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Indien Magazin

Gesellschaft

Indische Frauen werden Unternehmerinnen


Alphonsa (links) gibt Fahrunterricht. Den Motorroller konnte sie bezahlen, nachdem sie einen kleinen Kredit bekommen hatte. Foto: © Georg Wahl

31.01.2012

Indische Kolpingsfamilien sind auch immer Spargruppen. Wer ein Unternehmen gründen möchte, bekommt einen Kredit aus dem Guthaben der Gemeinschaft. So hat Alphonsa ihre Fahrschule in einem indischen Dorf aufgebaut, und ihre Kolpingschwestern verkaufen jeden Monat 9.000 Seifenstücke aus eigener Produktion.

Vor einigen Jahren durchlebte Alphonsa, damals 31 Jahre alt, eine schwierige Zeit in ihrer Familie. Heute – fünf Jahre später – ist sie Unternehmerin. Sie hat sich einen kleinen Gebrauchtwagen und einen neuen Motorroller gekauft und gibt Studenten am College in der Nachbarstadt Fahrunterricht. Alphonsa tritt heute viel selbstbewusster auf als früher, sorgt auch finanziell für die Familie und sie geht ganz selbstverständlich zu den regelmäßigen Treffen ihrer Kolpingsfamilie – einer Gruppe von 30 Frauen.

Vor fünf Jahren hatte die Vorsitzende der katholischen St. Joseph’s Kolpingsfamilie Pilankalai die junge Frau besucht und sie zu einem Treffen der Kolpinggruppe eingeladen, damit sie in der Gemeinschaft vielleicht einen Ausweg aus ihrer Lebenskrise finden kann.

Die Gemeinschaft der Frauen habe ihr damals den notwendigen Halt gegeben und ihr geholfen, aus ihrer Isolation herauszukommen, sagt sie. Alphonsa wurde Mitglied der Kolpingsfamilie, die gleichzeitig auch eine Spargruppe ist. Mit dem ersten Kredit konnte sie vor fünf Jahren den Motorroller für ihre Fahrschule kaufen. Drei Jahre später finanzierte sie mit zwei weiteren Krediten den Gebrauchtwagen. Das Geld hat sie inzwischen an die Gruppe zurückgezahlt.

Kleinkreditprogramme für arme Menschen in Indien waren vor eineinhalb Jahren in die Kritik geraten. Im indischen Bundesstaat Andhra-Pradesh begingen damals viele Menschen Selbstmord, weil sie das geliehene Geld und die Zinsen nicht schnell genug zurückzahlen konnten.

Muhammad Yunus hatte 2006 den Friedensnobelpreis für den Aufbau der Grameen Bank in Bangladesh erhalten. Er gilt als Begründer des Mikrofinanz-Gedankens; die Grameen Bank vergibt Kleinstkredite an arme Menschen, damit diese unternehmerisch tätig werden und selbst Geld verdienen können. Die Rückzahlungsquote ist hoch, da Mitarbeiter der Grameen Bank die Kleingruppen in den Dörfern schulen und genau prüfen, wie die Kreditnehmenden das Geld einsetzen möchten. Gewinnorientierte Banken, die von der großen Nachfrage nach Kleinkrediten profitieren wollten, hatten diese Schutzmechanismen offenbar nicht. Sie verliehen das Geld oft leichtfertig an Menschen, die das Geld in ihrer Not aufbrauchten und nicht in ihre Zukunft investierten und somit auch nicht zurückzahlen konnten.

Das Spar- und Kreditprogramm des indischen Kolpingwerkes ist dagegen ganz anders aufgestellt. Die Menschen, meistens Frauen, gründen eine Kolpingsfamilie, die gleichzeitig auch eine Spargruppe ist. Alle Gruppenmitglieder zahlen monatlich den gleichen Betrag auf das Gemeinschaftskonto, zum Beispiel 100 Rupien (umgerechnet etwa 1,50 Euro). Sorgfältig werden die Einzahlungen in die Sparbücher eingetragen. Auf der Bank bringt das Geld dann Zinsen. Ist eine bestimmte Summe angespart, dann hat die Gruppe Anrecht auf einen Kredit des Kolping-Nationalbüros. Die Frauen entscheiden gemeinsam, wer von ihnen einen Kredit bekommt. Sie sind miteinander befreundet und kennen sich gut. Deshalb wissen sie, wer das Geld am dringendsten braucht und wessen Geschäftsidee Aussicht auf Erfolg hat. Bei der Suche nach zukunftsfähigen Geschäftsmodellen werden sie von den Beraterinnen und Beratern des Kolpingwerkes in mehrmals im Jahr stattfindenden Schulungen unterstützt. Seit Beginn des Spar- und Kreditprogramms im Jahr 1993 ist die Zahl der Kolpingmitglieder in Indien auf über 23.400 angestiegen. Sie haben sich in 1.400 Gruppen zusammengeschlossen.

Auf das Geld von Verleihern, die Wucherzinsen von über 60 Prozent im Jahr verlangen, sind die Frauen der Spargruppen nicht mehr angewiesen. Für einen Kredit der Spargruppe bezahlen sie deutlich weniger, bei Alphonsas Kolpingsfamilie sind es sechs Prozent. Und das Geld ist nicht verloren, sondern es fließt auf das gemeinsame Konto und vergrößert so das Vermögen der Gruppe. Damit können die Kolpingsfamilien auch soziale Aktivitäten in ihren Dörfern und Pfarrgemeinden finanzieren, zum Beispiel die Pflege kranker Menschen oder die Unterstützung einer armen Witwe und ihrer Kinder.

Die St. Joseph’s Kolpingsfamilie Pilankalai vergibt nicht nur Kredite an einzelne Frauen: Einen Teil ihres Sparguthabens hat sie in den Aufbau einer Werkstatt zur Herstellung von Seife investiert. Zehn Frauen aus der Gruppe sind für das Gemeinschaftsprojekt verantwortlich. Sie stellen jeden Monat 9.000 Seifenblöcke her. Auf jeder Packung wirbt die Gruppe mit dem Kolping-K und dem Porträt Adolph Kolpings. Demnächst wollen die Frauen eine weitere Maschine kaufen, mit der sie kleinere Seifenstücke produzieren können.

Dass das Gesicht des seligen Adolph Kolpings die Produkte einer indischen Spargruppe ziert, ist schlüssig, denn in seinen Schriften hat Kolping sich oft zur Notwendigkeit des Sparens geäußert. 1853 gründete er im Gesellenverein Köln die erste Vereinssparkasse. Später wurden auch in anderen Gesellenvereinen Sparkassen gegründet. Bei ihren regelmäßigen Treffen im Vereinshaus konnten die Mitglieder des Gesellenvereins selbst kleinste Sparbeträge einzahlen. Das wäre auch damals für eine öffentliche Sparkasse zu aufwendig gewesen. Später richteten Gesellenvereine auch Bürgschafts- und Kreditgenossenschaften ein. Wechselseitige solidarische Bürgschaftsleistungen und zinsfreie Darlehen gab es bei Kolping schon ab 1863, 143 Jahre bevor Muhammad Yunus für eine ähnliche Idee den Friedensnobelpreis erhielt.

Autor: Georg Wahl

Weitere Informationen: www.kolping.de und www.kolping.net