimmten Datum des 27. November 1727 den Grundstein für seine neue Residenz in Jaipur zu legen. Bei der Anfahrt umrunden wir einen künstlichen See, in dem sich die auf einer schroffen Anhöhe errichtete Trutzburg spiegelt. Ein steiles Kopfsteinplastersträßchen windet sich in Serpentinen hinauf zum Suraj Pol, dem Hauptportal. An dessen Fuß warten mit bunten Tüchern und Perlen geschmückte Elefanten, Kopf und Rüssel großflächig mit Blumenmotiven bemalt. Vier Passagiere haben auf der Plattform in gut drei Meter Höhe Platz. Stampfend und schwankend werden wir bald bergwärts getragen. Alle paar Schritte bleibt der Koloß schnaubend stehen und trompetet in den Himmel. Mit einem der talwärts trottenden Elefanten scheint sich unser Tier besonders gut zu verstehen. Zärtlich werden die Rüssel verschränkt. „Sisters“ kommentiert unser turbanbehaupteter Chauffeur auf dem Elefantenkopf. Im weiträumigen Innenhof prägen Obst-, Gewürz- und Souvenirverkäufer malerisch die Kulisse. Auf der breiten Treppe zum Audienzsaal im zweiten Hof sitzt ein weißbärtiger Mann mit Turban. Auf einem einseitigen Streichinstrument fiedelt er eine monotone Melodie. Horden von Languren turnen mit Fünf-Meter-Sprüngen über die Mauern. Wir durchschreiten das wunderbar ornamentierte Ganesha-Tor und steigen hinauf zu der Ebene mit den einstigen Privatgemächern des Maharadschas.


Elefanten am Fuß des Amber Fort. Foto: Traudl Kupfer

Durch filigrane Gitterfenster aus Marmor schweift der Blick über Amber. Die kahlen Aravalli-Berge glühen in der Abenddämmerung. Dort im Osten, wo der kühle Wind hertreibt, erwartet uns morgen Agra, die Stadt des Taj Mahal.

Autor: Christian Wolter