

Der organisierte Einzelhandel in Indien 2007 (Images Group)![]()
von Susanne Weller
Die Finanzkrise und die sie begleitende Kreditverknappung sind im Westen in vollem Gange, und Analytikern zufolge werden die Konsequenzen, wenn auch zeitlich verzögert, ebenso in Asien - Indien und China eingeschlossen - spürbar werden. Die Einbrüche des Dow Jones und des FTSE haben bereits eine Reihe von verheerenden Kurseinbrüchen an der indischen Börse hervorgerufen.
Doch das sind alles äußerliche Phänomene, die oft aus einem Gefühl universeller Panik unter den Kapitalanlegern dieser Welt angetrieben werden. Denn, was den Einzelhandel betrifft, gibt es in dieser Branche nicht zu viele Anzeichen für eine Verlangsamung oder Rückwärtsbewegung. Ja, es herrscht sicherlich Vorsicht unter den Einzelhändlern und Immobilienbetreibern, aber das ist auch ein wichtiger Bestandteil des natürlichen Vorgangs einer „Marktkorrektur“.
Alle Wirtschaftsexperten wissen, dass Schwankungen am Börsenmarkt oft das Ergebnis einer Massenhysterie oder Psychologie sind und sehr häufig nichts mit der Stärke einer Wirtschaft zu tun haben. Als die Inflationsrate in Indien zu einem früheren Zeitpunkt dieses Jahres 13% betrug, angetrieben durch Nahrungsmittelknappheit und einem Rohölpreis von über US$ 140, bestand die Angst, dass die Krise vor allem indische Einzelhändler treffen würde. Jedoch haben viele Food – Einzelhändler, um der Krise zu entkommen, innovative Wege gefunden, um den Verbrauchern bessere Angebote und Zusatznutzen anbieten zu können. Und, wie es richtiger Weise von führenden Wirtschaftsexperten vorausgesagt wurde: die Inflationsrate ist bereits unter 11% gesunken, und sie soll in den nächsten 3 Monaten sogar auf 9% oder noch weniger fallen.
Indiens bedeutendster Hypermarkt, Big Bazaar, wurde kürzlich dafür ausgezeichnet, die einzige Hypermarkt-Kette der Welt zu sein, die es geschafft hat, 100 Filialen innerhalb von nur 7 Jahren, der kürzeste Zeitraum aller Zeiten, auf der Grundlage organischen Wachstums zu errichten. Retailer aller Sparten, von der Mode über Sportbekleidung zu elektronischen Medien und Heimausstattung, eröffnen einen Laden nach dem anderen, und internationale Marken drängen weiter in den indischen Markt. Erst vor kurzem, am 29. Oktober 2008, hat DELL seine ersten exklusiven Marken-Shop in Indien eröffnet – in New Delhi und Coimbatore.
Wahr ist, da sich das Wachstum in den Heimatmärkten verlangsamt und die Verbraucher vorsichtiger werden, dass Europas und Amerikas führende Einzelhändler ihr Augenmerk auf die starken Schwellenländer wie Indien richten, um das Wachstum anzuschieben.
Wahr ist auch, dass der organisierte Einzelhandel in Indien einen Wert von Rs. 2,30,000 Crore (ca 38 Milliarden Euro) überschreiten wird, und bis 2010 13% des gesamten Einzelhandelsmarktes ausmachen wird. Darüber hinaus wird die Branche, ebenfalls bis 2010, 15 Millionen Jobs direkt und indirekt bereitstellen. Im „India Retail Report 2009” ist zu lesen, dass angesichts des schnellen Wachstumstempos im indischen Einzelhandel erwartet wird, dass dieser Markt (zu geschätzten aktuellen Preisen) bis 2010 über Rs.18,10,000 Crore (ca 296 Milliarden Euro) wert sein wird.
“Das Gebot der Stunde ist es, alle Akteure für die Veränderungen, die der moderne Einzelhandel unserem Land bringen kann, zu sensibilisieren. Wir müssen eine Plattform der Zusammenarbeit zwischen Einzelhändlern und anderen Akteuren entwickeln, die ein weiteres Branchenwachstum ermöglicht. Und als Einzelhändler müssen wir uns darauf konzentrieren, wie wir Marktinnovationen schaffen können, die den Konsum anregen“, sagt Kishore Biyani, CEO der Future Group.
Der indische Einzelhandelsmarkt hatte 2007 einen Gesamtwert von Rs. 1.330.000 Crore mit einem jährlichen Wachstum von 10,8%. Nur ca. 5,9% davon (Rs 78.300 Crore) entfielen auf den organisierten Einzelhandel. Aber dieser moderne Part des Einzelhandels wuchs im Jahr 2007 mit 42,4%, und es wird erwartet, dass sich in den nächsten drei Jahren die Wachstumsraten noch beschleunigen.
Der steigende Konsum wird schließlich auch die indische Wirtschaft dazu drängen, sich auf Wachstum und Liberalisierung des Marktes einzustellen. Der indische Markt bleibt spannend; trotz der Senkung der Wachstumsprognose von 9% auf 7-8% für das laufende Geschäftsjahr, ist Indien ein vielversprechendes Gebiet für langfristige Investitionen. Und jeder Einzelhändler, der die jetzige Krise nicht überstehen kann oder will, wird nicht überleben.
DER VERTIKALE EINZELHANDEL
Im gesamten Retail-Umsatz Indiens 2007 sind Lebensmittel mit einem Wert von Rs. 792,000 Crore und 59.5% Anteil die dominierende Kategorie, gefolgt Bekleidung und Accessoires mit 9.9% Anteil und einem Wert von Rs.131,300 Crore.
Interessanterweise hat der Außer-Haus-Markt (Catering) (Rs. 71,300 Crore) die Rubrik Schmuck (Rs. 69,400 Crore) überholt und ist somit die drittgrößte Kategorie mit 5,4% Marktanteil. Diese Zahl spiegelt in hohem Maße die Jobmöglichkeiten für junge Inder im Dienstleistungssektor wider genauso wie die sich ändernden Lebensstile der Verbraucher.
Langlebige Konsumgüter (Rs. 57,500 Crore) sind die fünftgrößte Einzelhandels-Kategorie gefolgt von Gesundheit und Arzneimitteln (Rs.48,800 Crore), Unterhaltungsindustrie (Rs.45,600 Crore), Möbel, Einrichtungsgegenstände (speziell Wohntextilien) und Küchengeschirr (Rs.45,500 Crore), Mobiltelefone und Zubehör (Rs.27,200 Crore), Leisure Retail (Rs.16,400 Crore), Schuhe (Rs 16.000 Crore), Dienstleistungen für Gesundheitsvorsorge und Schönheitspflege (Rs 4.600 Crore) und Uhren und Brillen (Rs 4.400 Crore).
Im organisierten Einzelhandel sieht das Bild insgesamt anders aus. Bekleidung und Mode-Accessoires sind die größte Kategorie mit 38,1% Marktanteil und einem Wert von Rs. 29,800 Crore, gefolgt von Lebensmitteln mit 11.5% und einem Wert von Rs. 9,000 Crore und Schuhen mit 9,9% und Rs .7,750 Crore Anteil am organisierten Einzelhandel. Langlebige Konsumgüter mit 9,1-Prozent-Marktanteil stehen auf dem vierten Platz (Rs.7,100 Crore), und der Außer-Haus-Markt (Catering) sowie Möbel, Einrichtungsgegenstände und Küchengeschirr folgen.
Uhren (48.9 %) und Schuhe (48.4 %) sind die Rubriken mit dem höchsten Anteil im organisierten Einzelhandel, es folgen Kleidung und Mode-Accessoires, die 22,7% vom organisierten Handel mit ausmachen.
Der Einzelhandels-Markt für Mobiltelefone und Zubehör hat 2007 mit 25,6% das schnellste Wachstum erzielt, die anderen zwei prominenten Kategorien sind der Außer-Haus-Markt (Catering) mit 25,1% und Bücher, Musik und Geschenke mit 23,3% Wachstum.
Im organisierten Einzelhandel jedoch wurde das schnellste Wachstum in der sehr kleinen Rubrik der Dienstleistungen für Gesundheitsvorsorge und Schönheitspflege (Rs. 660 Crore) registriert, die mit 65% im Laufe des Vorjahrs gewachsen ist. Wieder eine Bestätigung für den wachsenden Beschäftigungsmarkt im Dienstleistungs-Sektor, der eine angemessene Beachtung verdient.
Das zweitschnellste Wachstum in den Kategorien des organisierten Einzelhandels ist bei der Unterhaltungsindustrie (53.8%), bei Mobiltelefonen und Zubehör und im Lebensmittel-Einzelhandel (jeweils 55,2% Wachstum im Jahr 2007) zu finden.
Viele der erstaunlichen Wachstumsmöglichkeiten im Catering-Service (25.1 %) und Leisure Retail (23.3 %) wurden vom unorganisierten Handel genutzt, weil die organisierten Einzelhändler mit der erwünschten Wachstumsdynamik nicht schritthalten konnten. Bei genaueren Betrachten dieser Kategorien stellt man sogar fest, dass sich das Wachstum hier (bei konstanten Preisen) von 2006 auf 2007 verlangsamt hat (von jeweils 41.7% und 26.1% auf jeweils 37% and 25%).
Durchweg positiv ist seit 2004 das Wachstum in der Kategorie der Mode und Accessoires sowohl auf dem gesamten Markt als im organisierten Einzelhandel. Während der gesamte Markt (auf der Basis von konstanten Preisen) 2007 um 12,8% wuchs, waren es im organisierten Einzelhandels-Markt 35,5% Wachstum.
Im Schmuck-Einzelhandel, war das gesamte Marktwachstum 2007 (verglichen mit dem Vorjahr höher (9.6 % zu 9,2%), aber das Wachstum in organisiertem Einzelhandel war 2007 mit 31% ein wenig niedriger als im Vorjahr.
Das gesamte Marktwachstum in der Kategorie Uhren ist von 10,7% im Jahr 2005 auf 9,7% im Jahr 2006 und danach auf 8,9% im Jahr 2007 gesunken. Jedoch war das Wachstum in organisiertem Einzelhandel 2007 (16.6 %) verglichen mit 2006 (14.8 %) höher. Die Popularität von Mobiltelefonen ist in hohem Maße für das gedämpfte Wachstum in dieser Kategorie verantwortlich, während im organisierten Handel wieder Aufbruchstimmung herrscht wegen der guten Umsätze bei Luxusmarken und weiteren Hi-End-Lifestyle - Produkten.
Der Schuh-Einzelhandel, im Gesamtmarkt ebenso wie im organisierten Einzelhandel, ist Jahr für Jahr schneller gewachsen, aber das Wachstum 2007 war besonders bemerkenswert: 12% Wachstum im Gesamtmarkt gegenüber 9.2% im Jahr 2006 und 42,3% und 36,4% Wachstum im organisierten Einzelhandel in den letzten zwei Jahren. Die globalen Brands haben den Markt vorangetrieben, und die einheimischen Marken scheinen die Herausforderung auch im richtigen Sinne angenommen zu haben.
Das Wachstum im Jahr 2007 im Sektor Gesundheitsvorsorge und Schönheitspflege war bemerkenswert, obwohl es 2007 im Vergleich zum Vorjahr im organisierten Einzelhandel leicht niedriger lag (57,5% statt 59,1%). Die große Nachfrage ist erstaunlich, doch sind es kaum die organisierten Händler des Einzelhandels, die sich damit rühmen können, innovationsfreudige Konzepte und globale Standards anzubieten, die dem Kunden radikal bessere und andere Erfahrungen ermöglichen, als das, was der unorganisierte Handel bereits anbietet. Diese Kategorie muss als „Wellness“-Kategorie positioniert werden. Sie bietet individuelle Dienstleistungen und Synergieeffekte von Gesundheitsvorsorge, Schönheitspflege, pharmazeutische und spezialisierte klinische Dienste zugleich an - und zwar alles an einem Ort.
Eine andere Kategorie, die spezielle Erwähnung verdient, sind Einrichtungsgegenstände und der Möbel-Einzelhandel, wo der gesamte Markt 2007 um 7% wuchs, im Vergleich zu gerade einmal 3,2% im Jahr 2006. Dies ist dem Aufschwung im Häuserbau zu verdanken. Der organisierte Einzelhandel wuchs im Jahr 2007 mit einer Rate von 29,7% sogar noch schneller als im Vorjahr mit 23,1%. Auf jeden Fall sollte der organisierte Einzelhandel diesen Sektor, der einen Wert von Rs 45.500 Crore hat, mehr Beachtung schenken. Ist Indien bereit für Möbel zur Selbstmontage? Vielleicht noch nicht, aber der Markt wird sich sicher in nächsten paar Jahren verändern. Globale Player müssen verstehen, dass indische Wohnungen anders sind, so wie das indische Klima (Temperatur und Umweltverschmutzung) andere Anforderungen stellt und beispielsweise regelmäßige Instandhaltung oder Ersatz der Ware erfordert. Die meisten großen Anbieter, die dieses Marktsegment betreten, experimentieren nur und verlieren dabei auch Geld.
Die Kategorien langlebige Konsumgüter sowie Mobiltelefone und Zubehör sind beide 2007 schneller gewachsen als 2006. Zu konstanten Preisen wuchs der gesamte Lebensmittel-Markt leicht mit 2,3% 2007 im Vergleich zu einem jährlichen Wachstum von 2,2% in den zwei Vorjahren. Aber in dieser Kategorie kocht der organisierte Einzelhandel bisher nur auf Sparflamme: 42,9% 2006, 50% Wachstum 2007 … - das Potential ist noch enorm und in diesem und im nächsten Jahr können hier noch ganz große Sprünge erwartet werden. Denn mit einem Wert von Rs. 9,000 Crore macht organisierte –Food-Einzelhandel erst gerade einmal 1,1% des gesamten Lebensmittel-Einzelhandels aus!
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Susanne Weller
Düsseldorf, 4.11.2008
Die hier aufgeführten Daten aus dem indischen Einzelhandel entstammen dem „India Retail Report 2009“, eine Publikation der Images Group in Delhi/Indien.
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