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Gesellschaft
Homosexualität in Indien

Homosexualität in Indien zu thematisieren, bringt die Verantwortung mit sich, das Thema nicht unreflektiert eurozentristischen Betrachtungsweisen auszuliefern, sondern es in den Kontext der regionalen Gegebenheiten zu setzen.

Also nicht nur den Blick auf die bekannten Strukturen zu setzen und das zu suchen, was bekannt erscheint und die Abweichung von der erstellten Norm zu exotisieren sowie zum Objekt degradieren. Genau so wurde aber mit dem Thema im Jahr 2009 umgegangen. Viele Zeitungen berichteten über die Legalisierung von Homosexualität in Indien. Damit einher ging nicht nur eine Objektivierung von Homosexualität in Indien, sondern es wurden auch viele fehlerhafte Informationen verbreitet. So muss beispielsweise der Nachricht, dass Homosexualität in Indien nun legal sei, widersprochen werden. Homosexualität als Lebenskonstrukt war juristisch gesehen nicht verboten, wenngleich aber gesellschaftlich nicht denkbar.

Die Section 377 im indischen Strafgesetzbuch, ist für die Repression gegenüber „queeren“ Menschen verantwortlich. Dieser noch aus der Kolonialzeit entstammende Paragraph, verbietet den „Sex wider der natürlichen Ordnung“ und ist somit ein Spiegelbild der Prüderie des 19. Jahrhunderts, mit der Annahme, dass Sex lediglich zum Kinderzeugen (Reproduktion) dient und einen Penis für den Sexualakt voraussetzt. Somit fallen auch heterosexuelle Paare, welche den Oral und Analverkehr praktizieren oder gar verhüten unter diesen Paragraphen. Nichts desto trotz hat dieser Paragraph eher Auswirkungen auf Menschen, die nicht als heteronormativ gekennzeichnet sind. So wurden Transgender, Kothis, Gays, Hijras, Sexarbeiterinnen etc. unter der Androhung des besagten Paragraphen ausgeraubt, vergewaltigt und auf viele andere Weisen missbraucht und unterdrückt. Interessanterweise findet dieser Paragraph keine Anwendung auf lesbische Paare. Denn dieser sieht als Voraussetzung für den Sexualakt den Einsatz eines Penis als notwendig an so dass, Frauen, welche mit Frauen Geschlechtsverkehr haben keinen Sex in diesem Sinn praktizieren. Das betont auch wiederum nur die Vormachtstellung von männlicher Dominanz und schafft viele weitere Probleme für lesbische Lebensweisen. Der Paragraph existiert heute noch. Doch soll nach einem Urteilsbeschluss im Bundesstaat Neu Delhi nicht mehr auf den Bereich des einvernehmlichen Sex’ zwischen Erwachsenen angewendet werden. Dieser Beschluss soll als Präzedenzfall für die anderen Bundesstaaten genutzt werden. Das ist aber nicht bindend und somit muss erst der Oberste Gerichtshof Indiens ein Urteil, welches dann in ganz Indien Gültigkeit hat, fällen. Das wird allerdings noch viel Zeit in Anspruch nehmen.

Dadurch, dass eine „queere“ Lebensweise nicht grundsätzlich verboten ist, haben sich viele Communities bilden können, welche sich Freiräume für ihr Zusammenleben erkämpft haben. Diese Räume werden seit der Umdeutung verstärkt ausgebaut und Bündnisse verschiedenster Interessengruppen bilden sich oder erleben viel Zulauf. Die ersten Erfolge und die Aussichten auf Veränderungen, schüren den Aktionismus der Menschen welcher mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Ebenso wie die Tatsache, dass Homosexualität keine Schublade mit stereotypen Vorstellungen ist und wenig über einen Menschen und die Form zu Leben und zu Lieben aussagt.

Urs Bauerochse

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