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Indien Magazin

Bauwirtschaft

Abenteuer Bauen in Indien


Foto: DGI Bauwerk mbH

03.08.2011

Beim letzten German-Indian Round Table (GIRT) in Berlin berichtete Eva Walter, Architektin der Berliner DGI Bauwerk mbH, von ihren interessanten Erfahrungen mit dem indischen Bausektor. Die DGI Bauwerk hatte im Auftrag des Auswärtigen Amtes ein größeres Bauvorhaben des Deutschen Generalkonsulats in Kolkata (früher: Kalkutta) betreut. Als Projektkoordinatorin sammelte Frau Walter vielfältige Eindrücke, wie ein Bauprojekt in Indien durchgeführt wird.

Projektbeginn war 2007. Im Deutschen Generalkonsulat in Kalkutta – eine schöne alte Villa in einem großen Garten – musste die Visastelle vergrößert werden, der Zugang zum Konsulatsgebäude sollte sicherer und der Brandschutz verbessert werden. Ein Gutachten wurde erstellt, verschiedene Varianten angedacht und schließlich entschied man sich für einen Neubau der Visastelle im Garten des Konsulats mit gesondertem Zugang. Der Hauptzugang zum Konsulat musste in Folge ebenfalls neu gebaut werden.

Mit der Bauplanung wurde im Februar 2008 begonnen, die Vergaben erfolgten im März 2009. Die erste Kostenschätzung, die in Deutschland vorgenommen wurde, konnte nach ersten Kostenvoranschlägen in Indien erfreulicherweise um 50 Prozent gesenkt werden – und das ohne böse Überraschungen am Ende, denn bei den angekündigten Preisen blieb es dann im Wesentlichen auch.

Besondere Schwierigkeiten bei der Planung bereiteten die klimatischen Bedingungen in Kolkata. Extreme Wetterverhältnisse mit Starkregen während des Monsuns, Zyklonen und großer Hitze im Sommer sowie die sehr hohe Luftfeuchtigkeit mussten berücksichtigt werden. Es mussten deutsche Normen und Gesetze eingehalten und hohe Sicherheitsanforderungen erfüllt werden, da für das Auswärtige Amt gebaut wurde. Die Wasserversorgung in Kolkata ist unzuverlässig, sodass ein Wasserreservoir angelegt werden musste. Auch die Stromversorgung weist Lücken auf, weshalb unterbrechungsfreie Stromversorgung und Generatoren mit eingeplant werden mussten. Rettungswege nach deutschen Normen zu planen, ist sinnlos, da man keinesfalls damit rechnen kann, dass die Feuerwehr bei einem Brand nach 10 Minuten da ist. Das verhindern schon die vielen Staus in Kolkata. Außerdem sind in Indien nur Bauteile mit britischen und indischen Standards erhältlich. Ohne DIN-Normen und gewerkespezifische Ausführungsrichtlinien mussten alle Details des Baus haarklein festgelegt werden.

Um sich durch den indischen Bürokratiedschungel zu schlagen und alle notwendigen Genehmigungen vor Ort zu erhalten, arbeitete die DGI Bauwerk mit einem indischen Kontaktarchitekten zusammen. Ohne einen solchen Partner vor Ort ist man bei den indischen Behörden vermutlich chancenlos. Ein indischer Generalunternehmer mit Subfirmen übernahm die eigentliche Bautätigkeit und eine deutsche Firma die Sicherheitstechnik.

Insgesamt betrug die Bauzeit 19 Monate. Das ist eine lange Zeit für deutsche Verhältnisse. Zielstrebige Gelassenheit, so Frau Walter, sei die wichtigste Voraussetzung, wenn man in Indien bauen will. Zielstrebigkeit braucht man, da man sonst nie fertig wird – und Gelassenheit damit man nicht verrückt wird. Völlig unterschätzt wurden die vielen Widrigkeiten, die das Arbeiten in Indien doch sehr verlangsamen. Durch die vielen Religionen in Indien gibt es auch viele religiöse Feiertage. Zwar hatte der indische Bauunternehmer bereits Arbeiter aus allen Religionen angestellt, aber dennoch war die Bautruppe selten vollständig. Religiöse Unruhen wegen eines Urteils im schon seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen Hindus und Moslems wegen einer Moschee in Ayodhya führten zu weiteren, vorübergehenden Arbeitsniederlegungen. Und nach einem Wirbelsturm mit anschließender Überschwemmung fuhren erst einmal alle Arbeiter nach Hause in ihre Dörfer, um nach dem Rechten zu sehen. Erst drei Wochen später erschienen sie wieder auf der Baustelle.

Auch die langen, teilweise nur schlecht kalkulierbaren Lieferzeiten brachten den Zeitplan teilweise gehörig durcheinander. Für Lieferungen aus Deutschland musste etwa ein Vierteljahr Vorlauf einplant werden. Selbst Lieferungen von Mumbai nach Kolkata brauchten neun Wochen. Zum einen ist hier eine Entfernung von rund 2.000 km zu überwinden und die Straßen sind mit europäischen Fernstraßen nicht zu vergleichen. Zum anderen müssen mehrere Bundesstaatsgrenzen überquert werden. Wenn dann die Frachtpapiere nicht vollständig sind, kommt es zu Schwierigkeiten.

Auch beim Personal am Bau gibt es große Diskrepanzen. Zwar sind indische Ingenieure sehr gut ausgebildet, aber das Gefälle zu den Arbeitern ist doch erheblich. Lehrberufe wie Polier, Maurer, Zimmermann, Dachdecker etc. gibt es nicht. Und die ungelernten Arbeiter werden auch nur unzureichend in ihren Aufgabenbereichen angeleitet. Hinzu kommt, dass die indischen Ingenieure Besuche auf den Baustellen möglichst meiden. Die Qualitätskontrolle konnte deshalb nur mit deutscher Unterstützung stattfinden. Bei den Qualitätskontrollen sollte man immer abwägen, ob eine Mängelanzeige wirklich eine Verbesserung für den Bau bedeutet oder ob man nicht auch hie und da ein Auge zudrücken sollte. Bei den Kontrollen wurden jedoch nicht nur Mängel festgestellt. Mit bewundernswerter Präzision, die man in Deutschland so kaum finden wird, sind mit einfachsten Mitteln exzellente Natursteinarbeiten ausgeführt worden. Hier zahlt sich der Langmut der Inder aus, die geduldig so lange an der Plattenverlegung gearbeitet haben, bis alles perfekt saß. Auch die Gartenarbeiten wurden sehr schön.

Arbeitsschutz in Indien ist dagegen ein eigenes Thema: Zwar trugen die Arbeiter auf dem Bau einen Helm, dafür liefen sie aber barfuss in Sandalen oder in Flip-Flops. Die Leitern bestehen meist aus zusammengebundenen Bambusstäben und Mittel zur Beschichtung oder gegen Termiten werden ohne Aufklärung über die damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren benutzt. Insgesamt gibt es wenig Geräte und Hilfsmittel, dafür umso mehr Personal.

Von der Mentalität her sind Deutsche und Inder doch sehr unterschiedlich. Unser Streben nach Perfektion wird in Indien kaum verstanden. Pünktlichkeit ist nicht so wichtig und Kritik wird von Indern nicht nur ungern angenommen, sondern auch ungern ausgesprochen. Das ging so weit, dass der indische Subunternehmer es einfach nicht fertigbrachte, die Annahme teurer, aber falsch gelieferter Bauteile zu verweigern und mit der Lieferfirma deswegen zu streiten. Formalitäten wurden von indischer Seite auch nicht sehr ernst genommen. So wurden Nachtragsangebote oft erst nach der Fertigstellung gemacht – allerdings auch ohne Kostenüberraschungen. Es gab keine detaillierte Ausführungsplanung aus Indien und die Übergabedokumentation, die für das Auswärtige Amt besonders genau sein muss, konnte nur mit mühevoller Unterstützung von deutscher Seite erstellt werden. Dennoch hat die Zusammenarbeit letztlich gut funktioniert, denn die Inder sind im Allgemeinen sehr lern- und anpassungsfähig. Wenn es Probleme gab, hat man sich zusammengesetzt und nach Lösungen gesucht.

 

Letztendlich war dieses deutsch-indische Projekt sehr erfolgreich. Die neue Visastelle ist ein schöner Bau geworden, der perfekt an die lokalen Bedingungen angepasst ist. Die Nutzer in Kolkata sind sehr zufrieden, denn das Klima in den Räumen ist sehr angenehm und der schöne Garten blieb trotz der Bauarbeiten erhalten. Alle Probleme konnten gemeinsam am runden Tisch gelöst werden und der Kostenrahmen wurde eingehalten. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Inder, das gegenseitige Vertrauen und die Verlässlichkeit haben eine angenehme Arbeitsatmosphäre geschaffen. Wenn man gelassen bleibt, sich etwas mehr Zeit nimmt als im termingetriebenen Europa und ein wenig vom deutschen Perfektionsstreben Abstand nimmt, ist Bauen in Indien ein Abenteuer, aus dem man viele wertvolle Erfahrungen, neue Erkenntnisse und sehr angenehme Begegnungen mit Menschen mitnehmen kann. Die DGI Bauwerk ließ sich von ihren Erlebnissen in Kolkata jedenfalls nicht abschrecken: Die nächsten Projekte – Aus- und Umbau des Generalkonsulats und die Sanierung des Goethe-Instituts in Bangalore – sind bereits in Arbeit.