
Auf dem Weg nach Indien kreiste Bundeskanzlerin zwei Stunden über Ostanatolien, weil der Iran der Kanzlermaschine den Überflug in Richtung Indien verwehrte.
Das Verwirrspiel im osttürkischen Luftraum hatte diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und der islamischen Republik Iran zur Folge und ließ – zumindest medial – Merkels Indienreise fast in den Hintergrund treten. Angeblich soll die Kanzlerin während dem zweistündigen Irrflug, bei dem beinahe das Kerosin ausgegangen sein soll, nicht einmal geweckt worden sein. Ob sie wohl von Indien geträumt hat. In den Köpfen unserer deutschen Politiker ist Indien nämlich schon angekommen. Ich stelle mir das so vor: Angela Merkel entsteigt auf dem Indira Gandhi International Airport dem Flugzeug, die Luft ist schon morgens zum Schneiden dick und sie kann für einen kurzen Moment die Aromen Indiens einsaugen. Dann sitzt sie auch schon wieder in einer gepanzerten und klimatisierten Limousine auf dem Weg zum indischen Premierminister Manmohan Singh.
Der Zeitplan der Bundeskanzlerin und ihrer vier Bundesminister, die sie begleiten, ist eng geknüpft. Indien ist kein Land mehr für einen reinen Freundschaftsbesuch. Indien ist inzwischen wichtig geworden und niemand in Deutschland, nicht einmal die Medien, halten Merkels Besuch in Indien für Polittourismus. Es geht um gemeinsame Träume, von der Anerkennung auf der Bühne. Deutschland und Indien streben beide einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an – wobei Indien wohl ein wenig näher an der Erfüllung seines Traumes dran sein dürfte als Deutschland. Die Führer der großen Industrienationen geben sich in Indien die Klinke in die Hand. Indien fühlt sich selbstbewusst, wichtig und von der Welt angenommen.
In einer unsteten Region des Erdballs und umgeben von lauter schwierigen Nachbarn gilt Indien als Ruhepol. Indien ist der Dreh- und Angelpunkt für den ganzen Süden Asiens, die gute Demokratie, das Wirtschaftswunderland, der Partner der Zukunft und passt so wunderbar ins Konzept. Indien die friedvolle Nation! Alle sprechen Englisch und Indien wirkt gar nicht so bedrohlich wie das mächtige China nebenan.
Die fünf Minister Guido Westerwelle, Annette Shavan, Thomas de Maizière, Hans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer verhandeln derweil über wichtige Dinge, wie Afghanistan, Freihandelsabkommen, duale Berufsausbildung, um dem indischen Facharbeitermangel zu begegnen, Importzölle für Automobilkomponenten, Kampfflugzeuge, Pharmapatente, Marktzugänge für Versicherungen und den Einzelhandel usw. Gleichzeitig wird Angela Merkel der Jawaharlal-Nehru-Preis verliehen – eine Geste der Freundschaft, die sich kurze Zeit später der amerikanische Präsident Barack Obama für den Besuch der Bundeskanzlerin in den USA abgucken wird, um Angela Merkel zu betören. Die Verleihung der indischen Auszeichnung jedenfalls war ein feierlicher Moment, z. B. für Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai, nach eigenen Angaben ein emotionaler Höhepunkt. Für Steinrücke sicherlich ein Augenblick, in dem er wusste, dass Indien in den Köpfen der Deutschen angekommen war.
Und dann ist da noch etwas, Indien ist mehr als Politik und Wirtschaft. Indien ist vor allem eins: ein eigener Kulturkreis mit einer starken Gravitation. Eine fünf Jahrtausende alte Kultur, die gerade 200 Jahre westlichen Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung abschüttelt. Ein neues indisches Selbstwertgefühl ist erwachsen und gebiert eine Dynamik in allen Lebensbereichen. Die Zukunft Indiens scheint weit und offen. Auf einmal haben indische Filme, indische Literatur – auch wenn zzt. noch nur anglo-indische – und die indische Lebensart eine Strahlkraft, die rund um den Globus wirkt. Indien war für viele Deutsche immer ein Gegenpol zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Zur Zeit der letzten Größe Indiens, während der Herrschaft der Großmoguln, war Indien das Märchenland, zur Kolonialzeit ein Abenteuerland, nach dem Zweiten Weltkrieg, während des deutschen Wirtschaftswunders und eine lange Weile danach das Sinnbild von Armut in Asien und gleichzeitig das Aussteigerland für Sinnsucher und Hippies. Und nun? Alles gleichzeitig, plus Wiedergeburt und Wirtschaftswunder. Immer bleibt Indien irreal und bildbehaftet. Es heißt, dass alles, was über Indien gesagt würde, wahr sei, und zugleich das Gegenteil davon auch stimme.
Indien ist in Deutschland ankommen. In biederen Tageszeitungen stehen auf den vorderen Seiten Kommentare über Indien. Unternehmer, Studenten, Rentner, Hausfrauen, Angestellte, Arbeiter, alle lesen ganz nebenbei und wie selbstverständlich von Indien. Einige fahren sogar nach Indien, und niemand, der dort war, kommt zurück, ohne in seinem Innersten von Indien berührt worden zu sein, entweder abgestoßen oder verliebt, aber niemals gleichgültig. Keiner kann sich der Intensität Indiens entziehen, den Gerüchen, der Enge, der Hitze, dem Gemüt der Menschen Indiens. Dem Rückkehrer scheinen die Straßen in Deutschland leer, die Menschen missmutig und das Essen fad zu sein. Indien ist den Deutschen nicht mehr egal. Indien ist den deutschen Köpfen angekommen.
Sven Andreßen (Chefredakteur Indien Aktuell)
INDIEN AKTUELL