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Kultur
Interview mit Atul Bhalla - ein Teil des Yamuna-Elbe-Projekts

Atul Bhalla - "I was not waving but drowning"

Atul Bhalla (1964) stammt aus Gurdaspur im nordwestindischen Punjab nahe der Grenze zu Pakistan. Er studierte Kunst in Delhi und Illinois. Das Werk des in Delhi lebenden Künstlers kreist immer wieder um das Thema Wasser und den Yamuna-Fluss, der seine Wahlheimat Delhi durchfließt. Wasserknappheit, Wasserverschmutzung und der Umgang mit dem lebenswichtigen Element finden sich in vielen seiner Arbeiten wieder. Während der India Week Hamburg 2011 werden seine Werke in der Speicherstadt und entlang der Elbe zu sehen sein.

 

Indien Aktuell: Was ist Ihre Verbindung zu Hamburg?

Atul Bhalla: Es ist das erste Mal, dass ich in Hamburg und – außer einem Besuch im Karlsruher Technikmuseum – das erste Mal, dass ich überhaupt in Deutschland bin. Jetzt bin ich nur für das Yamuna-Elbe-Projekt für zehn Tage in Hamburg.

Erzählen Sie von Ihren letzten Projekten!

Bei meinen letzten Projekten arbeitete ich immer mit Wasser – als Konzept, als Inspiration und als Material. Seit zehn, zwölf Jahren ist Wasser mein Medium. Meine letzte Inspiration stammt aus dem großen indischen Mythos Mahabharata. Die fünf Pandavas-Brüder, Prinzen im Exil, kommen an einen Körper aus Wasser (einen Fluss oder See). Sie sind sehr durstig, aber bevor sie trinken dürfen, sollen sie einige philosophische Fragen beantworten, die scheinbar das Wasser des Sees selbst stellt. Die jüngeren vier Brüder sind nicht willens die Fragen zu beantworten und sterben einer nach dem anderen, als sie das Wasser trinken. Der älteste und weiseste Bruder Yudhishthir sagt dann: „Prüfe mich!“ Warum kommen die Fragen vom Wasser – von einem Körper aus Wasser? Die erste Frage, die das Wasser stellt ist: „Was ist schneller als der Wind?“ Und der Prinz antwortet: „Gedanken.“ „Was kann die ganze Welt bedecken?“ „Dunkelheit.“ „Wer hat mehr Humor? Die Lebenden oder die Toten?“ „Die Lebenden, denn die Toten sind nicht mehr.“ „Was ist unvermeidbar?“ „Glück.“ „Was ist das größte Wunder?“ „Jeden Tag begegnen wir dem Tod, aber wir leben, als seien wir unsterblich.“ Es ist eine Serie von 54 Fragen. Nachdem er alle Fragen beantwortet hat, darf er trinken und alle seine Brüder werden wieder lebendig. Dieser Test des Wassers ist ein sehr typischer Test in der indischen Mythologie. Das Interessante daran ist, dass er von einem Körper aus Wasser ausgeht. Und es ist, als ob das Wissen im Wasser enthalten ist. Im Falle von Hamburg ist es so, dass es schon den Fluss Elbe gab, bevor Hamburg da war. Bevor die Menschen kamen, war der Fluss bereits vorhanden. Technisch weiß der Fluss mehr als die Menschen oder die Hamburger oder die Geschichtsschreibung. Ebenso in Delhi: Mythologisch weiß der Fluss Yamuna mehr als die Bewohner Delhis. So gesehen ist das Wasser der Träger von Mythologie, Geschichte und Weisheit. Das ist mein Konzept und das ist, woran ich gerade arbeite.

Es gibt von Ihnen bereits eine Konzeptarbeit mit einer Bilderserie im Wasser?

Ja, sie heißt „I was not waving, but drowning“. Es ist eine performative Arbeit, keine Performance. Aber es zeigt, wie ich vor der Kamera eine Handlung vollführe. Auch für Hamburg plane ich etwas Performatives. Mal sehen, was es werden wird. Das meiste ist schon konzipiert, aber es ist noch nicht vollendet. Es wird mit dem Wasser und dem Mahabharata zu tun haben. Es soll Fragen aufwerfen und es wird die Beziehung der Stadt mit dem Fluss widerspiegeln.

Sie wissen, dass das Wasser der Elbe im Oktober schon sehr kalt ist?

Ja, das ist mir klar. Aber als ich im Yamuna war, war es November. Und da ist es auch in Delhi sehr kalt.

Die Verbindung zwischen Hamburg und Delhi ist somit der Fluss und das Wasser?

Das ist die Verbindung und ich versuche die Beziehung zum Fluss zu verstehen. In Hamburg ist es der Hafen. In Delhi der Monsun. Gerade jetzt ist der Fluss über die Ufer getreten und fließt in einer wunderbaren Art und Weise. Den Rest des Jahres ist der Yamuna ein Rinnsal, er wurde eingedeicht und angehalten, sodass kein Wasser im Fluss fließt. Hamburg kann sich glücklich schätzen, so viel Wasser im Fluss zu haben. Das ist ein bedeutender Unterschied.

Sie thematisieren auch den Tod in Ihrem Werk. Die fünf Prinzen sterben. Es gibt eine Arbeit von Ihnen, in der Sie eine Ziege schlachten. Gibt es eine Beziehung zwischen Wasser und Tod?

Viele Leute behaupten, es gäbe eine große Menge Gewalttätigkeit in meinem Werk. Zum Beispiel, wenn ich mich nun ertränke, wenn ich sage „I was not waving, but drowning“. Ist das nun ein Akt der Gewalt? Die Bilder selbst zeigen nicht, dass ich leide. Ich scheine eins mit dem Wasser zu sein. Auch die Ziege war ein Akt der Gewalt, der um das Thema Wasser kreist. Ich wollte mir eine „Mashk“ machen lassen, das ist ein Wasserschlauch aus dem Balg einer Ziege. Bevor es Plastikflaschen gab, war das eine übliche Art Wasser aufzubewahren und typisch in der Umgebung von Moscheen. Jeder durfte kostenfrei daraus trinken, besonders in den Sommermonaten. Also wollte ich mir von den Kureishi-Schlachtern, die in der Regel Muslime sind, aus der Ziege einen Wasserschlauch machen lassen. Einige Leute sagen, dass es da eine selbstverstümmelnde Gewalt in meinem Werk gibt. Aber das ist unterbewusst. Einige Menschen sehen das so, andere nicht.

Sie machen Performances. Wie konservieren Sie Ihre Arbeiten?

Nein, ich mache performative Kunst. Das heißt, ich lade keine Zuschauer ein. Nur ich und die Kamera. Ich agiere und nur die Kamera ist Zeuge. Das nenne ich performative Kunst. Ich bin zu schüchtern, um vor einem Publikum aufzutreten. (lacht) Ich fotografiere auch viele Landschaften. Allerdings wird mir vorgeworfen, dass meine Werke zu sauber seien. Aber Umweltverschmutzung ist ein anderes Thema.

Wird von indischen Künstlern eigentlich immer eine gewisse „Indianness“ bzw. ein indisches Lokalkolorit erwartet? Ihre Arbeit ist natürlich indisch, aber das scheint mir bei Ihnen nicht beabsichtigt zu sein.

Ja, danke für die Frage. Ich glaube auch nicht an das neue Klischee des Indisch-Seins, um erkennbar zu sein. Aber ich bin in dem Sinne ein Heimatkünstler, als dass ich aus Delhi stamme. Nur wenn man in einer Heimat verwurzelt ist, kann man wiederum global werden. Der Fluss ist ein Teil von Delhi und Wasser ist ein Teil von Delhi. Das kommt schon daher, dass man mit der Wasserknappheit aufwächst. Und das ist dadurch wieder ein Teil von mir. Ich benutze keine indischen Symbole und Zeichen, die ein Klischee bedienen. Ich versuche Dinge zu nehmen, die aus mir selbst kommen. Das mache aber nicht nur ich, sondern auch andere indische Künstler. Manchmal bevorzugen die Museen und der Westen eher etwas, das nach Indien aussieht. […] Manchmal sieht der Westen nur, dass die Dritte Welt vom Westen her beeinflusst ist. Sie suchen nur nach dem Klischee und wie sie selbst Indien sehen. Aber Indien hat sich verändert und ist sehr komplex geworden. Es gibt Menschen, die noch im Mittelalter leben und andere im 21. Jahrhundert. Alles ist gleichzeitig sichtbar. Der Westen sieht nur das alte Indien als authentisch an. Das neue Indien sieht genau wie der Westen aus – aber auch das ist Indien.

Haben Sie schon etwas für Hamburg geplant?

Ich habe etwas in Gedanken. Ich bin am Fluss von Wedel nach Hamburg gelaufen und habe mich inspirieren lassen. Ich war vom Grün überrascht. Ich hatte mehr Fabriken und Container erwartet, aber ich glaube, das liegt auf dem anderen Ufer.

Sie mögen den Fluss?

Ich liebe den Fluss und wie er über die Kanäle in die Stadt hineinreicht. Die Seen (Alster) sind sehr interessant und die Menschen leben mit dem Fluss.

Entwickelt sich das Konzept?

Ja, etwas entwickelt sich. Es wird sich um die Fragen (an die Pandavas) herum herausbilden. So als ob das Wasser die Fragen heute stellt. Wenn das Wasser fragt, was die Welt bedecken kann. In einer Umweltkatastrophe kann Wasser die Welt bedecken. Im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung. Das Wasser wird fragen, was wird meine Niederlage sein. Der Arbeitstitel meines Werkes hier wird auch sein „What will be my defeat?“. Der Fluss Elbe bzw. Yamuna wird fragen: „What will be my defeat?“ All diese Fragen wird das Wasser von heute fragen. Fragen aus dem Mahabharata, aber im aktuellen Kontext.

Wird der Durchschnittshamburger die Fragen der Pandavas kennen?

Er wird sie vielleicht nicht kennen, aber die Fragen sind universell und setzen keine Kenntnis des Mahabharata voraus. Niemand kann die Frage „What will be my defeat?“ beantworten. Ich lasse das Publikum lieber mit der Frage zurück. Wir vernichten normalerweise das Wasser bzw. vernichten uns selbst damit. Fragen der globalen Erwärmung, steigende Wasserpegel, Überflutungen. Hier sind überall Deiche, aber wie hoch kann man die Deiche noch bauen? Ich stelle die Frage aber nicht als journalistische Frage, aber ich möchte die Frage dem Hamburger Publikum zurücklassen.

Macht es einen Unterschied in der Betrachtung des Wassers, wenn es in Hamburg üblicherweise einen Überfluss und in Delhi einen Mangel davon gibt?

Ich bin erst zum zweiten Mal hier und werde noch ein drittes Mal kommen. Man kann den Diskurs nicht einfach transplantieren. Man muss die Stadt erst kennenlernen und auch dann ist es nur ein Versuch. Mein Werk hier wird der Versuch sein, die Elbe zu verstehen.

In Delhi ist es eher der Wassermangel?

Niemand, der nicht in Indien war, versteht das. Wo ich lebte, gab es immer nur zwei Stunden Wasser am Tag, eine Stunde am Morgen und eine Stunde am Abend. Da hieß es, mit einem Eimer Wasser auskommen. Heute haben wir Wassertanks und pumpen entsprechend morgens und abends den Tank voll. Aber die Wasserknappheit ist allgegenwärtig. Das ist anders in Hamburg und stellt einen Teil der Herausforderung dar. Hier gibt es einen Überfluss, aber die Fragen um das Wasser bleiben die gleichen. Es scheint sehr sauber zu sein, aber ihr habt den Fluss viele Jahre lang gereinigt. Es stellen sich Fragen zu den Deichen, aber auch zu belastetem Grundwasser. Ein Experte sagte mir, dass Hamburg sein Wasser aus dem weiteren Umland beziehen muss, weil das Grundwasser in Hamburg nicht trinkbar sei. Das Wasser der Elbe sieht sauber aus, weil kein Müll darin schwimmt, aber Umweltverschmutzung sieht man nicht immer. 

(Das Interview führte Sven Andreßen, Chefredakteur Indien Aktuell)

 

Weitere Informationen finden sich im Programm der India Week Hamburg 2011 unter: www.indiaweek.hamburg.de

 

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