
Im Frühjahr 2012 erscheint endlich auch ein Fettnäpfchenführer Indien in dieser Reihe des Conbook-Verlags. Die Autorin Karin Kaiser hilft dann beim Umschiffen der Untiefen der indischen Kultur zwischen Mantras und Mumbai, Curry und Chaos, Bollywood und Buddha. Bis der Band erscheint, beschreibt Karin Kaiser – quasi zur Einstimmung – ihre Erlebnisse auf dem Subkontinent in ihrem Indien-Blog. Lesen Sie hier, wie die Reise weitergeht:
Stolpern und Staunen
Autsch! Ich zucke zurück. Wie konnte ich das vergessen! Aus dem Hahn mit dem blauen Punkt strömt kochend heißes Wasser. Das Türschloss schließt nach links, die Hähne, mal so oder so. Wo PEPPER drauf steht ist Salz drin, im Salzstreuer ist gar nix. »One minute« kann drei Stunden dauern und »No problem!« ist garantiert immer eins. Bestelle ich Tee, kommt schwarzer Kaffee, bestehe ich weiter auf Tee, kriege ich Milch – Ewigkeiten später. Mehrmals täglich findet ein Stromausfall statt und im Dustern spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass die meisten Buchstaben auf der Tastatur in der Internet-Bude abgerubbelt sind. Im Verkehrsgewühl werden aus zwei Fahrspuren fix dreieinhalb oder vier gemacht und die Hupe wird nonstop malträtiert – Kommunikation auf indisch. Täglich trainiere ich Hindernislauf zwischen stinkenden Müllhaufen und der an vielen Stellen offenen Drainage am Straßenrand und riskiere mein Leben, um im Slalomlauf auf die andere Straßenseite zu gelangen.
Wie kriege ich all dies bloß in meinen deutschen Schädel? Tatsächlich – gar nicht. Keine Chance. Zero!
Was mir bleibt ist: Schultern zucken – that’s India – sie locker zu schütteln, mit dem Kopf zu wackeln und die Füße im Kuhgang voreinander zu stellen.
Und schon kann ich eintauchen, mich treiben lassen im bizarren Fluss des indischen Alltags. Sollte sich dann ein Schmunzeln in meine Mundwinkel stehlen, erhalte ich als Antwort ein Lächeln – strahlend im dunklen Gesicht.
Und da weiß ich wieder um die Geschenke, mit denen Mother India mich verwöhnt: Sternenwirbel auf einem Himmelsgewölbe aus Samt; die Mondsichel, die sich auf dem Rundrücken wiegt; ein Abendhimmel, azurblau, durchwoben von Rosenstreifen; das Rasseln der Palmblätter, warm gestreichelt von einer Brise; Duft, der grünerdig bei Sonnenaufgang vom Land zum Meer treibt; das Lülüüüt, Riiirriiiiie, Rööötöööt im Konzert der exotischen Vogellaute; die Eimerdusche und die Hängematte. Ich fühle meine Füße fest verankert im Sand, der körnig zwischen den Zehen hervorquillt und meinen Kopf, unter der weißen Sonne federleicht, während meine Knochen noch im Rhythmus der Trommeln vibrieren, die mich beim Tempelfest der schwarzen Göttin hineingerissen haben in die wogende Menge.
Geschenke sinnlich und unvergesslich – bis morgen dann, wenn der dhobi mir meine T-Shirts aushändigt, ehemals weiß, jetzt blaugrau zu Schanden gewaschen.
Autor: Karin Kaiser
Weitere Informationen:
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