

Bild: "Sounds of Heaven", Quelle: Filmbüro Baden-Württemberg![]()
Die hoffnungsvollsten Vertreter der sich verjüngenden Branche in Stuttgart
Mit einer grandios inszenierten Divendämmerung überrascht das 8. Indische Filmfestival ‚Bollywood and beyond’ in Stuttgart das Publikum. Regisseur Nitin Chandrakant Desai schildert in seinem Marathi-Spielfilm ‚Sound of Heaven – The Story of Balgandharvan’ Aufstieg und Fall des bekanntesten indischen Frauendarstellers. Die abgeschminkte Theatergöttin scheitert – als Mann im richtigen Leben. Der Film steht auch für die aktuelle Situation des indischen Kinos.
Tod und Wiedergeburt, der ewige Kreislauf, gibt auch hinter den Kulissen der Filmbranche den Ton an. So erlebt das indische Kino momentan eine Erneuerung. Alte Leinwandgötter verschwinden, neue Gesichter betreten das Scheinwerferlicht der Filmwelt. Die besten, spannendsten und hoffnungsvollsten Vertreter der sich verjüngenden indischen Filmbranche präsentieren ihre aktuellen Werke auf Europas größtem indischem Filmfestival ‚Bollywood and beyond‘ vom 20. bis 24. Juli in Stuttgart.
‚Was für ein sattes Programm. Was für großartige Filme,‘ adelte der Kulturteil der Süddeutschen Zeitung das Festival das vom Filmbüro Baden-Württemberg nun schon zum achten Male auf die Beine gestellt wird. Auch in der neuesten ‚Bollywood and beyond‘-Ausgabe haben Filme, wie sie aus Indien eigentlich nicht erwartet werden, einen festen Platz. Die mehrstündigen Bollywood-Operetten haben sich momentan ohnehin aus der globalen Kino-Championsleague verabschiedet. Das indische Mainstream-Publikum favorisiert vorrangig Comedy. Doch indische Lachnummern wie ‚3 Idiots’ schaffen den Sprung nach anderswo nicht so einfach. Und Dramen und Action sind im Land der Film-Weltmeister gerade weniger gefragt.
Dafür finden cineastische beyond-Glanzstücke weltweit neue Freunde. Die jungen und alten ‚Wilden‘ der Filmbranche stellen alles auf den Prüfstand, was die indische Gesellschaft umtreibt. Liebe, Recht, Sexualität, Tradition, das Nebeneinander der Religionen. Die frische Ernte, die das Festival nach Stuttgart holt, überzeugen - mit Außenseiterballaden, Road Movies, mit Schuss und Gegenschuss auf anrührende, verletzbare Figuren, die über kippenden Grund balancieren.
Keine Rosenblätter regnen auf die Diva Bollywood. In ‚Sound of Heaven‘ verkörpert der Schauspieler und Sänger Narayan Shripad unter dem Künstlernamen Bal Gandharva in Theaterstücken die Frauenrollen. Das war in jenen Tagen, als Theaterbühnen für Frauen eine No-Go-Area waren. Doch längst haben Frauen die Weltbühne erobert. ‚Starke Frauen‘, ein Themenschwerpunkt von ‚Bollywood and beyond‘ 2011, vertauschen als ‚Boxing Ladies‘ ihre farbigen Saris mit Sportswear und Boxhandschuhen. Sie schaffen den Sprung vom armen Dorfmädchen zur modernen Heiligen, die sich für Waisenkinder engagiert. Sie begnügen sich nicht mit dem kleinen Kuchenstückchen, das ihnen die Gesellschaft zugesteht; starke Inderinnen kämpfen für ihre Rechte. Sie sind widerspenstig.
Die Regisseure der Stunde malen ihre Geschichten, die sie aus dem gewaltigen kollektiven Gefühlsrepertoire schöpfen, in Schönschrift oder harten Linien auf die Leinwand. Die bunten Lebensbilder blicken in dunkle Abgründe. Oder sie lassen in Schwarz-Weiß-Ästhetik einen jungen Rapper (‚Gandu‘) gesellschaftliche Tabus niederreißen.
Hitzköpfe, Träumer, Außenseiter jagen ihrem Traum nach. ‚Bollywood and beyond‘ überschüttet das Publikum permanent mit unglaublichen Bildern. Liebe, die Triebfeder fast aller Filme, erstrahlt mal im grellen Licht, mal im fahlen Schimmer. Alles versammeln die Regisseure zu einem meisterlich fotografierten und feinfühlig inszenierten Krisenspektrum. Die Grenzen zwischen Lachen und Weinen verwischen.
Trotz Neubesinnung speisen sich die aktuellen Filme abseits des Mainstreams aus dem Natyasastra, dem umfangreichsten Kompendium zur darstellenden Kunst auf der Welt. Das zwischen 500 vor Christus bis 500 nach Christus entstandene Werk schreibt die Philosophie der Wiedergeburt fest, deren Kreislauf in allen indischen Künsten und Wissenschaften enthalten ist.
Die alten Leinwandgötter spüren, dass ihre Strahlkraft langsam erlischt. Neue Namen wie Siddharth, der in seinem brandaktuellen Mega-Hit ‚180’ die Probleme des Alltags einfach weglächelt und damit auf dem Festival in Stuttgart vertreten ist, geben dem guten alten Bollywood ein frisches Gesicht.
Zuschauer, die sich auf die fünftägige cineastische Expedition ‚Bollywood and beyond‘ in Stuttgart einlassen und die atemberaubende Abenteuerreise durch das aktuelle indische Kino wagen, werden viele neue Freunde finden.
Der andere Blick auf die Seelenlandschaft des Subkontinents zwischen Himalaya und Indischem Ozean erweitert den eigenen Horizont. Schließlich ziehen uns auch die neuen Kino-Magier in ihren Bann.
Hans-Peter Jahn
INDIEN AKTUELL