
Die Festung von Gwalior ist wohl einer der schönsten und beeindruckendsten frühen Hindu-Bauten Indiens. Schon wenn man mit dem Zug auf den Bahnhof von Gwalior zurollt, sieht man das mächtige Fort auf einer gewaltigen, etwa 3 km langen und über 30 m hohen Sandsteinklippe über der Stadt thronen. Mr. Chaturvedi, seit rund 40 Jahren Arzt in den USA, ist hier geboren und so stolz auf sein Fort, er will es mir unbedingt noch zeigen, bevor wir den Bahnhof erreichen. Also folge ich ihm und er öffnet ganz selbstverständlich die Waggontür – während der Fahrt –, lehnt sich ein bisschen hinaus, um die Festung besser sehen zu können, und lädt mich ein, es ihm gleichzutun. Da liegt es im Abendlicht und selbst aus einer Entfernung von einigen Kilometern erahnt man die gewaltigen Ausmaße der Anlage. In diesem Augenblick fehlt mir allerdings ein wenig der Sinn für Majestätisches, denn ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen täglich in Indien vom Zug fallen. Zugegeben: Die indischen Züge fahren sehr viel langsamer als deutsche; die Durchschnittsgeschwindigkeit der Expresszüge liegt bei etwa 65 km/h und vor Bahnhöfen werden sie noch deutlich langsamer. Ich möchte mir dennoch die Erfahrung ersparen aus einem fahrenden Zug zu fallen.

Sightseeing bei offener Tür im fahrenden Zug. Foto: Ralf Krause
Die Festung auf dem Hochplateau ist über zwei Wege erreichbar; beide sind steil und mühsam. Zum Westtor kann man sich zwar mit Autorikschas hinaufbringen lassen, schöner ist es jedoch, die Anstrengung des Anstiegs in Kauf zu nehmen und die Anlage über den Osteingang zu erkunden. Der Blick auf den alles überragenden Man-Singh-Palast entschädigt für alle Mühen: Dieser Kaiserpalast mit seinen runden Türmen und dem – leider nur noch teilweise erhaltenen – türkisfarbenen Fries ist ein ungewöhnliches Bauwerk. Während ich mich in der relativ angenehmen Winterwärme von etwa 28 Grad den Berg hinaufquäle, frage ich mich, wie die Eroberer früherer Zeiten es geschafft haben, diese Festung einzunehmen. Doch das Fort, zwischen 1486 und 1516 erbaut, wechselte ständig die Besitzer. Seine Blütezeit erlebte es unter Raja Man Singh, der den Palast auch erbauen ließ. Danach herrschten zwei Jahrhunderte lang die Moguln, bis die Marathen das Fort 1754 einnahmen. Es folgten zahlreiche, ständige Besitzerwechsel.

Der majestätische Kaiserpalast auf dem Sandsteinplateau über Gwalior. Foto: Traudl Kupfer
Wenn man den Aufstieg gemeistert und das obere Tor durchschritten hat, sollte man sich rechts um die Ecke am Ticketschalter eine Eintrittskarte kaufen. Damit darf man sich dann frei auf dem riesigen Gelände bewegen.
Im Inneren der Anlage ist die Außenwand des Man-Singh-Palastes ungewöhnlich geschmückt: Ein Fries mit gelben Enten ziert die Fassade, aber auch Mosaike mit Elefanten, Krokodilen und Tigern in Gelb, Blau und Grün sind zu sehen. Der Königspalast besteht aus zwei offenen Innenhöfen, die von ebenfalls offenen Wohnräumen auf zwei Ebenen umgeben sind. In der Mitte der Innenhöfe befinden sich Wassertanks und die Wohnräume sind angenehm kühl. Man kann sich gut vorstellen, dass man es hier auch in der Sommerhitze gut aushält. Doch Raja Man Singh ließ für besonders heiße Tage auch noch zwei Stockwerke unter der Erde bauen. Diese Räume sind durch „Sprachrohre“, eine Art „Haustelefon“, miteinander verbunden.
Von der Festungsmauer hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt und weit ins Land hinein. Zwei schöne Tempel und ein Museum können hier oben noch besichtigt werden. Und dann sollte man die Anlage zum Westtor hinunter verlassen. Hier sind zwischen dem oberen und unteren Tor Steinskulpturen unterschiedlicher Größe in den Fels gehauen. Die größte ist über 17 m hoch. Sie zeigen die 24 großen jainistischen Lehrer, die tirthankars. Da die strengen Anhänger des Jainismus nichts am Leib tragen als den Raum, der sie umgibt, sind die Figuren nackt und waren ursprünglich mit allem ausgestattet, was die Natur zu bieten hat. Im 16. Jahrhundert wurde die Statuen jedoch von den muslimischen Soldaten Baburs kastriert und teilweise auch im Gesicht entstellt. Viele der Bildnisse wurden jedoch vor Kurzem restauriert.
In der Stadt selbst kann man ein Beispiel der Extravaganzen indischer Fürsten bewundern: Im Jai-Vilas-Palast befindet sich heute das Scindia Museum. Die Goldverkleidung der Königshalle dieses Palastes soll ein halbe Tonne wiegen. Die beiden Kronleuchter in der Halle sind 12,5 m hoch und mit etwa 250 Lampen bestückt. Sie sollen die schwersten Kronleuchter der Welt sein. Angeblich hängte man Elefanten an die Decke, um zu testen, ob diese das Gewicht der Leuchter aushalten würde. Zu bewundern sind hier außerdem ausgestopfte Tiger (leider!) und ein Pool für Frauen mit eigenem Boot. Besonders kurios ist die silberne Modelleisenbahn, die nach dem Essen Cognac oder Zigarren über den riesigen Tisch transportierte.
Zwei Tage kann man für diesen Ort gut und gerne einplanen. Es gibt genug zu sehen. Als wohltuend habe ich bei meinem Aufenthalt in Gwalior die fast gänzliche Abwesenheit von ausländischen Touristen empfunden. Somit entfällt auch das lästige „Come to my shop!“, dem man allerorts in den Touristenhochburgen ausgesetzt ist. Als blonde Frau muss man lediglich damit rechnen, dass man bei indischen Touristen für ein gemeinsames Erinnerungsfoto sehr gefragt ist.
tk