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Indien Magazin

Gesellschaft

Besuch beim Elefanten


16.11.2011

Im November 2010 fuhren 15 Studierende der Studiengänge Medienmanagement nach Indien, um mehr über die Kultur und die Medien dieses Landes zu erfahren. Die erste Etappe führte die Gruppe in das Indian Institute of Management in Shillong, das seit 2009 Kooperationspartner der Hamburg Media School ist. Von dort reiste die Gruppe anschließend nach Delhi, wo Besuche bei indischen Medienunternehmen auf dem Programm standen. Der Student Benjamin Röber hat über seine Erfahrungen und Erlebnisse geschrieben.

Indien ist ein Land der Geschichten. Wer es besucht, dem wird erzählt. Zum Beispiel von den blinden Männern und dem Elefanten. Ein Hindu sagt: Da ist ein Elefant, wie ist er? Rau, sagt der Erste und fühlt seinen Fuß. Weich, sagt der Nächste und streichelt sein Ohr. Warm, sagt der Dritte und fühlt seinen Bauch. Kalt, sagt der Vierte und berührt seine Rüsselspitze. Die Männer beginnen zu streiten und doch haben sie alle Recht. „Dieser Elefant, das ist Indien!“, flüstert Sanjeeb Kakoty, Professor am Indian Institute of Management, in die Runde und zeigt uns sein weises Yoda-Lächeln. Es ist 10 Uhr im Bundesstaat Meghalaya. Ich sitze mit meinen 14 Kommilitonen im Seminarraum. Die 30-stündige Anreise steckt noch in den Knochen. Ich reibe mir die Augen, als mir klar wird, dass ich gerade erst in Hamburg war, zwischendurch den Iran und Afghanistan überflog, den Himalaja links vorbeiziehen ließ und dann mit dem Auto in den äußersten Zipfel des asiatischen Subkontinents gefahren bin. Doch das hat alles seinen Sinn. Ich will Menschen begegnen, die sich mit dem Elefanten besonders gut auskennen. In dieser Seminarwoche lerne ich einige von ihnen kennen und erfahre etwas über ein Land und seine Medien im Umbruch. So ist das Bruttoinlandsprodukt Indiens trotz der weltweiten Rezession erneut um 7,1 Prozent gewachsen. Gleichzeitig lebten ein Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze. Ich sehe ein Indien im rasanten Wandel von der traditionellen Agrar- zur modernen Dienstleistungswirtschaft. Mir wird berichtet, dass ein Sari in eine Streichholzschachtel passt und das tägliche Mantra der neuen Mittelschicht genauso wichtig ist wie der Laptop und das Mobiltelefon. „Wir sind ein neugieriges, vielfältiges und junges Land. 70 Prozent von uns sind unter 30 Jahre alt“, erzählt mir der landesweit bekannte Medienmacher Abhijit Das Gupta. Während ich diesen Satz schreibe, hat Indien zwei Kinder geboren – ein gefülltes Sportstadion wird es jeden Tag. Die riesige Bevölkerung von etwa einer Milliarde Menschen informieren, bilden und unterhalten täglich mehr als 900 Zeitungen, 250 Radiostationen und 485 Fernsehsender. Vor allem Information ist wichtig. Immer wieder wird mir die Legende des Bettlers erzählt, der die ersten Rupien des Tages nicht etwa für Lebensmittel, sondern für seine Zeitung ausgibt. Mrinal Talukdar, Nachrichtensprecher und Chefreporter der „Assam Tribune“ berichtet: „Wer informiert ist, gilt etwas. Besonders wichtig ist die regionale Presse.“

Das Internet ist in Indien noch kein Medium für die Masse

Das Internet ist hier noch kein Massenthema. Derzeit existieren landesweit nur etwa acht Millionen Breitbandanschlüsse. Wer keinen eigenen Zugang hat, begibt sich ins „Cybercafé“ – in der Regel eine Hütte mit einem Computer. Insgesamt nutzen nur 52 Millionen Inder das Internet aktiv. Primär sind es junge Männer und Studierende. Wenn das Netz jedoch genutzt wird, dann richtig: 134 Minuten sind es zurzeit im Schnitt pro Tag – mit steigender Tendenz. Was hier in Bewegung kommt, wird mir am letzten Tag der ersten Woche in Indien klar: „Sehen Sie den Berghang dort drüben“, sagt Prof. Kakoty, als wir gemeinsam am Tag unserer Abreise vor dem Campus stehen und auf Hunderte von Dächern schauen. „Wir wachsen schnell. Noch vor wenigen Jahren war er komplett grün.“

Der Inhalt ist König

Delhi. Wir sind auf dem Weg zum zweitgrößten Medienhaus des Landes: der India Today Group. Ein Besuch beim Herausgeber im Bereich Digital, Shailesh Shekhar, steht auf dem Programm. In feinstem Englisch erklärt uns Shekhar die Strategien und Aktivitäten der Mediengruppe: „Wir bieten eine 24/7-Berichterstattung. Natürlich sind dabei mobile Angebote genauso Thema wie Webauftritte und wöchentliche Magazine. Unser Geschäft ist die Medienwelt. Solange der Leser bei uns ist, ist es uns egal, auf welchem Weg wir ihn erreichen“, sagt er. Mit Angeboten wie dem Fernsehsender ITG, der Zeitung „India Today“ oder dem Magazin „India Today Women“, nimmt das erst 35 Jahre alte Medienhaus seine Zielgruppen ins Visier. Ich frage, wie die Situation in Europa beurteilt wird: „Wir lernen vom Westen. Wir möchten, was das Internet betrifft, nicht die gleichen Fehler begehen. Darum reagieren wir schon heute auf die neuen Entwicklungen.“ Insbesondere multimediale und mobile Bezahlangebote sind hier Stichworte. Mit 36 Magazinen, sieben Radiostationen, zahlreichen kostenpflichtigen Websites, Lizenzmarken (u. a. „Auto Bild“) und Zusatzgeschäften wie Büchern und Ausbildungsangeboten – „India Today“ besitzt eine eigene Schule – rüstet sich das Haus und erreicht derzeit etwa ein Drittel der Mittelschicht Indiens. Das sind etwa 350 Millionen Menschen. „Es geht um Glaubwürdigkeit. Der Inhalt ist König“, sagt Shekhar. Dabei komme es vor allem darauf an, Eigenkreationen für die Inder zu schaffen. „Wir drucken nichts einfach nach. 60 Prozent unserer Inhalte sind lokal kontextualisiert“, betont er, während hinter ihm das Logo der Mediengruppe leuchtet. In diesem Moment kommen mir die drei Cs in den Sinn: Cricket, Cinema und Crime. „Genau darum geht es, Sexualität ist auch noch ein Thema.“

Inder sind streitfreudig und neugierig

Zurück im Hotel, werfe ich einen Blick in die Tageszeitung. Ich will selbst sehen, was typisch an den indischen Medien ist. Es ist die Zeit des Besuchs des amerikanischen Präsidenten. Obamas Rede ist das Thema der Woche. Doch auch seine Ehefrau Michelle füllt die Zeitungsseiten. Sie begeistert die Medien mit ihrem Modestil. Ich blättere weiter. Jetzt fällt mir tatsächlich etwas auf. Es sind die vielen Anzeigen der besonderen Art, die es vielleicht nur in Städten wie Delhi gibt. Gesucht werden anhand von Fotos Verwandte oder Bekannte von toten, nicht identifizierbaren Männern und Frauen.

Tee und Zeitschriften

Voller Bilder im Kopf komme ich am letzten Tag der Reise im Künstlerviertel Hauz Khas bei einem Chai Tea zur Ruhe. Ich blättere in den Zeitschriften und sehe die 50 wichtigsten Inder in der GQ. An der Spitze steht der Adobe-Gründer Shantan Narayen. Weiter hinten folgen der allgegenwärtige Bollywood-Star Shah Rukh Khan und der Autor Salman Rushdie. In der „Marie Claire“ finde ich eine bemerkenswerte Strecke über Indiens Geschäftsfrauen – die Urban Women. Es finden sich Anzeigenmotive von Versace und Citizen ebenso wie von der Firma Cladró, die Design-Ganeshas aus Porzellan bewirbt – Lifestyle auf indische Art. Ich lehne mich zurück, während die Stadt eine Dusche nimmt und der Regen an die Scheibe klopft und frage mich: Was bleibt von dem Abenteuer Indien? Für mich war es ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ich habe den Elefanten besucht, ihn ein wenig besser kennengelernt und mich mit ihm angefreundet. Ich weiß jetzt mehr über seine Menschen und Medien. Dies wird für die Zukunft helfen. Ich freue mich, dieses freundliche, verrückte, großartige, schreckliche, kluge, nervige und begeisternde Land kennengelernt zu haben.

Zum Autor: Benjamin Röber studiert im zweiten Jahr Medienmanagement an der HMS. Der gebürtige Hamburger absolvierte seine Ausbildung im Marketing und volontierte in einer Agentur zum PR-Berater. http://benjaminroeber.blog.de/ 

Informationen zur HMS unter www.hamburgmediaschool.com

 

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