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Tourismus
Zwei Nächte in der Wüste Thar

Bild: Johanna Eiche

„You sure you want only one and half day?" fragt mich Sebastian, „I think you want two and a half days." Sebastian heißt sicherlich nicht Sebastian, sondern Abdul oder Arun oder Akosh, aber Sebastian gefällt ihm wohl besser und außerdem ist das einfacher für die Touristen. Touristen wie mir und meiner neuen Freundin Anja aus London. Kennengelernt haben wir uns vor 5 Tagen im schönen, heiligen Pushkar und dann beschlossen, unsere Tour durch den Bundesstaat Rajasthan gemeinsam fortzusetzen. Jetzt sind wir im goldenen Jaisalmer, der Wüstenstadt, deren Bild von einem riesigen Fort dominiert wird. Jaisalmer ist bekannt für dieses Fort und gilt, dank seiner Wüstennähe, als idealer Ausgangspunkt für Kameltrecks durch die Thar Wüste. Seit mir der Londoner Musiker Nigel beim Frühstück in einem Mumbaier Hostel erzählt hat, dass er zwei Wochen durch die Wüste reiten wird, steht für mich fest, dass auch ich Indien nicht ohne nachweislichen Kamelkontakt verlassen werde.

Und so sitze ich jetzt bei Sebastian, der mich von der Notwendigkeit eines längeren Wüstenaufenthaltes überzeugen will. Das Schönste an der Wüste seien die Nächte sagt er, die Kameltreiber würden für uns kochen und am Lagerfeuer Lieder singen, außerdem hätten wir noch nie so viele Sterne gesehen, wie wir dort sehen könnten. Wenn ich nur anderthalb Tage ginge, hätte ich ja nur eine Nacht in der Wüste, viel besser seien doch zwei, zumal man die erste nicht so genießen könnte wie die zweite Nacht, in der man die ungewohnte Umgebung schon kenne. Außerdem sind Sebastians Kameltouren die besten, er habe Happy Camels, aller Müll werde entweder direkt verbrannt oder wieder mitgenommen, zum Frühstück bekämen wir Porridge, Toast und soviel Chai wie wir wollten und wenn wir nach der Tour gleich weiterreisen wollten, dürften wir in seinem Hotel duschen.

Obwohl ich schon vier Monate in Indien unterwegs bin, erliege ich doch immer wieder den indischen Überredungskünsten und auch Anja ist Sebastians Verkaufstalent gegenüber nicht resistent. Eigentlich ist sie an Kamelkontakt überhaupt nicht interessiert und hat mich nur zufällig in sein Büro begleitet, doch die Wüstennachtbeschreibungen wecken auch ihr Interesse. Statt einmal anderthalb Tage verkauft Sebastian schlussendlich zweimal zweieinhalb Tage Wüstentrip, nicht ohne uns noch zu versprechen, schöne männliche Mitreitende für uns auszusuchen.

Zwei Tage später finde ich mich auf dem Rücken Morias wieder. Moria ist gefühlte 15 Meter hoch und der auserkorene Liebling meines Kamelführers Ibrahim. Während wir zu dritt durch die Gegend stapfen erzählt er mir von seinem Leben. Von September bis April ist er mit Kamelen und Touristen in der Wüste unterwegs, den Rest des Jahres kümmert er sich um die Tiere. Wenn er von den Touristen Trinkgeld bekommt, kauft er „Jaggery", Rohrzuckermasse, für die Kamele und auch die glöckchenverzierten Fußreifen, die Moria zum schönsten Kamel der Truppe machen, hat Ibrahim ihm gekauft. Lesen und schreiben kann er nicht, Englisch hat er durch den Kontakt mit Touristen gelernt.

Nach zwei Stunden auf Morias Rücken rasten wir zum ersten Mal im Schatten eines Baumes. Während wir unsere Beine strecken und uns ausruhen, sind die fünf Kameltreiber beschäftigt. Sie befreien die Kamele von ihren Lasten, binden ihnen die Vorderfüße zusammen, um sie am Weglaufen zu hindern, kochen Tee, Reis und Gemüse und backen Brot. Wir nutzen die Zeit, um unsere Mitreisenden kennenzulernen: Niklas, Gustav, Sven, Marianna und Kathrin aus Schweden haben sich in Karnataka kennengelernt, gemeinsam mit der Kanadierin Ashley sind sie nach Rajasthan gekommen. Micha aus Bayern wird nicht müde zu erzählen, dass er mit seinen zwei Abschlüssen ja jeden Job haben könnte, aber sich nicht entscheiden kann und deshalb noch ein bisschen reisen möchte. Er liest ausschließlich Sachbücher und kann nicht verstehen, wie man sich für ein unlukratives, geisteswissenschaftliches Studium entscheiden kann. Wo genau die schönen Männer sein sollen, die Sebastian für Anja und mich ausgesucht hat, ist mir noch nicht so ganz klar.

Nach dem Mittagessen wird geruht, um am späten Nachmittag dann erfrischt weiterzureiten. Nach zwei bis drei weiteren Stunden auf dem schaukelnden Kamelrücken erreichen wir dann unseren Nachtlagerplatz, leider zwanzig Minuten zu spät, um die Sonne hinter den Sanddünen versinken zu sehen. Die Kameltreiber zünden ein großes Feuer an, backen Brot, kochen Reis und Gemüse. Wir strecken unsere durchgeschüttelten Beine, lassen uns bekochen und wärmen uns am Feuer. Nach dem Essen wird gesungen, das traurige Lied ist das Abschiedslied einer Prinzessin für ihren nicht standesgemäßen Liebsten. Gespannt warte ich auf die nächste Darbietung, doch auch Niklas ist ein großer Musiker, zumindest hat er seine Gitarre dabei und gibt seine Kompositionen zum Besten. Die Gitarre wandert zwischen indischen und europäischen Händen hin und her, doch keinem gelingt es, auch wirklich ein Lied auf ihr zu spielen. Als Gustav sich an Brian Adams versucht, beschließe ich, dass es an der Zeit ist, schlafen zu gehen. Die Wüstennacht ist kalt und klar und man könnte sicherlich auch viele Sterne sehen, wenn nicht gerade Vollmond wäre. An ungewöhnliche Schlafstätten habe ich mich mittlerweile gewöhnt und so schlafe ich tief und fest und lasse mich am nächsten Tag vom Sonnenaufgang wecken.

Nach einem sehr indischen Frühstück – es gibt Toast, Marmelade und Erdnussbutter – schwingen wir uns wieder auf unsere Wüstenschiffe. Ich genieße die Stille und lasse die Landschaft auf mich wirken. Die Thar ist nicht die Sahara und statt unbelebter großer Sandflächen und hoher Dünen schreitet Moria durch Dornensträucher und an blühenden Wüstenbäumen vorbei. Einmal sehen wir ein paar Gazellen davonspringen, Schlangen begegnen wir glücklicherweise nicht, laut Ibrahim halten sie noch Winterschlaf und ich beschließe ihm das zu glauben. Ganz besonders beeindruckend sind allerdings auch die vielen Windturbinen, die am Horizont und ganz nah neben uns zu sehen sind. Nach ein paar Stunden auf dem Kamel, protestieren meine Beine und ich beschließe, Moria von meinem Gewicht zu befreien und die Wüste zu Fuß zu erleben. Das lohnt sich durchaus, wird von Micha jedoch mit verächtlichen Blicken bedacht, er würde sich lieber die Hand abhacken als freiwillig zu gehen, lässt er mich wissen und außerdem habe er ja fürs Kamelreiten und nicht fürs Kamelführen bezahlt. Ich ziehe Morias Gesellschaft der seinigen eindeutig vor und lasse ihn gerne an mir vorbeireiten.

Am Abend genießen wir den Sonnenuntergang auf richtigen Bilderbuchsanddünen und lassen uns von den Kameltreibern ihre ganz eigene Version von ‚Barbie Girl’ vorsingen. Insbesondere der Refrain – ‚I’m a camel man in this bloody sand, come on camel let’s go desert’ – beeindruckt mich zutiefst, genauso wie ihr weiser Ausspruch ‚no chapatti no chai, no woman no cry, no chicken no curry, no worry no hurry’ über dessen tieferen Sinn ich noch meditiere.

Ein letztes Mal genieße ich die Wüstennacht und den Sternenhimmel und lasse mich vom Sonnenaufgang wecken. Wie um sich zu verabschieden, reibt Moria beim letzten Ritt seine Nase an meinem Bein und hinterlässt dezente Schnodderspuren ‚Moria love you and you love Moria’ kommentiert Ibrahim. Ich drücke ihm zum Abschied ein paar Rupien in die Hand und freue mich auf die baldige Dusche.

Johanna Eiche, Freie Journalistin

 

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