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Sinn und Unsinn von Delegationsreisen nach Indien

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister und VW Vorstand Martin Winterkorn mit indischem Konzernmitarbeiter im neuen VW-Werk in Pune

Kommentar von Sven Andreßen

Warum finden Delegationsreisen statt? Die Antwort darauf lautet: Um Kontakte zu knüpfen. Nicht so eindeutig ist es, mit wem diese Kontakte geknüpft werden sollen. Jedenfalls entstehen Kontakte unter den Delegationsteilnehmern selbst. Eine Garantie für Kontaktanbahnungen mit Partnern aus dem Zielland der Delegationsreise ist nicht immer sichergestellt und auch oft gar nicht so wichtig. Auf Politikerdelegationsreisen z.B., will man in erster Linie dem reisenden Politiker nahe sein. Wann hat man sonst die Gelegenheit, so lange und so nah mit dem Minister oder Ministerpräsidenten zusammen sein. Und auf so einer Indienreise wird sicherlich nicht nur über Indien gesprochen.

Gerade zu Ende gegangen ist die Reise des niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister. Kurz zuvor war Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle in Indien. Hier zeigen sich zwei gänzlich verschiedene Arten von Politikerdelegationsreisen. Brüderles Hauptaufgabe war die politische Flankierung von wichtigen wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Indien. Der Bundeswirtschaftsminister muss Flagge zeigen, damit z.B. EADS seine Chance auf den Großauftrag für die 126 Kampfjets aufrechterhalten kann, mit dem Indien seine Luftwaffe modernisieren will. Bei der Konkurrenz aus Frankreich, USA, Russland und Großbritannien ist diese Aufgabe mit Nicolas Sarkozy, Barack Obama, Dimitri Medwedjew und David Cameron sogar Chefsache. Zudem gilt es auch die Bedingungen von deutschen Großkonzernen in Indien zu verbessern. Die deutschen Versicherungskonzerne möchten z.B., dass sie statt der bisher erlaubten 26%-igen vielleicht 49%-ige oder gar 51%-ige Anteile an Versicherungsunternehmungen in Indien halten dürfen, weil im indischen Versicherungssektor gerade sehr viel Geld verdient werden kann. Und da sind 49 oder 51 nun mal besser als nur 26 Prozent. Gerne würde die deutsche Industrie auch wieder Atomkraftwerke an Indien liefern, aber dafür sind noch viele Widerstände zu überwinden, die die anderen Industrienationen für sich nach und nach überwinden. Für solche und ähnliche Aufgaben haben regelmäßige Besuche von deutschen Bundesministern in Indien einen Sinn. Steter Tropfen höhlt den Stein - und die deutschen Interessen werden so von Rainer Brüderle in einer angemessenen Weise vertreten.

David McAllister hingegen hatte seine Delegationsreise praktisch von Christian Wulff geerbt. Nur schwer war diese Delegation von einer VW-PR-Aktion zu unterscheiden. Andere niedersächsische Firmen waren in der durchaus breiten Berichterstattung über die Reise nicht zu sehen. Überhaupt wurde seine Delegation hauptsächlich in Deutschland wahrgenommen. In der indischen Presse fand sie keinen nennenswerten Widerhall. McAllister zeigte sich allerdings medial gut vorbereitet. Von kaum einer deutschen Ministerpräsidentenreise nach Indien gibt es mehr veröffentlichte Bilder. Der niedersächsische Ministerpräsident hinterließ mit seinem perfekten Englisch sicherlich auch einen guten Eindruck in Indien. Sogar der indische Premier Manmohan Singh gewährte McAllister ein Vieraugengespräch. Aber McAllister ist nicht nur ein Regierungschef eines deutschen Bundeslandes, sondern in den Augen Indiens wegen der Beteiligung Niedersachsens and VW in erster Linie ein Vertreter des größten deutschen Direktinvestors in Indien. Auch an dem von Volkswagen zur Verfügung gestellten Transport seines gepanzerten Dienstwagens der Marke VW wurde ersichtlich, dass McAllisters Besuch in Indien keine ganz normale Politikerdelegationsreise war. Leider beraubte diese „Dienstwagenaffäre“ seiner Delegationsreise ein Stück ihrer Glaubwürdigkeit, weil nicht immer klar war, ob der Politiker die Unternehmen oder das Unternehmen den Politiker mitreisen ließ.

Es gibt ein altes buddhistisches Gebot, das wie der Buddhismus selbst bekanntlich aus Indien stammt. Es lautet: „Nimm’ keine Geschenke an!“ Denn schon um 500 v.Chr. wussten die alten Inder, dass jedes angenommene „Geschenk“ eine Verpflichtung gegenüber dem Schenkenden in sich birgt.

 

sa

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