
Fährt man heute durch die Millionen-Metropole Neu Delhi, so kann man sich kaum vorstellen, dass die Stadt erst vor 100 Jahren gegründet wurde. Doch es stimmt: Am 15. Dezember 1911 legt König Georg V. den Grundstein für seine neue Hauptstadt in Indien. Damals, unter den Briten, lag das Machtzentrum des indischen Subkontinents noch in Kalkutta (heute Kolkata).
Die Briten hatten Delhi kurz vorm Jahreswechsel 1803/1804 erobert, ließen den gestürzten Moguln jedoch Titel und Privatbesitz. Dennoch waren sie faktisch Kolonialherren in Indien. 1857 versuchte Großmogul Bahadur Shah Zafar II. von Delhi, der alten Hauptstadt des muslimischen Mogulreiches, aus einen Aufstand zu lenken. Zwar konnten die Briten die Stadt nach wenigen Monaten wieder zurückerobern, aber der Widerstand der Muslime war noch längst nicht gebrochen. 1858 wurde Indien offiziell britische Kronkolonie. Immer wieder kam es in den folgenden Jahrzehnten zu gewaltsamen Unruhen – vor allem in Bengalen. Der britische König sah sich veranlasst, die Hauptstadt in das Anfang des 20. Jahrhunderts relativ ruhige Delhi zu verlegen.
Südlich des alten Stadtkerns von Delhi, in der Gegend um den Raisina Hill, entstand nach den Entwürfen der britischen Architekten Edwin Lutyens und Herbert Baker eine Reißbrettsiedlung nach dem Vorbild einer britischen Gartenstadt. 1931 wurde Neu Delhi eingeweiht. Direkt auf dem Hügel entstand der prächtige Präsidentenpalast Rashtrapati Bhawan, flankiert von eindrucksvollen Regierungsgebäuden. Eine königliche Magistrale erstreckt sich von dort bis zum All India War Memorial, einem Triumphbogen zu Ehren indischer Kriegsgefallener, der heute India Gate genannt wird.
Nach der Unabhängigkeit wird Neu Delhi am 15. August 1947 Hauptstadt und Regierungssitz der Republik Indien. Zwei Drittel der damals rund 900.000 Einwohner waren Muslime. Durch die Abspaltung Pakistans und die Gründung eines muslimischen Staates auf pakistanischem Gebiet kam es damals zu einer millionenfachen Völkerwanderung: Hindus zog es in die Indische Union, Muslime wanderten nach Pakistan. Viele Hindus und Sikhs aus dem Punjab siedelten sich in Delhi an, sodass sich die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre verdoppelte. Jahrzehntelang prägten Flüchtlingslager das Stadtbild. Unzählige neue Siedlungen wurden bis Ende der 1960er Jahre gebaut. Diese Stadtteile sind heute der Kern der Metropole. Schließt man die Vororte mit ein, leben heute in Delhi und Neu Delhi über 16 Millionen Menschen. Das eigentliche Neu Delhi, das nur rund 42 km2 umfasst, hat jedoch nur knapp 250.000 Einwohner. Dennoch: Nach Mumbai ist die Metropole Delhi heute Indiens zweitgrößte Stadt.